Freitag, 28. Juni 2013

Das Frustometer läuft mal wieder etwas über

Hin und wieder werden in der Blogozese diverse Scharmützel gefochten, die Frontlinie verläuft hierbei in der Regel zwischen Bloggern, die einerseits eine lehramtskonforme Definition dessen ver- (und dafür ein-) treten, was mit Fug und Recht "katholisch" genannt werden kann, und andererseits den Anderen. Aktuell erleben wir ein solches Scharmützel zwischen Pulchra et luna und Frechfrommfrau. Da ich letztere Seite nicht verlinke, zugleich hier aber Fairness walten lassen möchte, weise ich darauf hin, daß "Pula" über die Seitenleiste erreichbar ist, jener andere Auftritt aber über Suchmaschinen.
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Es geht mir ohnehin nicht um die derzeitige Debatte, was es mit dem Kommen des Kyrios zum Gericht auf sich habe. Die Ekklesia vermittelt hier auf der Grundlage von Schrift und Überlieferung einige ebenso deutliche wie verbindliche Anhaltspunkte. An die kann man sich halten - oder auch nicht. So wie man die Wahl hat, katholisch zu sein - oder auch nicht. Das schließt nicht aus, daß man persönlich um dogmatische Vorgaben ringen kann; dies kann auch sogenannt "kirchentreuen" Katholiken widerfahren. Es ist nur so ... hat zum Beispiel ein Mann fortlaufende Schwierigkeiten, auf Sex zu verzichten, dann ist dies nicht unbedingt die optimale Disposition, um in ein Kloster einzutreten. Aber zurück zu dem, was mich hier eigentlich interessiert.
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Am Rande jenes Disputs kamen die Umgangsformen in der Blogozese einmal mehr zur Sprache. In der Regel sind es die (nennen wir sie mal:) Progressiven, die einen rauhen Ton bekritteln. Fürwahr, das kommt vor. Mir stellen sich beim Lesen mancher Beiträge der (nennen wir sie mal:) Kirchentreuen auch gelegentlich die Nackenhaare auf. Womöglich lösen auch meine Texte hin und wieder Schüttelfrost aus. Nebenbei bemerkt: Pula formuliert zwar gelegentlich mit gespitzter Zunge, bleibt meines Ermessens aber im Rahmen des Vertretbaren.
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Keineswegs falsch ist freilich die Beobachtung, daß manche der Kirchentreuen manchmal etwas (nennen wir es mal:) Aggro drauf sind.
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Muß man sich - dies nun ausdrücklich abseits jener am aktuellen Disput Beteiligten gesprochen - darob wundern?
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Wenn der eigene blog jenes quasi unitäre Forum ist, wo man seinen Frust über diese ganze halb- und viertelgläubige Belegschaft, die in der deutschen Kirche das (nennen wir es mal:) mittlere Management dominiert, ablassen kann? Ein Frust, der sich nicht zuletzt auch daraus speist, daß kirchentreue Katholiken von eben dieser Belegschaft in den Gemeinden und "vor Ort" gerne ausgegrenzt werden. Ein Frust, der sich aus den teils sehr sublimen Strategien speist, die hierzu angewendet werden und von denen die Denunziation als "Gestriger" noch eine harmlose Spielart ist. 
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Ein Beispiel: Mehrfach begegnete mir in letzter Zeit ein besonders perfides Argument, jüngst hat Sophophilo (hier) eine Spielart davon präsentiert. Wer, so behaupten es progressive Strategen zwischenzeitlich fintenreich, an römischen Vorgaben festhalte und diese gegen lokale Gegebenheiten, Praktiken, Auffassungen, Gepflogenheiten, Optionen oder Wolkenkuckucksheime zur Geltung bringen möchte, der spalte die Kirche. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen! Da kommen also diese Strategen daher, die seit Jahrzehnten die Gläubigen in die Irre führen, die anstelle des anstößigen depositum fidei ihre zeitgeistigen Weichspülphilosophien propagieren, die keine Ahnung haben von der Größe, von der Schönheit, von der über die Zeit ausgreifenden Weite und vom herausfordernden Wesen der Ekklesia, die hingegen die Catholica mit dem Gift ihres Spaltpilzes zersetzen ... und drehen den Spieß einfach um: Nicht sie seien die Spalter! Nein! 
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Gewiß: Die Kirchentreuen tragen tatsächlich ein Spaltpotential in sich, deswegen bläst ihnen auch regelmäßig eine steife Brise ins Gesicht. Sie könnten nämlich mit ihren ungemütlichen Ansichten jene Kuschelecken, die einem der Ekklesia erfolgreich entfremdeten Kirchenvolk als Kirchensurrogat "liebevoll" eingerichtet wurden, in Unordnung bringen. Deswegen ist jede Strategie recht, diese Zeitgenossen mundtot zu kriegen, und kein Mittel dreckig genug, um die eigenen Ziele durchzusetzen - je nach Fall helfen Schweigespirale ("denen geben wir kein Forum"), Denunziantentum ("die melden wir mal vorsichtshalber nach oben"), Boykott von zart bis hart ("kein Platz in der Herberge" bis "die lassen wir so richtig auflaufen"), aufgeblasene Empörung ("über sowas diskutieren wir hier nicht. Basta"), Unterstellungen ("klingt wie Piusbrüder") und bzw. oder Insinuationen ("die Tradition ist antisemitisch") weiter. Und dann gibt es noch die bewährte Strategie, alles, was nach Treue zum Lehramt riecht, in der Vormoderne zu verorten und ins Lächerliche zu ziehen.
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Der rauhe Ton, der hin und wieder in der Blogozese zu vernehmen ist, taugt gewiß nicht als Ideal christlicher Kommunikation. Er scheint mir aber ehrlicher als das Geschwätz von Liebe, wo diese letztlich fehlt.

Kommentare:

Juergen hat gesagt…

Ach wir haben uns doch alle lieb. – Manche mehr und manche ganz viel weniger.

Geistbraus hat gesagt…

Und ich lese doch jetzt tatsächlich Frischfleischfrau... war gerade schon dabei, mich als noch übleren Sexisten einzuordnen als mir bisher bekannt war, da fiel mir auf, dass Du ja die Steilvorlage dafür geliefert hast: soviel ich weiß heißt der Blog nämlich eigentlich Frechfrommfrau. Verlinken find ich übrigens immer gut, man sollte jedem ein Forum geben um seine geistigen Perlen rüberwachsen zu lassen... (Geistbraus veredelte)

Braut des Lammes hat gesagt…

Das Dumme bei dieser Diskussion ist, daß beide irgendwo recht haben. Eigentlich bräuchten sie eine Mediation.

ankerperlenfrau hat gesagt…

Andreas, zum Anlaß Deiner Empörung äußere ich mich nicht! Ich fand da manches unnötig und "nicht zielführend" - in Glaubensdingen sollte man nicht einfach wie ein guter "Schriftgelehrter" auf den KKK tippen und ein selbstgewisses Gesicht aufsetzen, sondern erst einmal zuhören und nachdenken!
Insgesamt finde ich die "Selbstdefinitionen" in der kath. Bloggerszene ziemlich matschig. Und ginge es nur um des Kreuzknappen Liste, dann würde ich lässig ein Drittel des Gezeigten als schwer "bauchwehverursachend" bezeichnen. Ich bin ja ausgesprochener Fan von "Schubladen eintreten" und es wird z.T. brutal "schubladisiert" - jedenfalls für meinen Geschmack. Du hast recht, wenn Du über "üble Nachrede" gefrustet bist. Aber mal ehrlich, ist es anders herum besser? Ich jedenfalls lese manche arrogante Scheußlichkeit....

Martina Katholik hat gesagt…

Das mit dem "spalten" ist kein neues Argument, um die wenigen, die sich ans Lehramt halten wollen, kalt zu stellen. Sich davon nicht ins Bockshorn jagen zu lassen, hat Dietrich von Hildebrand schon 1973 angemahnt, da war das offensichtlich auch schon "schick" so was anzubringen, wenn das Gegenüber einem zu rechtgläubig und zu wenig progressiv war. Damals hat aus Sicht der Progressiven wohl derjenige die "Einheit der Katholiken" gefährdet, der am Lehramt aller Zeiten festhalten wollte, das hatte ich zufällig kürzlich gepostet, daher musste ich nicht lange suchen.
Aus "Der verwüstete Weinberg":
Und weiterhin müssen wir mit allen Kräften kämpfen - jeder im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten – gegen alle Häresien, die heute ohne erneute Verurteilung, ohne Anathema, ohne Exkommunikation der Häretiker täglich verbreitet werden.

Lassen wir uns nicht durch Phrasen über die Einheit der Katholiken hindern, an diesem heiligen Kampf teilzunehmen.
Vergessen wir nicht, dass der heilige Franz von Sales - der Heilige der Sanftmut - uns in der „Introduction a la vie devote" zuruft: „Ich nenne hier vor allem die offenkundigen Feinde Gottes und seiner Kirche; sie muss man offen anprangern, soviel man nur kann. Es ist ein Liebesdienst, laut vor dem Wolf zu warnen, wenn er in die Schafherde einbricht oder sie umschleicht."

Wolfram hat gesagt…

Jürgen, Liebe im biblischen Sinn (agapè, lat. caritas) ist doch etwas ganz anderes als Liebhaben (philia, lat. amicitia). (Die Sprengkraft, die in dieser Scheidung steckt am Seeufer, Joh.21, sei hier mal nicht ausgemalt.)
Christliche Liebe ist eben keine Kuschelecke, die kann getrost den Kinderladen-Fans überlassen werden. Sondern, den anderen mit den gleichen Augen zu sehen wie der Vater den Sohn (Lk.15).

Ester hat gesagt…

Ich finde man muss sich streiten dürfen, wenn wir alle nur noch mit Wattebäuschchen werfen und unsere Aussagen in selbige packen, und dazu in rosa Papier mit grünen Herzchen, wie soll man da zu dem kommen was die Modernisten so gerne hätten, nämlich ins Gespräch?
Ich persönlich glaube, das innerkirchlich vor lauter Nettiquette, Verständnis und auf den Tonfall achten, (was per se nciht schlecht ist,aber das Totschlag argument ist ja immer "Ach die meinen es doch gut", (dabei wäre es laut EB Schäufle (VOrvorgänger des EB Z in Freiburg) ja der Oberhammer, wenn die die schlechtes tun, es auch schlecht meinen würden!" Es gehört zu der Theologie des schlechten Tuns, das es aus der Verwechselung der Kategorien kommt, das man also den Erwerb von Geld höher wertet als das Recht auf Eigentum und deshalb die Bank überfällt, z.B).

Stanislaus hat gesagt…

@ankerperlenfrau Ich denke, hier sollte sich jeder an seine eigene Nase packen. Beratungsresistenz und Taubheit für Argumente haben nicht nur die "Schriftgelehrten", sondern auch Leute wie Ameleo. Und wenn sie plötzlich statt verständnisvolle Blicke kritische Anfragen an ihre Positionen bekommen, dann gilt die ewige Dialogforderung von einst plötzlich nicht mehr. Nein, ob Tradis oder Reformer, da tut sich nicht viel. Und wenn die Blogoezese eben zu einem Drittel bauchschmerzenverursachend schreibt, dann sollte man sich mal fragen, warum das so ist und vielleicht in so manche Zeitschrift reinschauen, die sich "katholisch" nennt und offensichtlich bestens weiß, was richtig und was falsch ist. Nach jahrzehntelanger Bevormundung haben es eben manche satt und lassen einfach ihren Frust raus - leider hin und wieder in einem Maß, das nicht gut für die Auseinandersetzung um bestimmte Themen ist. Aber Polemik gibt es hüben wie drüben. Daher hält sich meine Empörung ziemlich in Grenzen.

Anonym hat gesagt…

Als Exkatholik lese ich diese Streitereien über Thesen, deren Wahrheitsgehalt nicht ernsthaft bewiesen werden kann, und denke mir: wie gut, dass ich aus DEM Verein raus bin.
Aber so ist es wahrscheinlich in allen Foren, in denen viele Leute mit intensivem Interesse am gleichen Thema zusammenkommen.
Wahrscheinlich gibt's auch im örtlichen Kaninchenzüchterverein wütende Debatten über die Wahl des Drahtgitters, die Vorzüge des Angorakaninchens und Sinn und Unsinn des Freihoppelnlassens, was weiß ich.
Nur hat der Kaninchenzüchter nicht den Druck, die alleinige Wahrheit und den Willen Gottes herausfinden zu müssen und kann anerkennen, dass andere Mitzüchter auch mal recht haben können.

In diesem Sinne: Macht mal locker, alle miteinander, seid Ihr jetzt Brüder und Schwestern oder nicht? Familie nervt halt manchmal, und einig ist man sich auch nicht immer, aber man ist Familie, und da kann man halbwegs anständig miteinander umgehen.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Keine Sorgen, wir springen uns schon nicht an die Gurgel - übrigens: Ihre abgeklärte Haltung ehrt Sie - allerdings fände ich es irgendwie bedauerlich, wenn es in ihrem Leben so garnichts geben sollte, worin sie ihr Herzblut schießen lassen können ...

ankerperlenfrau hat gesagt…

...worin sie ihr Herzblut schießen lassen können ...
Das allerdings lassen viele Blogger und das ist das Lohnende, wenn man sich in diesen illustren Zirkel begibt!!!

@Stanislaus,
meine Frustrationstoleranz habe ich in 40 Jahren gestählt und ich war zu keinem Zeitpunkt "maulfaul" oder "habe mich beleidigt ins Private verzogen"; daher verstehe ich manche jugendlich empörte Rede nur in Grenzen. Speziell, wenn katholische Biographie nicht mal zehn Jahre alt ist...DAS bitte ich auch zu verstehen!

G. Lamers hat gesagt…

Hey, das ist ja geradezu die "Parallelaktion" hier, wunderbar.

Ich bin dankbar für die "Entlastung" und die vielen guten Gedanken, das könnte ich gar nicht alles leisten, so werde ich mir erlauben, darauf zu verweisen!

Gereon Lamers