Donnerstag, 30. Mai 2013

Das Heilige den Heiligen - einige Gedanken zum exklusiven Charakter der Eucharistie

Vom Grabmal eines
Priesters - Freiburg-Kappel
In den letzten drei Lesungen der Matutin des heutigen Festes ergreift der heilige Augustinus das Wort. Er beginnt seine Deutung des Festevangeliums (Tract. in Joh. Ev. 26, 17) mit den folgenden Erwägungen:
Mit Speise und Trank wollen die Menschen ihren Hunger und ihren Durst stillen. Dies bewirkt in Wirklichkeit nur jene Speise und jener Trank, der die, die davon genießen, unsterblich und unverweslich macht, das ist die Gemeinschaft der Heiligen, wo Friede und volle Eintracht herrschen wird. Deshalb hat unser Herr Jesus Christus, wie schon früher Gottesmänner bemerkt haben, seinen Leib und sein Blut unter zwei Gestalten dargereicht, bei denen aus vielen Teilen eine Einheit entsteht. Das Brot wird ja aus vielen Körnern hergestellt, der Wein setzt sich aus dem Saft vieler Beeren zusammen ...
Die eucharistische Gabe übersteigt also das, was man früher einmal "Kommunionfrömmigkeit" nannte, wobei der Schwerpunkt in der individuellen Begegnung zwischen Gott und der Seele gesehen wurde. Das ist natürlich keineswegs falsch, solange über diese individuelle Communio hinausgedacht wird, was in früheren Zeiten vielleicht nicht immer genug geschah (deswegen war bereits vor dem Konzil diese "Kommunionfrömmigkeit" in Teilen der Kirche zunehmend verpönt und wurde hintertrieben; die Ergebnisse sehen wir wiederum heute in den vielfältigen Formen der Banalisierung und Degradierung des eucharistischen Mysteriums).
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Das Einswerden mit dem erhöhten Kyrios, welches uns Gläubigen in der Kommunion ermöglicht wird, hat seinen Zweck längst nicht darin, einige Momente in der Süße der Gottheit schwelgen zu dürfen. Sie dient vor allem dem Aufbau des Reiches Gottes, zielt, wie das Augustinus in seinem Traktat nahelegt, auf die "Gemeinschaft der Heiligen", die sich zusammenfindet in den vielen Gliedern des Herrenleibes, welche (wie das Brot aus vielen Körnen und der Wein aus vielen Beeren hervorgeht) in der Gemeinschaft mit Christus eben jenes Gottesreich bilden sollen - 'bilden" im Sinne von "aufbauen" - innerhalb der Zeit, bis es der Herr im Anbruch der Ewigkeit nach Ende der Zeit vollenden wird: "Unterpfand künftiger Herrlichkeit" nennt der hl. Thomas von Aquin nicht von ungefähr die Eucharistie in der Magnificat-Antiphon der zweiten Fronleichnamsvesper.
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"Das Heilige den Heiligen" ermahnte der Diakon in der Alten Kirche die Gläubigen vor dem Empfang der heiligen Kommunion: Dies ist eine Feier des Gottesreiches, eine Feier derer, deren "Wandel bereits im Himmel ist", von woher diese "den Retter, den Kyrios Jesus Christus" erwarten (vgl. Phil. 3, 20). Aus all dem erschließt sich der exklusive Charakter der Eucharistie: Sie ist das kultisch gefeierte Mysterium der bereits Geheiligten, jener, die sich schon entschlossen auf den Weg des Gottesreiches begeben haben - ihnen ist das "Brot vom Himmel" Stärkung, Gnade, Begegnung mit Christus, nicht zuletzt: Wegweisung. Es ist auch Heilung der Verwundungen, welche die Sünde dem Menschen geschlagen hat, dies aber insofern, als der Mensch der Sünde grundsätzlich bereits eine Absage erteilt hat, mag er im Einzelfall auch immer wieder straucheln und fallen. Nicht aber ist die Eucharistie ein Sakrament der Sünder, zu dem "alle" ausnahms- und bedingungslos eingeladen wären.
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Gewiß, Christus saß auch mit Sündern, Dirnen, feisten Pharisäern und Zöllnern zu Tisch, das Neue Testament berichtet uns mehrfach von den sogenannten "Sündermahlen" - nie aber, im diese in ihrem Tun zu bestärken, sondern um ihnen im Zeichen der Zuwendung einen Ansporn zu geben, sich auf den Weg zu machen aus der Knechtschaft und Sklaverei der Sünde. Ein Angebot übrigens, das keineswegs immer, wie manche Berichte nahelegen, angenommen wurde.
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Das Mahl aber, in dessen Rahmen der Kyrios die Eucharistie eingesetzt hat, war die Erinnerung an das viaticum, an die "Wegzehrung" einer bereits begonnenen Weggemeinschaft: es war das Pascha-Mahl, der Aufbruch Israels aus der Knechtschaft und Sklaverei Ägyptens - nicht nur ein "möglicher", sondern eine tatsächlicher Auszug. 
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Das Pascha greift somit über das Heils-"Angebot" Gottes weit hinaus, denn hier wird die Heilsdynamik bereits von beiden Seiten her kultiviert, angeschoben von der Seite Gottes, aufgenommen von der Seite der Menschen und in der (Bundes-) Gemeinschaft von Gott und den Menschen gemeinsam entschlossen fortgeführt. 
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So fest das eucharistische Mysterium an das Pascha Israels anknüpft, so locker sind die Berührungspunkte mit den Sündermahlen des Neuen Testaments. Genau genommen ist es nur der allgemeine Rahmen einer Mahlzeit, dem man eine gewisse Scharnierfunktion zusprechen könnte. Aber selbst dies bleibt fragwürdig, denn bei den Sündermahlen stand nicht zuletzt die leibliche Sättigung der Teilnehmenden mit im Fokus, derweil es sich bei der Stiftung der Eucharistie von Anfang an um eine eher symbolische Speisung handelt. Der Liturgiker Helmut Hoping bringt den Sachverhalt mithin ganz gut auf den Punkt, wenn er betont, die Eucharistie sei "nicht das Sakrament der Sünder, sondern der mit Christus und der Kirche Versöhnten" (Helmut Hoping: Mein Leib für euch gegeben. Geschichte und Theologie der Eucharistie. Freiburg 2011. S. 439 - ein sehr lesenswertes Buch übrigens).

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