Freitag, 31. Mai 2013

So hoch erhoben, um wirksam Mitleid zeigen zu können - zum Fest Mariä Königin

Marienkrönung - Mosaik im Presbyterium der Pfarrkirche
St. Barbara, Freiburg-Littenweiler
Weil die allerseligste Jungfrau Maria zu der hohen Würde einer Mutter des Königs der Könige auserwählt worden ist, so hat die heilige Kirche recht, wenn sie ihr den glorreichen Titel einer Königin verleiht und verlangt, daß alle sie mit demselben begrüßen und verehren. (...) Wenn also Jesus Christus König des Weltalls ist, so ist Maria eine Königin der Welt, sagt der Abt Rupertus; so daß, nach der Erklärung des heiligen Bernardin von Siena, alle Geschöpfe, die Gott dienen, auch Maria dienen müssen; da nun aber die Engel und Menschen und alles, was im Himmel und auf Erden wohnt, Gott unterwürfig ist, so sind auch alle diese Geschöpfe Untertanen der allerseligsten Jungfrau Maria. Deshalb richtet denn auch der Abt Guerikus folgende Worte an Maria: Fahre fort, o Maria, fahre fort im Frieden zu herrschen, verwalte die Güter deines Sohnes, wie es dir gefällt; denn da du eine Mutter, da du eine Braut des Königs Himmels und der Erde bist, so gebührt dir, als einer Königin, die Herrschaft und die Gewalt über alle Geschöpfe.
Maria ist also eine Königin, aber zu unserem Troste müssen wir wissen, daß sie eine Königin von Sanftmut und Milde ist, die sehr geneigt ist, uns Elenden Gutes zu erweisen; deshalb will auch die heilige Kirche, daß wir sie mit dem Titel einer Königin der Barmherzigkeit begrüßen. (...) Seneca sagt, es gereiche den Königen und Königinnen zu höchster Ehre, den Armseligen zu helfen. Gleichwie die Tyrannen durch ihre Herrschaft ihr eigenes Wohlergehen bezwecken, so sollen die Könige nur herrschen, um das Wohl ihrer Untertanen zu befördern. Wenn ein König gekrönt wird, so bestreicht man sein Haupt mit Öl, dem Sinnbilde der Barmherzigkeit, um dadurch zu erkennen zu geben, daß er vor allen Dingen Milde und Wohlwollen gegen seine Untertanen üben müsse.
Demnach müssen die Könige es sich hauptsächlich angelegen sein lassen, Werke der Barmherzigkeit zu verrichten, jedoch dürfen sie deshalb nicht ganz vergessen, Strenge gegen die Schuldigen zu üben, wenn es Not tut. Nicht so Maria, die, obgleich sie eine Königin ist, dennoch nicht eine Königin der Gerechtigkeit, die darauf bedacht sein muß, die Übeltäter zu bestrafen, sondern eine Königin der Barmherzigkeit ist, die nichts anderes wünscht, als den Sündern Gnade und Barmherzigkeit zu gewähren (...)
Freuen wir uns denn, arme Kinder Adams, denn wir können überzeugt sein, daß wir im Himmel eine große Königin haben! (...) Welch schöne Anwendung macht deshalb Albert der Große von der Geschichte der Königin Esther, die ein Vorbild unserer großen Königin war, indem er dieselbe auf Maria bezog. Im vierten Kapitel des Buches Esther liest man, daß während der Herrschaft des Assuerus in seinem Reiche ein Befehl ausging, alle Juden zu töten. Da empfahl Mardochäus, einer der Verurteilten, das Heil der Seinen der Esther, damit sie den König bitte, er wolle seinen Befehl zurückrufen. Anfangs schlug Esther dies aus, weil sie fürchtete, den König nur noch mehr zu erzürnen. Da machte ihr Mardochäus Vorwürfe und sagte, sie müsse nicht darauf bedacht sein, sich selbst zu retten, da der Herr sie deshalb auf den Thron gesetzt habe, damit sie allen Juden zur Hilfe komme: "Glaube nicht, daß du nur dein Leben retten sollst, weil du im Hause des Königs bist vor allen Juden" (Esth 1, 13). 
So sprach Mardochäus zur Königin Esther, und so können auch wir arme Sünder zu unserer Königin Maria sprechen, wenn sie sich weigern sollte, uns von Gott die Befreiung von der Strafe, die wir verdient haben, zu erlangen: Glaube nicht, daß du nur dafür besorgt sein darfst, dein Leben zu retten, weil du im Hause des Königs bist vor allen Menschen. Meine nicht, o meine Königin, daß Gott dich zu einer Königin der Welt erhoben habe, damit du nur auf dein eigenes Wohl bedacht seiest, nein, er hat dich darum so hoch erhoben, damit du ein großes Mitleid habest mit uns Elenden und uns umso mächtiger helfen könnest ...
aus einer Predigt des hl. Alphons von Liguori über Maria, die Königin der Barmherzigkeit. In: Franz Carl Lanz (Hg.): Auswahl alter marianischer Predigten, Homilien und Unterweisungen für Stadt und Land. Erster Band. Schaffhausen 1854. S. 198 f.

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