Samstag, 13. Juli 2013

Zu Kult und Sprache, Liturgie und Latein

Odo Casel OSB
Zu der aus dem Wesen hervorgehenden Form gehört auch die Sprache. Sie ist nicht die Sprache des Alltags, auch nicht die gehobene Sprache des eigenen Volkes, sondern eine durch Alter, Tradition, Geschichte ehrwürdige Kultsprache, bei uns die lateinische.
Eine besondere Auszeichnung dieser Sprache besteht schon darin, daß sie über die nationalen Grenzen der Neuzeit hinweghebt und einen religiösen und kulturellen Universalismus bekennt. Sie führt uns damit in das Mittelalter zurück, wo es ein kräftiges Volkstum gab, über den völkischen Grenzen aber eine wirklich europäische Kultureinheit sich wölbte. Schon durch die eine lateinische Sprache stellte die Kirche des Abendlandes ein ins Geistige und Religiöse erhobenes Imperium Romanum dar, wie ja auch historisch der Gebrauch der kirchlichen Sprache auf der Ausdehnung des römischen Reiches beruht. Im Osten, wo die Römer auf die überlegene hellenistische Kultur stießen, hat auch die Kirche das Griechische, Syrische, Koptische beibehalten. Aber auch in diesen Teilen der Kirche wird nicht die lebende Sprache, sondern eine ältere, unveränderliche Form von ihr im Kulte gebraucht.
Der Kult, der sich an Gott wendet, Gott ehren und die Menschen zu Gott führen will, benutzt bei allen Völkern lieber über den Alltag erhobene, feststehende, vom Geheimnis umwitterte und dadurch das Ewige der Gottheit andeutende Formen. 
Das Mysterium will nicht im grellen Lichte allen sichtbar dastehen, es will seinen übernatürlichen Wert auch im kostbaren, seltenen Gewande zeigen. (*) "Cotidiana vilescunt - Das Alltägliche wird gemein", ist ein alter, wahrer Spruch. 
Zugleich bringt die fremde Sprache eine größere Ruhe in die Liturgie. Was in der eigenen Sprache grell und aufdringlich wirken könnte, das beschwichtigt sich, nimmt ruhigere und vornehmere Gebärde an durch den Edelglanz der altgeheiligten Worte. 
So dient denn auch die liturgische Sprache der von der Liturgie zu lösenden Aufgabe, zu den Menschen vom Göttlichen zu reden, sie nicht etwa über Leid und Mühe hinwegzutäuschen, sondern jene innerlich zu überwinden und die Menschen etwas von der Verklärung des Himmels, seiner Harmonie und seinem Glücke kosten zu lassen, so wie die Abendsonne mit ihrem Glühen die Stätten der Menschen die Stätten der Menschen, die tagsüber Leid und Mühe gesehen, vergoldet und verklärt.
(*) [Verweis auf Fußnote 15] Nebenbei sei bemerkt, daß unsere heutige, vom Subjektivismus zersetzte Sprache gar nicht imstande ist, ohne eine Reinigung und Erhöhung die objektiven göttlichen Werte der Liturgie auszudrücken, so wenig wie etwa unsere heutigen Gesten ohne weiteres in den Kult übernommen werden können.
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Odo Casel OSB: Aus dem Kapitel Der heilige Tag der Kirche. In: Das christliche Kultmysterium. Regensburg (4) 1960. S. 109 f.

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

So dient denn auch die liturgische Sprache der von der Liturgie zu lösenden Aufgabe, zu den Menschen vom Göttlichen zu reden,
Sicher. Wenn sie kein Wort davon verstehen und das gehörte hoc est corpus schon auf dem Heimweg zu Hokuspokus wird, dann haben die Menschen wundersam was vom Göttlichen verstanden. Da haben sie erstaunliche Gotteserkenntnis erfahren, die sie wirkmächtig vom Aberglauben ab- und dem Herrn Christus zugewandt hat.

Und das ist keine Entwicklung der Neuzeit, sondern gerade des Mittelalters, wo auch schon die meisten kein Latein konnten. Die Priester übrigens auch nicht, sie haben jahrhundertelang nur Zeugs vor sich hingemurmelt, das halbwegs so klang wie die lateinische Liturgie.

Ermahnt nicht der Apostel Paulus: "wer in fremden Sprachen redet, spricht nicht zu Menschen, sondern zu Gott, denn niemand versteht. ... Wer in Fremdsprache spricht, erbaut sich selbst, wer aber prophetisch redet, erbaut die Ekklesia. Ich wollte, ihr sprächet alle in Fremdsprachen, aber vor allem, daß ihr prophetisch redet, denn der prophetisch Redende ist größer als der in Fremdsprachen redende, es sei denn, dieser übersetze es, damit die Ekklesia Erbauung erfahre. Wenn ich nun, meine Brüder, zu euch komme und spreche fremde Sprachen, was nütze ich euch, wenn ich nicht zu euch rede, sei es zur Offenbarung oder zur Kenntnis oder prophetisch oder zur Lehre? ... Wenn mir die Macht einer Sprache nicht gegeben ist, bin ich für den Sprecher ein Fremder (Barbar) und er für mich." (1Cor14)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Alles schön und gut, aber Du verkennst (wie übrigens viele meiner katholischen Mitchristen auch), daß die Ekklesia verschiedene Felder bestellt - es ist nicht alles immer und überall Verkündigung und Pastoral! Diese haben ihre Erfordernisse und ihre jeweiligen Orte - die Feier der Mysterien (oder, um einen etwas jüngeren Ausdruck zu verwenden: der Sakramente) sind nicht Verkündigung in erster Linie und nicht Pastoral, sondern intimste Zuwendung und lebendiges Handeln Gottes am Empfänger, verbürgt unter den Zeichen diverser Riten, welche die Ekklesia unter der Verheißung des Pneumas vollzieht. Und diese rituelle Gestalt bedarf eines gewissen Schutzes.

Erklären kann man sie bei anderer passender Gelegenheit. Deswegen ist die Korintherpassage hier auch letztlich fehl am Platz.

Mißstände gibt es immer und man muß dagegen vorgehen. Sie verweisen in ihrer Eigenschaft als Mißstand aber auch auf ein zugrunde liegendes Gutes. Und manches ist so gut, daß man sogar Mißstände zuweilen in Kauf nimmt.

Der hl. Bonifatius übrigens hat sich beim Papst eines Tages über einen fränkischen Priester beschwert, der die Taufe "In nomine Patria et Filia et Spiritus Sancti" vollzog und gefordert, diese Taufen müßte nochmals gespendet werden. Der Papst entschied dagegen - es geht also nicht, um diesen Einwand vorweg zu nehmen, dabei um "Zaubersprüche", die natürlich nur wirken, wenn man sie exakt einhält ...

Das Wort vom "Hokuspokus" ist meines Wissens übrigens auf protestantischem Mist gewachsen ;-)

Wolfram hat gesagt…

Das Mysterium fidei ist groß genug auch ohne unverständliche Beschwörungen drumherum.
Und die Sakramentenlehre, so leid es mir tut, ist zwar mehr oder weniger auf biblische Texte aufgebaut, aber nicht zwingend (!) aus ihnen herzuleiten. Und schon gar nicht herzuleiten aus der Bibel und den frühchristlichen Schriften ist ein Mysterienkult für Eingeweihte - im Gegenteil, gnostische Züge werden immer abgewehrt, und dann wollen wir solche Einstellungen doch den Freimaurern überlassen, nicht wahr? :D

Vor allem aber ist die (behauptete) Solennität der Fremdsprache den Christen der ersten Jahrhunderte völlig fremd - und das Lateinische ist eine aufgestülpte Sprache, wenn mans historisch nimmt, denn die Christen der ersten Jahrhunderte sprachen Aramäisch und Griechisch. Jesus hat übrigens kein Latein gesprochen oder verstanden...

Was ich über Päpste und Konzilien und ex aequo natürlich auch über Synoden und deren Irrtumsfähigkeit denke, kannst du dir denken. Falls nicht: Leipzig 1518. ;)

Und von wegen Protestanten - wenn man jenen englischen Prediger des XVII. Jahrhunderts dafür heranzieht, muß man auch berücksichtigen, daß die Church of England zwar organisatorisch, aber nicht dogmatisch die Trennung von Rom vollzogen hat... weshalb Rom ja auch immer mal wieder Heimkehrangebote macht.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Dinge entwickeln sich nun mal, dazu hat, ich erwähnte es schon, der Herr seiner Ekklesia das Pneuma verheißen ... die Mysterien der Heiden bargen die dunkle Ahnung des Kommenden. Was ist die Taufe etwa anderes als eine Mysterienhandlung?
Zwischenfrage: Feierst Du das Abendmahl eigentlich im Liegen?

Das Wort nach von den "Beschwörungen" weise ich übrigens zurück. Das ist nach Hokuspokus ebenfalls annähernd beleidigend ...

Klar, Konzilien und Päpste können irren, nur nicht die Herren Reformatoren, schließlich hat das der Ekklesia verheißene Pneuma ab 500 auch tausend Jahre lang geschlafen ... ;-)

Wolfram hat gesagt…

Nun, da sich die Dinge entwickeln, ist auch das Lateinische nicht für die Ewigkeit festgeschrieben. ;)
Und feiere ich das Abendmahl nicht im Liegen - nicht mal im Sitzen, wie auf den meisten mittelalterlichen Darstellungen zu sehen.

Die Taufe wie auch das Herrenmahl sind keine Mysterienhandlungen (Mysterion - Geheimnis), sondern Symbolhandlungen - wobei ich Symbol als Zeichen verstehe, Zeichen im Sinn der Zeichenhandlung der Propheten (Jeremias Joch etwa, das Zeichen drückt vollmächtig eine Wirklichkeit aus) und nicht im neuzeitlichen Sinn (Piktogramm), aber auch den Bezug zum Bekenntnis als "Symbolon" nicht verlieren möchte. In der Symbolhandlung ist Gott am Werk.

Der Satz mit den Beschwörungen sei bitte so verstanden, daß er ausdrückt, was der des Lateinischen Unkundige davon mitbekommen kann und wird; du weißt (hoffentlich), daß ich als guter Lutheraner dem Katholizismus wesentlich näher stehe als den seltsamen Lehren aus Zürich oder auch dem komplizierten Geschreibe aus Genf.

Habe ich die Herren Reformatoren für unfehlbar bezeichnet? Das sei ferne! Wir sind alle fehlbare Menschen und müssen auf die Erleuchtung durch den Geist Gottes hoffen und bauen - aber den hat nun mal keiner gepachtet, weder ein Papst noch ein Konzil noch eine Synode noch sonst ein kirchlicher Lehrer.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Sehr wohl sind die Sakramente Mysterienhandlungen - nicht von ungefähr wurde das, was wir heute Sakramente nennen, einst "Mysterium" genannt, ehe die Reflektion die Begriffe schärfte - was nichts daran ändert, daß ein Sakrament immer auch ein Mysterium ist, die Spendung eines Sakramentes eine Mysterienhandlung und der rituelle Rahmen ein Kultmysterium: "Wisset ihr nicht, daß wir, als wir in Jesus Christus getauft wurden, in seinem Tode getauft wurden? Begraben wurden wir mit ihm durch die Taufe in den Tod ..." (Röm 6, 3) - was ist das anderes als eine Mysterienhandlung? Eine - auch weit gedachte - Symbolvorstellung vermag die Tiefe dieser Aussage nicht zu fassen. Symbol mag das Untertauchen sein, die Erweckung zu neuem Leben aber ist Mysterium.

Die Reduktion des Begriffes Mysterium auf die Verdeutschung "Geheimnis" halte ich ohnehin nicht für glücklich, da der deutsche Begriff keinerlei Anknüpfungspunkt bietet, daß Gott im Mysterium am Menschen handelt.