Sonntag, 21. April 2013

Neu-Basilikalistik

In einigen Punkten schlägt der Alte-Messe-Molch in mir ein wenig aus der Art. So kann ich - andere verfallen da in Begeisterung - barock geschnittenen Meßgewändern eher selten etwas abgewinnen. Zwar bin ich auch kein Freund jener zumeist nachkonziliaren Paramente, welche in der Blogozese gelegentlich als "Pferdedecken" beleumundet werden, aber insgesamt ist mir eine gotisch geschnittene und ikonographisch das eine oder andere Heilssymbol aufgreifende Kasel lieber als ein Barockschinken mit Blümchenmuster. 
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Andererseits schätze ich Barockkirchen und barocke Architektur. Da mögen dann auch die entsprechenden Meßgewänder ihren berechtigten Platz haben. Doch so richtig warm ums Herz wurde mir gestern, als ich - die Gelegenheit, mich noch ein wenig umzuschauen, ausnutzend - in Zürich die Liebfrauen-Basilika betrat. Klar, natürlich handelt es sich um ... ja, wie nennt man sowas eigentlich? Neo-Kirchenväter-Architektur? Neu-Basilikalistik? Aber egal ... ich liebe es:
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Für die am Ende des 19. Jahrhunderts erbaute und überwiegend während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts ausgestattete Kirche standen die Basiliken St. Paul vor den Mauern (Rom) und St. Miniato al Monte (Florenz) gewissermaßen Pate. Sehr gelungen finde ich auch das Bildprogramm: Szenen aus dem Leben Christi im Kirchenschiff, Verkündigung und Evangelisten jeweils zu den Seiten des Chorbogens, die Apostel und eine Imagination der himmlischen Liturgie im Presbyterium. Das alles orientiert sich an Gestaltungsnormen, die sich bis heute zum Beispiel in den Gotteshäusern der Ostkirche erhalten haben.
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Die Apsis schmückt eine sogenannten Deësis: Sie zeigt Christus als den Kyrios, flankiert von Maria und Johannes dem Täufer als Fürbittern. Maria trägt hierbei unter ihrem Mantel ein purpurblaues Colobion (eine ärmellose Tunika) mit den Claves (einem goldgewirkten, stolaähnlichen Gewandstück) - einst im kaiserlichen Byzanz Zeichen herrscherlicher Würde.
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Vor der Apsis erhebt sich das Ziborium, dem man leider die Mensa genommen hat - eine Feier versus Dominum ist derzeit nicht möglich; der zum Schiff hin gerückte (und erhöhte) Volksaltar ist nur hintergehbar. Das Ziborium selbst soll übrigens aus dem Nachlaß eines Dienstmädchens (!) bezahlt worden sein; ich vermute, daß hier eine großherzige Seele sehr lange gespart hat ...
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Kommentare:

Simplicius hat gesagt…

Diesen Geschmack in der Sakralkunst teile ich absolut (wenngleich ich mich für barocke Architektur wenig begeistern kann). Leider ist es natürlich extrem unglücklich, dem Ziborium seinem eigentlich Zweck mit der Wegname der Mensa zu berauben. Alles so "steinern" aussehen zu lassen wirkt auf mich auch wie ein etwas verfehlter Historizismus, mMn würde dem Altar ein Antipendium und dem Tabernakel eine entsprechende Verhüllung ausgesprochen gut tun.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Ich bin ja schon froh, da man da wenigstens nicht "Nichts" installiert hat und das Ziborium zumindest noch das Tabernaculum beherbergt ... ;-)