Donnerstag, 9. Mai 2013

Die achte O-Antiphon - zur Vesper des Himmelfahrtstages

Ihr sollt meine Zeugen sein ... nach diesen Worten ward er vor ihren Augen
emporgehoben - Himmelfahrt, Pfarrkirche Christkönig, Titisee

Die Magnificat-Antiphon der zweiten Vesper am Hochfest der Himmelfahrt des Kyrios Christus  ist recht bemerkenswert:
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O rex gloriæ, 
Domine virtutum,
qui triumphator
hodie super omnes cælos ascendisti,
ne derelinquas nos orphanos:
sed mitte promissum Patris in nos,
Spiritum veritatis,
alleluia.
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O König der Herrlichkeit, 
du Kyrios der Heerscharen,
der du, Siegreicher,
heute über alle Himmel emporgestiegen bist,
laß nicht als Waisen uns zurück:
Sende in uns den Verheißenen des Vaters,
das Pneuma der Wahrheit,
Alleluja!
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In den Worten mag es zuerst nur ferne anklingen, hört man sie aber gesungen, dann spitzt man die Ohren - das melodische Grundmuster ist jenem der sieben großen O-Antiphonen der Adventszeit entlehnt. Letztlich folgt auch der Text dem Schema der adventlichen Anrufungen: Auf die Anrede (König der Herrlichkeit ...) folgt eine Prädikation (der du, Siegreicher ...), die in einer Bitte mündet - nur tritt anstelle des adventlichen veni ("komm") nun das quasi "nachösterliche" mitte ("sende"), wobei in beiden Formulierungen die Haltung des Beters Niederschlag findet, der Kyrios möge weiterhin Bewegung in das Spiel der Erlösung bringen. Da er bereits gekommen und nun in den Himmel empor gestiegen ist, möge er alsdann das Pneuma senden, wie er es verheißen hat. Harren und Erwartung durchziehen als Melos Ton und Wort.
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Anrede und Prädikation der Himmelfahrts-Antiphon zeigen uns dabei Christus als den siegreichen Feldherrn, der, Kyrios der Heerscharen, im Triumph als König der Herrlichkeit in den Himmel einzieht. Wir nehmen übrigens schon Anteil an diesem Siegeszug, denn könnten wir fürchten, als "Waisen" zurückgelassen zu werden, wenn wir nicht wahrhaft "Kinder" wären? Ebenso stehen wir aber noch in dieser Zeit der Anfechtungen, und der Feind läßt nichts unversucht, uns vom Triumphzug des Kyrios wegzulocken. Auch von daher bedürfen wir des "Verheißenen des Vaters" - das Pneuma der Wahrheit wird in und durch die Ekklesia das Reich Gottes in der Welt wachsen lassen und uns in und durch die Ekklesia in die Wahrheit stellen. Darum, schreibt Paulus, heißt es:
"Er stieg hinauf zur Höhe, führte Gefangene mit sich und teilte den Menschen Gaben aus" (...) Und der herabstieg, ist es auch, der über alle Himmel hinaufstieg, um das All zu erfüllen. So bestimmte er die einen zu Aposteln, andere zu Propheten, wieder andere zu Glaubensboten oder zu Hirten und Lehrern. Sie sollen die Heiligen zur Ausübung des Dienstes heranbilden, zum Aufbau des Leibes Christi ... (Eph 4, 8 ff.)
Mit der Himmelfahrt des Kyrios verknüpfen wir aber nicht nur die Bitte um die Sendung des Heiligen Pneuma: "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel hinauf? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen ist, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel auffahren sehen!" (Apg 1, 11). Es ist uns verheißen, daß der Herr einmal wiederkommen wird als der siegreiche Kyrios - von daher gilt "der Advent als Lebensform des Christen" (Odo Casel OSB), und damit schließt sich quasi der Kreis zwischen den vorweihnachtlichen O-Antiphonen und der O-Antiphon des heutigen Himmelfahrtstages.

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Ich hab da mal ne Frage...

warum übersetzt du das lateinische spiritus durch ein griechisches pneuma statt durch ein deutsches Geist?

(Ich meine, geistlich und pneumatique sollte man nicht verwechseln...)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Das steht so ein wenig in der Nachfolge Casels. Natürlich besteht eine gewisse Gefahr, mißverstanden zu werden, weil angesichts von Begriffen wie Mysterium, Gnosis, Pneuma Rückschlüsse ziehen könnte, die hier nicht beabsichtigt sind. "Ad fontes" hat auch hin und wieder den Vorteil, daß ein paar Jahrhunderte Theologie inklusive aller nicht immer wirklich notwendigen Engführungen umschifft werden können - aber auch das ist bitte cum grano salis zu verstehen.

"Ein Vor-Zittern, eine Vor-Sicht, daß Christus käme" will der Arzt und Kulturphilosoph Max Picard in den alten Sprachen entdeckt haben: "Diese Sprachen haben mehr vor-gezittert, als die Sprachen heute nachzittern; die Sprachen heute übersprechen sich, um Christi Erscheinen im Wort zu vergessen".

Wolfram hat gesagt…

Hm.
Ich will ja nicht sagen, daß das falsch ist, aber soweit meine bescheidenen Kenntnisse reichen, hat sich Gott in der Bibel in Umgangssprache offenbart, hat auch Paulus oder Petrus nicht aufs Hebräische zurückgegriffen, sondern auf die LXX, um die Schrift zu zitieren... Nicht die Sprach- und Schriftgelehrten, sondern die Narren und Kinder werden uns die Wahrheit lehren.