Donnerstag, 1. August 2013

Der Ton macht die Musik. Schrille Töne um Papst Franziskus

So manche Entscheidung von Papst Leo XIII. stieß, glaubt man einer Anekdote, bei einem aufstrebenden Mitarbeiter des Staatssekretariats wiederholt auf Kritik – was dem Heiligen Vater nicht verborgen blieb. Daher ließ er den Prälaten nach Nordamerika versetzen. Der Priester, der nicht ahnte, wer diesen Ortswechsel in die Wege geleitet hatte, beklagte sich nun ausgerechnet bei Leo XIII. darüber. Der Papst habe ihm geantwortet: „Wissen Sie, wenn Sie mich hier kritisieren, erfahre ich es spätestens am nächsten Tag. Wenn Sie es in Nordamerika tun, dann höre ich davon erst Wochen später. Oder nie!“ Lächelnd gab er dem jungen Priester die Hand und wünschte eine gute Reise.
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Papstkritik ist eine Sache. Leo XIII. hatte offenbar ein entspanntes Verhältnis hierzu. Papstbashing ist eine andere Sache - und manchmal bin ich überrascht, wer sich da so alles beteiligt. Den Papst nun kann man kritisieren – Papst Franziskus macht da keine Ausnahme. Auch mir behagt nicht alles, was der Heilige Vater sagt und tut. Manche seiner spontanen und manchmal vieldeutigen Äußerungen finde ich etwas wirr, einige unklug, wieder andere widersprüchlich. Er scheint mir ein (im guten Sinn: unorthodoxer) Praktiker, dem ich manchmal dann doch einen solideren theoretischen Unterbau wünschen würde. 
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Wer aber bin ich, daß ich über den Heiligen Vater leichtfertig urteilen könnte? Schlimm alsdann, wenn die Kritik jedes gesunde Maß weit hinter sich läßt und Franziskus geradezu mit der Rute gestrichen wird! In den vergangenen Tagen – vor allem in Folge der Scharmützel rund um die Franziskaner der Immakulata – kamen mir hin und wieder Meinungen und Beiträge ansonsten kirchentreuer Blogger und Kommentatoren unter die Augen, die ich höchst grenzwertig fand oder welche wahrlich jenseits waren: nicht jenseits von Gut und Böse, sondern jenseits alles Guten.
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Wenngleich ich der Meinung bin, daß blogs auch davon leben, einer subjektiven Sicht ihrer Betreiber Gehör zu verschaffen und daß gerade dies in gewisser Weise das Salz in der Suppe sein kann, daß ferner das Gebot der Liebe zum Nächsten kein Friede-Freude-Eierkuchen-Imperativ ist und daß Kritik nicht reingefressen werden muß, so gilt es meines Ermessens dennoch nicht zu vergessen, wer hier im Zentrum der Auseinandersetzung steht: Jener Mann, den wir Katholiken den Heiligen Vater nennen, der uns in der Tat pneumatisch Vater ist und dem wir – wie unseren leiblichen Eltern – besondere Liebe und Ehre entgegen bringen wollen, wie es das vierte Gebot aufgibt.
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Wer den Heiligen Vater abkanzelt, als handele es sich um irgendein dahergelaufener Wisiki-Eumel, wer inquisitorisch offen oder unterschwellig unterstellt, der Heilige Vater mache sich schuldig, weil er sich zu diesem oder jenem Thema (noch) nicht äußer(t)e, wer dem Papst eine Mach-gefälligst-meine-Agenda unter die Nase reibt, dem fehlt, wäre er nicht von Gott ausdrücklich dazu berufen, in meinen Augen ein ganz wesentliches Element katholischen Lebens: das sentire cum ecclesia – der Gleichklang des Herzens mit der Kirche! Mit der Kirche, die Christi mystischer Leib und seine Braut ist, die der Kyrios gestiftet und dem Petrus anvertraut hat: Tu es Petrus – dieser Satz ist für einen Katholiken kein Lippenbekenntnis, sondern eine Herzenssache: Tu es Petrus, Jorge Mario Bergoglio - Du bist Petrus, Francisce!
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Warum spricht Papst Franziskus, nur um das an einem Beispiel zu beleuchten, nicht über Abtreibung? Warum betet er nicht den Katechismus detailliert herunter, wenn er über Homosexualität spricht, sondern sagt kurz, er stehe zur Lehre der Kirche und sei ein Sohn der Kirche? Weil er vor der Welt kriecht? Oder vielleicht, weil er weiß, daß die Welt andernfalls die Ohren ohnehin auf Durchzug stellen würde? Ich weiß es nicht – aber ich glaube, andere, die darob mit schrillen Tönen aufwarten, wissen es auch nicht besser als ich. 
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Wenn ich das nun aber thematisieren möchte, dann gilt angesichts des Vicarius Christi mehr als in allen anderen Fragen die Devise, daß der Ton die Musik mache. Angesichts diverser garstiger Kompositionen der letzten Tage hätte ich mir jedenfalls gewünscht, deren Urheber hätten die Zeit besser genutzt, für Franziskus zu beten, als ihn im Horizont ihres Gartenzaunes runterzuschreiben. Die grauhaarigen Kirchenvolksrentner etwa können sich zufrieden zurücklehnen, wenn wir nun selbst anfangen, den Heiligen Vater fertigzumachen und zu demontieren – und übrigens: damit spielen wir dieser Deformationsfront auch ein gutes Stück Deutungshoheit über Tun und Lassen von Papst Franziskus leichtfertig die Hände, die man sich dorten darob schon jetzt genüsslich reibt.

Kommentare:

Stanislaus hat gesagt…

Gebe Dir vollkommen recht!

clamormeus hat gesagt…

Es soundet wie mehrere dissoziierter Hummelschwärme ohne Navi auf Trip.

Nüchterne sachliche Erörterungen scheinen gerade kaum möglich oder nur mit wenigen.

Ja, wenigstens nicht so laut und schrill brummen allseits, hätte was.

Matthäus hat gesagt…

O ja!
lG Mt

Frischer Wind hat gesagt…

So ist es. Danke.

zeitschnur hat gesagt…

Ross und Reiter? Grenzen anmahnen, ohne sie auch konkret zu ziehen? Tut mir leid - aber der Appell im Sinne von "Das gehört sich nicht!" ohne deutliche Kennzeichnung dessen, was sich nicht gehört, ist nicht hilfreich... Wenn Sie nun sagen wollten: "Der Ton macht die Musik" oder etwas in dieser Art: welcher Ton macht welche Musik? frage ich zurück. Allein Sachinhalte und Argumente zählen - auch in der Diskussion des Glaubens. Und dann gibt es nur Wahrheit oder Falschheit. Alles andere ist Sentimentalität.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Berechtigter Einwand! Ich greife jetzt man ganz hoch hinaus ... bei den Vorsokratikern gibt es irgendwo den Satz "Der Gott, dem das Orakel von Delphi gehört, spricht nichts aus und verbirgt nichts, sondern er deutet an". *Pathos aus* ;-)

Ich halte es aktuell nicht für zielführend, wenn ich selbst anfange, Roß und Reiter und vor allem Blogger zu benennen, die ich bei diesem Eintrag im Auge hatte. Mir ist der Zusammenhalt traditionsfreudiger und "konservativer" Blogger gerade in diesen Zeiten wichtiger als potentielle Scharmützel untereinander, weil sich womöglich einer ans Schienbein getreten fühlt. Dies nun mögen Sie vielleicht auch "sentimental" nennen, angesichts so vieler Menscheleien, deren wir alle leider immer wieder erliegen, sollte man die Sache abwägen und in die Rechnung einbeziehen - denn auch mit solchem Zwist arbeiten wir der Gegenseite in die Hände.

Verstehen Sie den Text als - gewiß hie und da etwas harsch - formulierte Anregung, die jeweils eigene Anschauung zu erforschen.

zeitschnur hat gesagt…

Vielen Dank für diese Antwort - bloß überzeugt sie mich nicht. Zu viele Hindernisse stehen im Raum. Z.B. das Hindernis, dass die von Gott verliehene Papstwürde nicht einfach abgelegt werden kann - undd amit meine ich Benedikt, der ja selbst gesagt hat, er habe weiterhin teil am Petrusdienst. Papstsein ist nicht einfach ein schnödes, vom Volk verliehenes oder selbstbestimmtes "Amt" im modernen Sinne, sondern eine ewige Würde, für die man bis zum letzten Atemzug grade stehen muss... So eben wie als Mutter - das kann man auch nicht "ablegen", davon "zurücktreten". Wir sehen ja, wie kompliziert und kaputt all jene Kinder sind, deren Mutter das irgendwann versucht hat...
Das Problem liegt hier also viel, viel tiefer, als wir es ahnen. Wir sind auch nicht zum hündischen gehorsam verpflichtet. Petrus hat nicht recht, weil er jetzt positivistisch gesehen Petrus ist. Viele treue Katholiken leiden daran, dass F. der Würde Petri kaum gerecht wird...und der eigentlich, ursprünglich mit dieser Würde versehene Papst noch lebt. Hier stimmt etwas gar nicht. Und das wissen Sie und dass wissen alle und das weiß ich, tief im herzen. Da nützen keine Appelle und Durchhalteparolen. Es ist eine Zerreißprobe, die iwr erleben und daher kommt auch manches überzogene Wort.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Ich glaube, Sie zu verstehen - ich habe zwar mit dem Rücktritt Benedikts vielleicht etwas weniger zu kämpfen und mich irritiert die Situation, sozusagen "zwei" Päpste zu erleben, etwas weniger. Aber der Gedankengang ist mit insofern vertraut, als ich mich immer vom Umstand berührt sehe, wenn Priester "laiisiert" werden und alsdann heiraten können. Mir scheint das ein Unding - die Kirche winkt es aber durch.

Es geht mir nicht um hündischen Gehorsam, aber um einen kirchlichen Sinn, eben jenes Sentire. Für uns heißt das: Franziskus nicht anhand der Tradition zu messen, sondern ihn anhand der Tradition zu verstehen und dieses Verständnis gegen die Vereinnahmungen der Gegenseite zu verteidigen. Also auch hier: Hermeneutik der Kontinuität.

Ich habe in meinem bisherigen Leben bereits diverse "katholische" Gruppen kennengelernt (bis hin zu Sedisvakantisten, bei denen ich ohne entsprechendes Hintergrundwissen die "Alte Messe" kennengelernt habe). Um es etwas abzukürzen: Ich reagiere in der Tat heute etwas allergisch auf Tendenzen, die etwa die Kirche der Gegenwart gegen eine "Kirche des ewigen Roms" ausspielen wollen, als wäre der mystische Leib Christi ein Schizophrenie-Patient und nicht nur der Rock Christi zerrissen, sondern der Herr selbst.

Ich fürchte, auch dies wird Ihnen keine befriedigende Antwort sein. Ich habe aber angesichts der Lage auch keine auf Lager.

Wie es aussieht, prüft und läutert der Herr die Kirche seit fünf Jahrzehnten mit einer Radikalkur. Abgesehen davon, daß wir Gottes Plan ohnehin nicht durchschauen können, stecken wir selbst in diesem Prozess und vermögen ihn so noch weniger zu überblicken wie vielleicht später die Nachgeborenen.

Wenn ich doch eine kleine Deutung auf nur einem Gebiet wagen darf ... nehmen wir die Heilige Liturgie. Vor dem Konzil war der Ritus im Regelfall business as usual - wer ihn heute wieder feiert, tut es in der Regel aus ganzem Herzen und ganzer Seele - und auch wenn Liturgie nicht originär unser Handeln ist, so sind wir doch die Erfüllungsgehilfen, für die nicht gelten soll, daß sie Gott mit den Lippen ehrten, derweil das Herz fern war. Bei dieser Andeutung will ich es belassen.