Dienstag, 18. Juni 2013

Von der Genesis bis zur Offenbarung: ein Neues Testament

"Fleischlich" erscheint den Vätern jene Haltung, die immer noch die zeitbedingten Gegebenheiten des Alten Testamentes allein festhält, obwohl diese der Umhüllung einer Nuß gleichen, die abfällt, sobald der reife Kern sie gesprengt hat. Was vom Alten Testamente bleibt, ist allein die Frucht, die aus ihm hervorgewachsen ist: Christus! Der Christus, der die Ekklesia in sich umfaßt!
Es verging das Geschichtliche; unvergänglich aber bleibt, was teilhat an Christus: das Schriftwort, insofern es ihn trägt und sein Mysterium spiegelt. Der Alte Bund, insofern er Buchstabe und Gesetz ist, ist abgetan; insofern er aber als Abglanz des erfüllten und enthüllten Christusmysteriums erkannt wird, nimmt er teil an der Überzeitlichkeit und Unvergänglichkeit des Neuen Bundes. Unter diesem Aspekt wird nun sogar - nach einem paradoxen Väterwort - der Alte Bund neu.
Aus ihrem tiefen Einblick in das Ganze der einen göttlichen Schrift machten die Kirchenväter keinen Unterschied in der Wertung der beiden Testamente. "Nur für jene", schreibt Origenes, "wird das Gesetz zu einem 'Alten' Testament, die es fleischlich verstehen wollen: für solche mußte es notwendig veralten und vergreisen, weil es [in sich] seine Kräfte nicht erhalten kann. Für uns aber, die wir es pneumatisch und dem Evangelium entsprechend verstehen und auslegen, ist es immer 'neu'. Beide Testamente sind uns 'Neues' Testament, nicht hinsichtlich ihres Alters, sondern durch die Neuheit der Einsicht" (In Num. hom. 9, 4).
Synkletika Grün OSB: Psalmengebet im Lichte des Neuen Testamentes. Regensburg 1959. S. 62 f.

1 Kommentar:

filiusabbatis hat gesagt…

Sr. Synkletikas Werk scheint noch aus der Glanzzeit der Abtei Herstelle zu stammen - großartig sind auch die Werke von Aemiliana Löhr und Photina Rech oder der Sammelband "Vom heiligen Pascha", die allesamt zu lesen sich lohnen und geistlich sehr befruchtend sind!