Samstag, 13. April 2013

Das Dogma, die Mystik und der Schluß der Oper

Von ungefähr flogen mir heute Mittag einige Gedanken zum nicht immer entspannten Verhältnis zwischen Dogma und Mystik zu - an was man eben so denken kann, wenn man bei einem Kaffee sitzt und die Sonne auf ein schattenspendendes Dach fällt. 
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Was der Mystiker erfährt, läßt sich gelegentlich nur noch schwer mit den Worten des Dogmas umhegen. Und doch ist das Dogma auf den Mystiker immer wieder einmal angewiesen, will es mehr sein als Buchstabe, der auch töten kann. Der Mystiker wiederum benötigt das Dogma, um sich der Lauterkeit dessen, was er erfahren hat, gewiß sein zu können.
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Irgendwie kam mir die Oper Capriccio von Richard Strauss in den Sinn. Diese dreht sich um eine Frage, die ein wenig ähnlich gelagert scheint.
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Das Werk stellt eine junge Gräfin vor die Entscheidung, ob in der Kunst dem Wort oder der Musik der Vorzug gebührt. Beides wird personifiziert in zwei Personen, welche der Gräfin (et vice versa) herzlich zugetan sind: dem Musiker Flamand und dem Dichter Olivier - "Sind es die Worte, die mein Herz bewegen, oder sind es die Töne, die stärker sprechen?", fragt sich die Gräfin und spielt auf der Harfe ein Sonett, zu dem Olivier den Text und Flamand die Musik schrieb. Sie kann sich nicht entscheiden:
Vergebliches Müh'n, die beiden zu trennen. In eins verschmolzen sind Worte und Töne - zu einem Neuen verbunden. Geheimnis der Stunde - Eine Kunst durch die andere erlöst!
Verhält es sich womöglich mit Dogma und Mystik ähnlich? Eine Kunst durch die andere erlöst? Ja? Nein? Und wenn Ja - kann diese Antwort befriedigen? 
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In Capriccio bleibt sie dann doch vorläufig. Madeleine schaut während der letzten Takte - ehe der Vorhang fällt - in einen Spiegel und denkt über sich, ihre beiden Freunde und die große Frage des Werkes nach ...
Du schweigst? - O, Madeleine! Madeleine! Willst du zwischen zwei Feuern verbrennen? ... Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluß zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist? -
Nebenbei bemerkt: Wie nun ist der Schluß dieser Oper? Der Haushofmeister tritt auf und beendet den inneren Monolog der Gräfin mit einer Vermeldung: "Frau Gräfin, das Souper ist serviert" ...

Kommentare:

Simplicius hat gesagt…

Garrigou-Lagrange beschreibt in "Des Christen Weg zu Gott" (Les trois âges de la vie intéreure) diese scheinbare Problematik ganz ausgezeichnet und erklärt die Unterschiede in der Sprache der Mystiker und Theologen.

So besteht beispielsweise überhaupt kein Gegensatz, wenn Johannes vom Kreuz die Kontemplation als Inaktivität bezeichnet, Thomas von Aquin aber als höchste Möglichkeit der Aktivität. Ersterer spricht lediglich aus empirischer Sicht, letzterer aus ontologischer Sicht.

Die Unterschiede bestehen in der Sprache, dem Blickwinkel - nicht aber in den beschriebenen Realitäten.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Besten Dank für den Hinweis! Bei Sarto soll jetzt eine Neuausgabe erschienen sein; mal sehen, ob ich mit das zulege - wenn nur mein Buch-Wunschzettel nicht schon so grauslich lang wäre ...

Simplicius hat gesagt…

Gern geschehen! Das Wunschzettelproblem kenne ich leider auch...aber in der aszetischen und mystischen Theologie kenne ich nichts besseres. Tanquerey hat ein ein sehr gutes Werk verfasst, das lange Zeit im Seminarprogramm stand, an die Tiefe des Dominikaners kommt es aber nicht heran.

Drüben in meinem Sakramentar gibt es, angeregt durch diesen Beitrag, eine kleine Serie zum Thema.

Dir einen gesegneten Sonntag!

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Da habe ich den Tanquerey jetzt mit Garrigou-Lagrange verwechselt ... immer diese Franzmänner, kann man ja kaum auseinanderhalten, wenn Sie nicht gerade Chenu heißen ... ;-)

Welches Seminarprogramm, wenn ich mit einem leichten Anflug von curiositas fragen darf ...? :-)

Gleichfalls einen gesegneten Sonntag!

Simplicius hat gesagt…

Ja, mit den Franzmänner ist es so ein Gräuel, aber man kann sich seine Theologen halt nicht aussuchen ;-) Der eine ist Sulpizianer, der andere Dominikaner, und entsprechend schlägt sich das in der Theologie nieder.

Tatsächlich hat aber Nova et Vetera die "trois âges" neu aufgelegt. Ich wollte eigentlich mal denen nachfragen, ob es die ungekürzte Variante ist, das Buch kommt mir nämlich ein klein wenig zu dünn vor.

Wie dem auch sei, ich meinte, dass Tanquereys "Précis de théologie ascétique et mystique" bis in die 60er Jahre in vielen Priesterseminaren die Hauptlektüre zum (systematischen) Geistesleben war.
MMn ist der perfekte Einstieg: Erst Tanquerey lesen, dann Garrigou-Lagrange. Zumindest, wenn man genug Zeit hat ;)

Wolfram hat gesagt…

Wenn ihr solche Bücher sucht und in der Originalsprache lesen könnt:
nach dem Tod französischer Priester fällt deren Bibliothek oft an die Diözesanbibliothek, die mit drölfzig Exemplaren desselben Werkes auch nichts anfangen kann und die deshalb wieder abstößt...
die Bonbons, über die ihr grad sprecht, dürften da auch bei sein.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Mhh, nach zwei Jahre Französisch habe ich das wieder abgewählt, um mich auf Altgriechisch zu kaprizieren. Dummerweise sehe ich mich heute kaum noch in der Lage, Bücher in beiden Sprachen auch nur halbwegs mühelos zu lesen ... :-(

Wie mag das bei alten Priestern aus dem Elsaß sein *grübel* ...

Aber Danke für den Hinweis!