Sonntag, 28. Juli 2013

Von den Katakombenheiligen

St. Candida - ehem. Klosterkirche St. Fides und Markus, Sölden
Kostbar sei in den Augen des Herrn, so heißt es in den Psalmen, der Tod seiner Heiligen. Im Stundengebet zur Prim leitet dieser Vers die Bitte um die Fürsprache Unserer Lieben Frau und aller Heiligen nach der Verlesung des Martyrologiums ein. Dieser kostbare Tod der Heiligen wurde im Barock geradezu inszeniert - davon zeugen nicht wenige Schreine mit Gebeinen, die in jener Zeit sprichwörtlich "zur Ehre der Altäre" erhoben und zentral über der Mensa platziert wurden. Es handelt sich hierbei um sog. Katakombenheilige. Bei meinen Rundgängen durch die Kirchen meiner Heimat bin ich hier und dort auf solche Gebeine gestoßen. Was aber hat es mit den Katakombenheiligen auf sich?
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St. Demetrius - Pfarrkirche St. Michael, Löffingen
Die Geschichte beginnt 1578 mit der Wiederentdeckung der römischen Katakomben. Da man damals in den dort bestatteten Toten fast ausnahmslos Martyrer der christlichen Frühzeit zu erblicken glaubte, wurden den Grabstätten immer wieder Gebeine als Reliquien entnommen. Die Auswahl war keineswegs gering. Eine "Inventur" kommt 1589 auf die stattliche Zahl von rund 174.000 Toten im Sebastians-Zömetrium und den Calixtus-Katakomben, darunter 46 Päpste. Diese Hinterlassenschaften fanden nicht zuletzt im süddeutschen Raum dankbare Abnehmer; das 17. und 18. Jahrhundert zählt zu den Hochzeiten des Martyrerkultes um diese Heiligen. 
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Man investierte nicht wenig in die entsprechenden Leiber. Kosten fielen etwa für die Beurkundung der Authentizität an und für den Transport samt einer mitunter höchst aufwendigen und schmuckvollen Zurichtung der Gebeine, was in der Regel den Schwestern lokaler Klöster anvertraut wurde. Heute ist man geneigt, all dies als tumben Mummenschanz der Altvorderen abzutun und zu belächeln, wenngleich ...
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St. Felix - ehem. Klosterkirche St. Johannes Baptist, Friedenweiler
... in diesem Prozedere ein deutlicher Modernisierungsschub der frühen Neuzeit an den Tag tritt. Denn man muß sich erstens vor Augen führen, daß es - im Vergleich zum wild wuchernden Reliquienwesen des Mittelalters - nun möglich wurde, an Reliquien zu kommen, deren Herkunft beglaubigt war. Heute würden wir sagen: Diese Reliquien waren "zertifiziert". Und zweitens: Dieses Zertifizierungsverfahren war mit nachvollziehbaren Regeln ausgestattet - etwa wurde darauf geachtet, ob der Verschluß der Grabstätte mit einem christlichen Symbol (Taube, Ölzweig, Christusmonogramm) oder einer entsprechenden Inschrift versehen war.  Ein bis heute besonders bekanntes Beispiel hierfür gibt zum Beispiel die hl. Philomena ab, deren in drei Teile zerbrochene Verschlußplatte zusammengesetzt die Inschrift Pax tecum Philumena entbarg - was auf das Grab einer Christin zu deuten schien.
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Was sagt uns das? Nicht mehr und nicht weniger, als daß man trotz der (zugegebenermaßen irrigen) Annahme, die in den Katakomben bestatteten Toten seien fast ausschließlich Martyrer gewesen, nach weiteren Indizien fahndete, um sich wirklich sicher sein zu können, "echte"Reliquien christlicher Blutzeugen vor sich zu haben. 
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St. Justina - ebenfalls in Friedenweiler
Als Echtheitsindiz konnten zum Beispiel auch Gefäße gelten, die wahrscheinlich einmal Duftessenzen enthielten, Jahrhunderte später aber als Behältnis für Blutreste des Martyriums angesehen wurden. Anhand von Kleidungsfragmenten und Beigaben versuchte man überdies den Stand der Toten zu bestimmen. Oft schwierig, aber für die "Echtheit" ohnehin nicht von Belang, war die Zuweisung eines Namens. Insofern wurde erst im Rahmen der "Zertifizierung" so mancher Katakombenheilige "namhaft" - er bekam einen Namen verliehen.
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Es gilt also festzuhalten, daß die menschlichen Überreste der Katakombenheiligen einem nach Wissen und Möglichkeiten der damaligen Zeit durchaus rationalen Verfahren unterworfen wurden, ehe deren "Echtheit" bestätigt wurde. 
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St. Constantius - ehem. Klosterkirche St. Märgen
Wie nun können wir uns heute diesen "Reliquien" nähern? Vielleicht so: Der Umstand, daß nicht alle in den Katakomben bestatteten Toten ihr Leben im Martyrium für Christus eingesetzt haben, bedeutet noch lange nicht, daß keiner der dort Geborgenen ein Martyrer gewesen sei. Die Lebensgeschichten und Legenden, die jeweils lokal erzählt werden, rühren freilich zumeist davon, daß man den jeweiligen Heiligen mit einem bekannteren Namensgenossen identifiziert hatte. Sie sagen also sehr wenig bis nichts über die Personen aus, deren Überresten wir uns gegenüber sehen. Deren Leben ist verborgen in Gott - so möchte man aus der Not heraus sagen und sagt damit doch das Wesentlichste, was man über einen Heiligen nur sagen kann.
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Insofern hat jener Katakombenheilige, dessen Schrein ich in Kenzingen fand, einen sehr hohen Verweischarakter auf das verborgene Leben in Gott. Nirgendwo konnte ich einen Namen dieses Heiligen ausfindig machen. So ruht er in der Mensa eines kleinen, etwas verstaubten Altars abseits des Kirchenschiffs. Nichts weist auf ihn hin. Er kommt mir fast ein wenig wie "der unbekannte Soldat" unter den Katakombenheiligen vor - und gerade dadurch verrät er - durch die Nachlässigkeit der Gegenwart meinethalben unfreiwillig - viel über all diese "heiligen Gebeine" in unseren Kirchen ...
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"Namenloser" Katakombenheiliger - Pfarrkirche St. Laurentius, Kenzingen  
So ehren wir denn die Heiligen nicht um ihrer selbst willen, sondern wir ehren in ihnen Gott und preisen seine Herrlichkeit, die sich immer wieder wunderbar in den Menschen zeigt. Was die Hersteller Benediktinerin Ämiliana Löhr mit Blick auf die gesamte Ekklesia einst geschrieben hat, kann auch hier gesagt werden:
Die Heiligkeit der (christlichen) Heiligen ist die Heiligkeit Gottes. Auf dem Weg des Christustodes, den sie im Taufsakrament sterben, ...
und das ist, möchte man hinzufügen, unser aller "Martyrium", das allein schon den Himmel zu öffnen vermag ...
... gewinnt sie Raum in ihnen und begründet als vielfältiger Widerschein des "Allein Heiligen" die "Gemeinschaft der Heiligen": die "una sancta" als geschöpfliche Spiegelung des "solus sanctus".
Wenn wir uns auf diese hinter all diesen "Reliquien" aufscheinende Botschaft einlassen, so können uns unsere Katakombenheiligen (selbst wenn man hinter deren Provenienz hier und da ein Fragezeichen setzen möchte) gewiß den einen oder anderen Strahl des vielfältigen Widerscheins des "Allein Heiligen" vermitteln - und das nicht nur, weil sie so prachtvoll ausstaffiert in ihren Schreinen ruhen bis zur Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag.

Kommentare:

sophophilo hat gesagt…

Sehr schön, danke!

In St. Martin haben wir in der Marienkapelle den kompletten Felicianus ruhen. Doof nur, dass irgend ein italienisches Kloster, habe vergessen welches, ihn auch "komplett" hat... so is das eben manchmal. :)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Den hl. Felizian hätte ich auch noch eingebaut, aber die Bilder, die ich von dem Schrein mal gemacht hatte, sind alle nicht besonders gut geworden - und als ich in diesem Jahr in der Woche nach dem Fest extra vorbeigeschaut habe, war der Schrein leider wieder hinter dem Antependium versteckt - im Gegensatz zu früher, als die Mensa in der Oktav geöffnet blieb. :-(

Meines Wissens gibts den hl. Felizian auch noch in Innsbruck, aber das gehäufte Erscheinen sollte durch die kleinen Erläuterungen auch ohne die Annahme einer mutmaßlichen Bi-/Tri-/Quatrolocatio (etc.) hoffentlich erklärlich geworden sein ... ;-)

Simplicius hat gesagt…

Sehr schöne Erklärung!

Vielleicht mag man auch sagen, dass die Verehrung des Gottesvolkes, ganz sicher, wenn er eine Universalität erreicht, die "Echtheit" des Heiligen bezeugt - nun mal ganz unabhängig von der Reliquienfrage.
Wenn die Ekklesia einen Heiligen zur Verehrung und zum Beispiel vorstellt, handelt es sich doch auch um eine Art Glaubensbekenntnis (nämlich das Bekenntnis der Gemeinschaft und Glorie der Heiligen), wie der hl. Thomas sagt. Und hier kann zumindest die ganze Kirche schwerlich irren. Häufiger irrt da ein voreiliger Historizismus, wie jüngst am Beispiel der Altarorientierung der antiken Kirche aufgezeigt wurde...