Freitag, 12. Juli 2013

Vom Tag

... Diese Not besteht aber zu einem großen Teil darin, daß unsere Tage keine Tage mehr sind. Keine Tage mehr in dem Sinne, in dem die Heilige Schrift vom Tage spricht. 
Der Tag ist Gottes, sagt sie uns, sein Werk und darum sein Eigentum. Als erstes von den Dingen dieser Welt trat er mit dem Lichte zugleich ins Dasein: "Es ward Abend und Morgen: ein Tag" (Gen 1, 5). "Dein ist der Tag" (Ps 73, 16), bekennt darum der Psalmist, und: Ordinatione tua perseverat dies (Ps 118, 91; Vulg.). "Durch deine Ordnung dauert der Tag".
Wir aber sind aus der Ordnung Gottes herausgefallen; darum hat unser Tag keine Dauer mehr. Er rinnt uns unter den Händen weg, und am Abend ist er wie nicht gewesen. Wir haben in mechanisch in wohlgemessene, völlig gleiche Zeitstücke geteilt, und so brauchen wir ihn auf, stückweise, nach unserer Ordnung, als, als unser Eigentum, und verlieren ihn umso mehr, je besser wir ihn zu nutzen trachten; denn die Ordnung des Menschen hat keinen Bestand.
Wollten wir nicht Herr sein über den Tag und ihn regeln und verbrauchen, als wäre er unser, wollten wir ihn aus Gottes als Gottes Eigentum empfangen und Gottes Ordnung in ihm erkennen, so wäre kein Tag uns verloren: ein jeder käme und brächte uns Gaben und ließe Samen der Zukunft in uns zurück. Dann erführen wir den Reichtum des Tages, in dem der Morgen seine eigene Gnade hat, eine andere der Mittag und wiederum der Abend die seine. Dann erkennten wir, daß der Herr anders in der Frühe zu uns kommt und anders in der dritten Stunde, anders in der sechsten Stunde, anders in der neunten und wieder anders am Abend, und daß er doch zu allen Stunden der gleiche ist, ob er auch die Gestalt seines Kommens wechselt, um unseretwillen, die wir das Göttlich-Eine und Immer-Gleiche noch nicht zu ertragen vermögen; und daß keine Stunde des Tages ist, es sei die dunkelste oder die hellste, in der er nicht käme.
Aemiliana Löhr OSB: Abend und Morgen ein Tag. Die Hymnen der Herrentage und Wochentage im Stundengebet. Regensburg 1955. S. 10 f. - Bilder: Sonne und Mond als Emblemata in der Pfarrkirche St. Alexius, Herbolzheim / Baden.

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