Dienstag, 23. Juli 2013

Wider die liturgische Gleichmacherei

Odo Casel OSB
Nicht alles ist für alle! und nicht alles muß sofort allen offen stehen! Das Mysterium bleibt immer Mysterium! Es offenbart sich allmählich den Augen der Reinen und Demütigen. Damit predigen wir keine "Esoterik"; denn nicht intellektuelle Bildung und ästhetische Kultur, wohl aber die Demut und Reinheit des Herzens und die Hingabe an Christus und die Kirche erschließen den Zugang zu den christlichen Mysterien. Das Wesen des Mysteriums ist etwas in hohem Grade Volkstümliches, gerade weil das Volk das Konkrete liebt und zugleich das Göttliche als Geheimnis anerkennt.
Es gibt aber, wie die Väter uns lehren, Stufen der Erkenntnis; und das ist äußerlich dadurch dargestellt, daß die Priester im Sanktuarium des Altares, ihnen zunächst die Mönche und Jungfrauen, dann das heilige Volk Gottes steht. Manche Schwierigkeiten der liturgischen Erneuerung würden bei sorgfältiger Beobachtung dieser altkirchlichen Anschauung verschwinden.
Hat die Kirche nicht mit weiser Absicht den Schleier der Kultsprache über die Liturgie gebreitet, weil eben das Mysterium nicht im grellen Lichte des Alltags stehen soll? Ist es deshalb nötig, daß alle Texte verdeutscht werden, alle Riten bis ins letzte sichtbar sind? Geht damit nicht etwas Unersetzliches, eben der Schimmer der Heiligkeit, den das Volk mehr schätzt als Verständlichkeit bis ins letzte, verloren? Die sicher sehr gute Absicht, das Volk zur aktiven Teilnahme an der Liturgie zurückzuführen, darf nicht zur demokratischen Gleichmacherei ausarten (*).
Die Hierarchie, d.h. die heilige Ordnung und Würdenabstufung der Werte, muß auch in der Liturgie beibehalten werden. Dadurch entsteht erst die wahre Gemeinschaft der ganzen Ekklesia, daß jeder Stand dem anderen von seinem Besitze mitgibt. 
Gemeinschaft besteht nicht darin, daß jeder das gleiche hat, sondern daß der eine dem anderen von seiner Fülle schenkt und von der Fülle des anderen seinen Mangel ergänzt. Auf diesem gegenseitigen Schenken baut die Liebe auf. Da erfüllt sich das Wort Pauli von dem Leibe Christi, der "durch die gegenseitige unterstützende Verbindung in Kraft nach dem Maße eines jeden Gliedes das Wachstum des Leibes bewirkt zum Aufbau seiner selbst in Liebe" (Eph 4, 16).
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(*) [Verweis auf Fußnote 136] Auf dieses falsche Motiv hat mit Recht aufmerksam gemacht L. Verwilst O.P., De Stand van den Priester aan het Altaar (Lit. Tijdschr. 11 [1930] 321-327), der sich in erster Linie gegen den modernen Versuch wendet, den Altar so aufzustellen, daß er gewissermaßen im Mittelpunkt der Kirche steht, daß also ein eigenes Sanktuarium wegfällt. V. sieht darin auch eine Folge des "democratischen Tijdgeest. Het volk muot overal bij wezen, alles muot voor het volk toegangelijk zijn, open en bloot liggen ..." Die Kirche aber hat immer danach gestrebt "om het heilige te omsluieren", damit die Ehrfurcht gewahrt bleibt.
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Odo Casel OSB: Das christliche Kultmysterium. Regensburg (4) 1960. S. 72 f.

1 Kommentar:

Frischer Wind hat gesagt…

Sehr schön! Und wie aktuell - immer noch!

Vielen Dank für die Zugänglichmachung dieser wertvollen Texte!