Donnerstag, 20. Juni 2013

Bessere Stimmung mit Fluchpsalmen

Im Nachmittag war irgendwie der Wurm drin. Auf der Arbeit lief nichts rund. Nach Feierabend begann sich die Stimmung auf einem fortwährenden Tiefpunkt einzupendeln, alldieweil mir der Bus vor der Nase wegbretterte. 20 Minuten warten, umplanen, Frust schieben. Der nächste Bus lieferte mich natürlich nicht da ab, wo ich eigentlich hinwollte; stattdessen landete ich wieder vor der Kirche der hl. Maria Magdalena, zur Stunde der Vesper. Nun soll man, erlaubt es die Zeit und kreuzt man eine Kirche, eintreten, sofern die Tore offen stehen - wurde jedenfalls neulich in einer Predigt eingeschärft, alles andere sei angesichts der Gegenwart Christi im Tabernakel für einen Katholiken ein Armutszeugnis.
.
Das Eintreten habe ich trotzdem auf die lange Bank geschoben ... mir war so garnicht danach und mir nichts, dir nichts jetzt die Vesper zu beten fand ich angesichts der Gemütslage irgendwie ebenso unehrlich, wie ich im Augenblick auf "den da oben" etwas sauer war aufgrund der missratenen Fügungen. Statt einzutreten habe ich mir ein paar Meter weiter einen Kaffee geholt und mich gleich wieder rumgeärgert - denn kaum hatte man mir den Pott zugeschoben, sah ich meinen Lieblingstisch frisch okkupiert. Jetzt war nur noch der Katzenplatz frei. Sch...!
.
Auf dem Rückweg kam ich wieder an der Kirche vorbei und bin dann doch rein. Drinnen übte der Pfarrer mit zwei Mädchen ministrieren, derweil ich die Vesper aufblätterte und mich durch die Psalmen wurstelte. Die Aufmerksamkeit bestand zu einem Drittel im Versuch, mich auf das Gebet zu besinnen, die anderen beiden Drittel verteilten sich auf das Trio beim Altar und auf die noch immer miese Stimmung ...
.
Babylon - Glasbild in der
Pfarrkirche St. Gallus,
Merzhausen
... bis ich zu jenem Psalm kam, bei dem mich gelegentlich die Frage beschlich, warum ausgerechnet er am Donnerstag in der Vesper gelandet ist - Psalm 136, einer der "Fluchpsalmen": Ad flumina Babylonis, illic sedimus et flevimus, cum recordaremur Sion - "An den Flüssen Babylons saßen wir herum und weinten, da wir an Sion dachten". Recht derb die abschließenden Verse dieses Gebets: "Tochter Babylon, du Verwüsterin! Gesegnet, wer dir vergilt, was du uns Böses angetan hast! Gesegnet, wer deine Kinder schnappt und sie an einen Felsen klatscht!"
.
Natürlich kann man nun sagen, die betenden Ekklesia erinnert uns jeden Donnerstagabend beim Gedächtnis des Herrenmahles daran, daß sie sich noch auf dem Weg durch dieses Aion, mehr noch: daß sie sich in dieser Weltzeit im Exil befindet, die finsteren Anfechtungen und Anfeindungen der Welt inbegriffen. Daß das Mysterium der Eucharistie, dessen Stiftung die Wahl der weiteren Psalmen offenkundig bestimmt hat, letztlich "nur" viaticum, "Weg-Zehrung" ist, nur "Unterpfand" künftiger Herrlichkeit im Exil, Gegenwart des Kommenden verborgen unter Zeichen. Natürlich wird man die Schlußverse als radikal wehrhafte, rhetorisch überhöhte Absage an diese Weltzeit lesen, die sich immer wieder gegen das anbrechende Gottesreich auflehnt und es zu unterdrücken sucht, wie Disteln und Dornen den guten Samen zu ersticken trachten.
.
"Mein Babylon" heute war aber, dessen wurde ich mir bei diesem Psalm bewußt, sozusagen unmittelbarer: Gefangen so tief in Missmut, Ärger und Frust, daß ich um die Nähe Gottes geradezu einen Bogen machen wollte ... gehabe du dich in deiner Kirche, ich gehe jetzt einen Kaffee trinken und wir sehen uns zur Komplet wieder. Das mag jetzt banal klingen, trifft aber den Punkt recht gut. Oder um es mit dem Psalm zu sagen:
.
Ich habe meine "Harfen in die Weiden" gehängt und fand keinen Ansporn mehr - angesichts des Hick und Hacks am Nachmittag, von dem ich mich habe gefangen nehmen lassen - nun noch "von Sion ein Lied" zu singen. All diese versammelten gekackten Korinthen hatten mich so sehr in Beschlag genommen, daß mir die Möglichkeit, der Stachel, die Lust, Gott auch zwischen all dem Mist begegnen zu können, gehörig vergangen war: "Tochter Babylon, du Verwüsterin!" ...
.
Der Psalm befreite mich ein gutes Stück aus diesem Hamsterrad, indem er mir in Erinnerung rief, worauf es letztlich ankommt:
Jerusalem, wollte ich deiner vergessen, vergessen auch sei meine Rechte. Es klebe mir die Zunge am Gaumen, sollte ich deiner nimmer gedenken; wollte ich nicht erheben Jerusalem über all meine Freude ...
... und über allen meinen Ärger erst recht! Den sollte ich vielleicht öfter an einen Felsen klatschen.

Kommentare:

Simplicius hat gesagt…

Genau! Die Väter sahen ja in den im Psalm genannten Kindern unsere Schwächen und Sünden, die wir gegen Christus, den Fels, klatschen sollen.
Schade eigentlich, dass man die Fluchpsalmen im modernen Stundengebet zensiert hat...

(Dionysius der Kartäuser: "O Herr, durch dein Mitleid als barmherziger Vater, empfange uns aus Babylon zurückkehrend, d.h, aus der Verwirrung der Sünde, und lasse uns durch deine Eingebung und vollkommenes Bekenntnis unsere Missetaten gegen Christus den Felsen schlagen, damit wir dir ein Lied der Freude singen können, dessen Melodie dem himmlischen Zion angemessen ist.")

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Schönes Zitat ... Danke!