Freitag, 24. Mai 2013

SIE gestern in der Straßenbahn

Auf Schusters Rappen bin ich es gewohnt, die Obliegenheiten des Alltags mit eher forschem Schritt anzugehen. Alles, was dann im Weg steht, stört. Touristen, die vor mir in Unzahl durch die Stadt trotten? Ich werde zum Tier! Zeitgenossen, die ausgerechnet dort stehenbleiben, wo es, etwa vor diesen lahmen Rolltreppen, ohnehin eng ist? Ich laufe innerlich Amok! Kaufleute, die schmale Gehsteige mit überflüssigen Gestellen und Gelumpe befrachten? Schenkt mir eine Panzerfaust!
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Und dann kam gestern SIE. SIE stieg am Bertoldsbrunnen, Stadtmitte, in die Straßenbahn; ich saß schon drin. Stieg? Nein, hechtete allen voran in die Bahn, aber nur, um sofort, noch im Türbereich, stehen zu bleiben und die Lage zu sondieren. Wo ist der beste Platz? SIE trug einen roten Blazer, der falsch zugeknöpft war, rote, aber schon etwas abgewetzte Schuhe, eine schwarze Hose und eine Jacke von goldbronzenem, etwas blassem Schimmer. Ob die Bräune um die zu rot bemalten Lippen vom Solarium oder vom Schminktopf rührte, mochte ich nicht entscheiden. Die blonden Haare schienen mir jedenfalls nicht übermäßig echt, zudem passten "style" und Altersklasse (deutlich jenseits der 50) meines Ermessens keineswegs zusammen und überhaupt behagte mir die ganze Visage nicht - es reichte also ein Blick ... und der Umstand, daß SIE, nur um nach dem besten Platz zu geiern, an einer Stelle stille stand, wo man perfekt im Weg rumsteht, dies reichte also aus ... Was für eine blöde, aufgetakelte Schnepfe! Zum fremdschämen! Das Urteil stand ... mit.
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SIE ging dann weiter. Na, Gnädigste, haben wir den Betrieb nun genug aufgehalten und einen Platz erspäht, der hinreichend pläsiert? Während ich noch in meinen finsteren Gedanken herumtrollte, stand SIE plötzlich wieder in meinem Blickfeld. Mit einem Fahrschein in der Hand. SIE hatte nicht nach dem bequemsten Plätzchen, sondern offenkundig nach dem Fahrscheinautomaten gesucht. Innerlich zog ich meine tumbe Rübe ein und fing an, mich zu schämen, jetzt meinetwegen.
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Zwischenzeitlich waren natürlich alle Plätze belegt. SIE hatte nur noch einen Stehplatz. Ich habe kurz erwogen, ihr meinen Sitz anzubieten, quasi als Bußübung und zu latenter Wiedergutmachung ... aber man bereitet Frauen, die, sagen wir mal, ihr Bestes (oder, nun ja, vermeintlich Bestes) versuchen, um nicht ältlich auszusehen, in der Regel keine wirkliche Freude, wenn man Ihnen einen Platz anbietet, wie es sonst nur bei alten Weiblein angezeigt scheint. Der Zwiespalt löste sich an der übernächsten Haltestelle von selbst ... ein Platz wurde frei. SIE mußte sich nun nicht mehr die Beine in den Bauch stehen.
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Komischerweise sah SIE, oder sagen wir nun besser: Sie ... also Sie sah auch überhaupt nicht mehr so unmöglich aus wie noch kurz zuvor. Eigentlich doch ganz sympathisch - mir kam irgendwann Mt 7, 1 in den Sinn, dann war ich an meinem Ziel, zumindest vorläufig.

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Solche Situationen (von Anfang bis Ende) kenne ich leider nur zu gut ...:(

sacerdos viennensis hat gesagt…

Ist ja schön, dass der Sinneswandel sich so rasch vollzog.

Anonym hat gesagt…

Sowas hab ich grad Samstag gebeichtet. *mitschäm*