Samstag, 10. August 2013

Wer und wo sind die Armen?

der hl. Laurentius - Teil eines 
oberrheinischen Flügelalters aus
dem Umkreis des Meisters H.L.
(um 1530); Augustiner-Museum,
Freiburg
Der Diakon verteilte all das ihm anvertraute Geld und zog mit den Armen vor den Thron Valerians, um dem Kaiser den geforderten Schatz der Ekklesia zu bringen. Valerian, der bereits Papst Sixtus hatte enthaupten lassen, ließ daraufhin den römischen Diakon Laurentius auf einem glühenden Rost zu Tod foltern. Daran können wir heute am hohen Fest dieses Heiligen denken - an die Armen als den Schatz der Ekklesia.
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Immer wieder ist in diesen Tagen von den Armen die Rede. Die Elendsviertel Lateinamerikas, die er als Kardinal von Buenos Aires immer wieder besucht hatte, vor Augen, ermahnt Papst Franziskus die Ekklesia, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Ich fürchte allerdings, daß die Mahnung des Heiligen Vaters in der hiesigen Ortskirche auch dazu führen könnte, daß man sich zufrieden den Bauch streicht - endlich ein Thema, bei dem man mit dem Papst voll und ganz d'accord ist! - und auf die zahllosen kirchlichen Einrichtungen verweist, die im In- und Ausland aktiv sind. Deren Arbeit soll nun nicht kleingeredet werden - aber meint Papst Franziskus nicht mehr, als es der Betrieb institutionalisierer Fürsorge samt bürokratischem Hinterbau hergeben kann?
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Institutionalisierung ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist sie sinnvoll, um die vorhandenen Mittel zielgerichtet und bestmöglich einzusetzen. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, daß sich das dahinter liegende System rasch selbst genügt und den eigentlichen Beweggrund aller caritas aus dem Blick verliert. Zudem verführt Institutionalisierung dazu, unangenehme Begegnungen an die passende Stelle zu delegieren und sich "die Armen" so vom Leib zu halten - schließlich beschäftigt man ein Heer kirchlicher Sozialarbeiter. Was meine ich? Ein Beispiel: Bislang versorgten die Freiburger Franziskaner jeden Mittag einige Obdachlose mit einer warmen Mahlzeit - klassische kirchliche Armenpflege, sprichwörtlich mit Tuchfühlung. Die Franziskaner werden Freiburg verlassen. Für den leiblichen Hunger gibt es Alternativen - aber ob das Alternativen für den ganzen Menschen sind, für die hungrigen Mäuler und die erstickten Seelen?
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Eine andere Frage steht ebenfalls im Raum: Wer sind eigentlich "die Armen"? Ich meine jetzt nicht jene in Lateinamerika oder Afrika, sondern "die Armen" hierzulande. Und: Ist Armut, ob nah oder fern, nur eine Frage materieller Versorgung? Müßte die "Kirche vor Ort", also hier in Deutschland, wo Armut häufig im Vergleich zum durchschnittlichen Lebensstandard definiert wird und in der Regel nicht zwingend etwas mit hungrigem Magen oder mangelndem Obdach zu tun hat, müßte die Kirche hier nicht umso mehr alsdann die geistliche und seelische Not der Menschen umtreiben?
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Wenn wir in die Evangelien schauen, dann sehen wir immer wieder, daß Christus den ganzen Menschen in den Blick nimmt, wenn er heilt und hilft. Jedes Wunder des Kyrios ist auch immer ein Zeichen Gottes - ein Zeichen von Gott und eine Zeichen auf Gott hin.
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Oder werfen wir ein Auge auf das Geschehen am Jakobsbrunnen: Jesus weiß, was es heißt, körperlich durstig zu sein. Ermüdet durch die Wanderung von Judäa nach Galiläa bittet er die Samariterin um Wasser. Es entwickelt sich ein kleiner Disput, an dessen Ende wir erfahren, daß es ein Wasser gibt, das weit kostbarer ist als alle Wasser, mit denen wir nur den Durst des Leibes stillen können. Christus weiß aus eigener Erfahrung, wie notwendig wir Wasser für unsere leibliche Existenz brauchen. Aber er sagt uns, daß wir uns nicht damit zufrieden geben sollen, nur den Durst des Augenblicks zu stillen:
Wenn du die Gabe Gottes kenntest und den, der zu dir spricht: "Gib mir zu trinken!" - so würdest du ihn bitten, er möge dir lebendiges Wasser geben ... Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr dürsten. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einem Quell, der fortströmt ins ewige Leben (Joh 4, 10; 13 f.).
Wie viele Menschen, die dieses Wasser nie wirklich gekostet haben, mag es in unserem Land geben? Wie vielen Menschen wird der Weg zu diesem Wasser des Erlösers verdunkelt, verbaut, verstellt, von uns selbst und von kirchlichen Vertretern? Wie viele Menschen müssten "von den Rändern" der Gesellschaft des Glaubens, sozusagen vom Rand der communio sanctorum abgeholt und zu diesem Brunnen geführt werden? 
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Das hier zutage tretende Problem scheint mir aktuell weniger darin zu liegen, daß unsere Ortskirche zu wenig für die leibliche Notdurft der Armen unternimmt, sondern daß sie - von einer ausgedünnten Verkündigung einmal abgesehen, die aber über weltlichen Fragen hinaus kaum eine überzeugende Perspektive aufzeigt - zu wenig angesichts der geistlichen Not der Menschen aufbietet. Doch auch diese Armen sind ein Schatz der Ekklesia - aber einer, den sie zuerst einmal heben müßte - dabei helfe mit seiner Fürsprache der hl. Laurentius: Ora pro nobis!

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Mir scheint - du wirfst die Frage soeben auf, entwickelst sie aber nicht - das Problem das zu sein, daß Nächstenfürsorge eigentlich Aufgabe eines jeden Christenmenschen ist... die Institutionen können es oft besser, aber dafür wälzt man es ab.

Auf wen, ist dann zweitrangig, die Caritas oder Brot für die Welt oder Johanniter und Malteser tragen auch nicht unbedingt zum Brot das Wort auf... (anders als die Heilsarmee...)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Mhh, hätte man natürlich deutlicher betonen und entfalten können, wenngleich die Stoßrichtung des Textes ein wenig anders angelegt ist. Wie sagte noch der hl. Vinenz von Paul? "Liebe handelt" ... und dabei dachte er sicher nicht ans Delegieren. ;-)