Dienstag, 2. Juli 2013

Maria auf dem Weg

Kurz nach der Verkündigung machte sich Maria, so berichtet es Lukas (Lk 1, 38 ff.), eilends auf den Weg zu Elisabeth, ihrer Base, die als unfruchtbar galt und ebenfalls ein Kind erwartete, wie der Engel zu berichten wusste.
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Maria auf dem Weg zu Elisabeth -
Marienaltar, Pfarrkirche St. Nikolaus, Lenzkirch
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Maria machte sich eilends auf. Warum eigentlich?
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Natürlich steht frohe Kunde im Raum: Elisabeth sei, höchst unvermutet, schwanger. Schaut man da nicht vorbei, freut man sich nicht mit der Mutter gesegneten Leibes? Bringt man nicht gute Wünsche und die freudige Nachricht mit, man teile dieses Glück, trage ebenfalls ein Kind unter dem Herzen? 
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Dies alles mag zutreffend sein. Ich könnte mir aber vorstellen, daß noch ganz andere Beweggründe Maria antrieben, eilends den Weg zu Elisabeth einzuschlagen.
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Stellen wir uns vor, uns würde widerfahren, was Maria mit der Verkündigung zuteil ward - sähen wir unseren Lebensentwurf nicht total aus der Bahn geworfen? Und stellen wir uns vor, wir würden eine Nacht über das Erlebte schlafen - käme es uns am Tag danach noch real an? Oder wären wir nicht zutiefst verunsichert, vielleicht ja der Botschaft wegen, die an uns erging, eher aber der Möglichkeit wegen, wir könnten uns das alles nur eingebildet haben, könnten einer Halluzination, einem Wahn aufgesessen sein? Vielleicht diente Marias Reise zu Elisabeth auch in diesem Sinn einer Klärung des Erlebten? Marias Weg war, denke ich, gewiß ein Weg der Freude und der Hoffnung, aber vielleicht ja auch ein Weg des Zweifels und der Frage. Hatte denn nicht der Engel das, was an Elisabeth geschah, geradezu als Beleg angeführt, daß sich alles so verhalte, wie er es sage? Würde sie, würde Maria ihre Base schwanger antreffen, so wäre verbürgt, wovon der Engel sprach, wäre die Stunde von Nazareth nicht Traum, nicht Wahn; es wäre das Ungeheuerliche beglaubigt - daß Gott selbst es gewesen, der auf seine Magd herabgeschaut, in das Leben der Jungfrau aus Nazareth eingetreten ist!
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Maria fand das Wort des Engels bestätigt und ihre letzten Zweifel, das vermute ich jedenfalls, aus der Welt geschafft. Sie stimmt das Magnificat an, jenes große Lied, das ganz von der Hoffnung Israels auf den verheißenen Messias durchdrungen ist, der das Los des Volkes wenden wird: "Meine Seele preist die Größe des Herrn, in Gott, meinem Retter, jubelt mein Geist!" 
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Arme Maria! ... möchte man fast rufen - wenn du nur ahnen würdest, wie anders sich diese Verheißung an Israel, an deinem Sohn und an dir selbst erfüllen wird! Mariä Heimsuchung - trifft das Wort in jener Beklommenheit, die dem Ausdruck als Bedeutung heute allein noch geblieben ist, trifft das nicht die allermeisten Momente im Leben der Gottesmutter? Ahnst du, Maria, daß der Weg, auf den du dich - zeichenhaft für uns - gemacht hast, nicht nur ein Weg zu Elisabeth war, sondern daß dieser Weg dich nach Jerusalem führen wird? Hinauf nach Golgatha, wo man dir deinen Sohn zurück in den Schoß legen wird, gemartet und gekreuzigt? Noch viel tiefere Verstörung wird deiner harren, jungfräuliche Mutter, als all das, was du nach dem Besuch des Engels empfunden haben magst - ehe sich in deinem Sohn und an dir und an Israel in der Ekklesia erfüllen wird, was du besingst! Großes tat an an dir der Mächtige, sein Name ist geheiligt in dir an Seele und Leib!
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Gehe an unserer Seite, Maria, wenn wir unsere Wege gehen - vor allem dann, wenn sie anders verlaufen, als wir es sie uns erdacht und geplant haben, und führe uns zu Jesus, deinem Sohn: den du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast.

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