Montag, 22. April 2013

Auftrag erfüllt?

Nach meiner etwas kritisch Anfrage zu den Äußerungen der Dominikanerin Sr. Ingrid Grave (hier) hat sich heute Wolfram in einem Kommentar zu Wort gemeldet; das Charisma diverser Orden und die Frage, inwieweit dieses für die Gegenwart noch aktuell sei, im Blick, schreibt er:
Kommt vielleicht auch auf den Daseinszweck der jeweiligen Kongregation an.
Bei Dominikanerinnen hab ich mich immer schon gefragt, wozu die gut sind, die Dominikaner sind ein Predigerorden, aber Frauen dürfen nicht predigen, wozu also Dominikanerinnen?
So manche an Krankenpflege gebundene Orden oder Klöster haben zumindest in Westeuropa auch kaum mehr Sinn, weil die Professionalisierung der Krankenpflege sie schlicht überflüssig macht. Dann darf man auch getrost sagen, es hat seine Zeit gehabt, und für die Spiritualität stehen ja andere Orden und Häuser bereit.
Dem ersten Absatz würde ich zustimmen wollen. Der "traditionelle" Daseinszweck für den Orden der Tempelritter würde sich heute wahrscheinlich eher schwer begründen lassen.
.
Bei den Dominikanerinnen würde ich das schon etwas anders sehen - vielleicht hat es Wolfram auch mit einem gewissen Augenzwinkern gesagt; der Bedeutungshorizont des Wortes prædicare, und das weiß Wolfram gewiß aus seiner eigenen Arbeit, reicht über das "Predigen" im Sinn der Kanzelrede zweifellos hinaus. Wie dem auch sei ... Dominikanerinnen haben häufig - und tun es teils bis heute - zum Beispiel sehr gute Schulen unterhalten.
.
Auch bei der Krankenpflege würde ich die Meinung nicht teilen wollen. Hier in Freiburg und der näheren Umgebung gibt es zwei Schwesternkongregationen, die jeweils ein katholisches Krankenhaus betreiben. Zumindest von der einen Kongregation weiß ich, daß noch viele Ordensangehörige zu Krankenschwestern ausgebildet werden. Zugegeben: Heute kommen diese, wie so oft, überwiegend aus Indien und angrenzenden Regionen, wohin sie nach einigen Jahren, eine abgeschlossene Ausbildung im Gepäck, in der Regel auch wieder zurückkehren. Das aber ist ein anderes Thema - die Vereinbarkeit von Orden und Beruf funktioniert jedenfalls, wie zu sehen ist. Und selbst wenn das nicht funktionieren würde: Wie notwendig wären unserer Zeit Menschen, deren ausschließlicher Auftrag es sein könnte, sich für die Kranken und Leidenden "Zeit" zu nehmen, zuzuhören, zu trösten, je nach dem auch über die Schwelle des Todes zu geleiten.
.
Daß sich Orden aufgelöst haben, verschwunden und ausgestorben sind, ist immer wieder vorgekommen. Je nach Sichtweise wird man auch Teile der im 19. Jahrhundert reich gegründeten Schwesternkongregationen als nicht dauerhaft überlebensfähig erachten, der soziokulturelle Rahmen der Gegenwart bläst ihnen schließlich hart ins Gesicht. Ich halte es aber für falsch, dort allein die Gründe für den quantitativen Niedergang des Ordenswesens zu verorten und eine vertiefte Spiritualität als Trostpflaster wider die Resignation angesichts umgreifender Auflösungserscheinungen zu postulieren, wie das Sr. Ingrid Grave nahelegt. Denn damit kann man sich falsche neue Konzepte und Richtungsentscheidungen samt deren fataler Wirkung auch bestens schön reden.

Kann eine Ordensgemeinschaft ihren "Auftrag" jemals als "erfüllt" betrachten und sich darob in die Auflösung schicken? Vielleicht. Im Zweifelsfall gab und gibt es aber auch die Möglichkeit, sich "neu zu erfinden". Diesen Weg sind etwa, auch wenn das Beispiel etwas abgelegen scheint, die Mercedarier gegangen ...

Kommentare:

Braut des Lammes hat gesagt…

Zum einen ist "Frauen dürfen nicht predigen" schonmal eine Verkürzung des Faktums, daß die Homilie in der Heiligen Messe dem Priester oder Diakon vorbehalten bleibt. Ansonsten können Frauen natürlich genauso gern und gut predigen wie Männer und tun es auch. Von der Mutter Gottes selbst heißt es, sie habe gepredigt.

Zum anderen gibts um das dominikanische Charisma herum ja auch viele andere lehrende Tätigkeiten, auf die du ja auch schon verwiesen hast: Katechese, Katechumenenunterricht fielen mir noch ein.

Gerade das dominikanische Apostolat und deren Auftrag kommt mir notwendiger vor denn je.

Gabriele hat gesagt…

Ich bin auch eine Dominikanerin. Näherhin eine Laiendominikanerin. Der Orden der Prediger hat schon seit seinen Ursprüngen 3 inkorporierte Zweige: Brüder, kontemplative Schwestern und Laien. Diese Zweige heissen deshalb inkorporiert, weil das sie verbindende Prinzip der Ordensmeister ist, dem sie unterstellt sind. Darüber hinaus hat der Dominikanerorden eine Familie - die sich folgerichtig dominikanische Familie nennt. Dazu gehörten - ebenfalls von Anfang an - viele mehr oder weniger lose assoziierte Gruppen, Kongregationen, Bruderschaften, Einzelpersonen, Familiares, Donaten, und vieles mehr. Alle eint die Verpflichtung, das Wort Gottes zu predigen, zu verkünden, jeweils ihrem Stand, ihren Möglichkeiten und Gelegenheiten entsprechend. Wenn wir auf die Kanzelpredigt als einzige Möglichkeit der Predigt angewiesen wären, können wir gleich den Laden hinter uns abschließen. Eine der "Patroninnen" des Dominikanerordens ist übrigens Maria Magdalena, die Apostelin der Apostel. Need I say more? Das Wort Gottes muss verkündet werden. Da können wir auf Geschlechtergrenzen und andere Rollenzuweisungen keine Rücksicht nehmen.

Wolfram hat gesagt…

Ähem, verehrte Braut: entweder nimmt man das "mulier tacet in ecclesia" (das Weib schweige in der Gemeinde) ernst, oder man läßt es. Wozu noch kommt, "einem Weib gestatte ich nicht, daß sie lehre", damit ist dann die Katechese eindeutig auch ausgeschlossen.

Zum Eintrag: Orden kommen und gehen. Nicht die Ordensregel und die Existenz des Ordens an sich ist wichtig, sondern daß sich Menschen dem Dienst an Gott Vater Sohn und Heiligem Geist verschreiben. Was sie interessanterweise immer weniger in kontemplativen Orden zu tun scheinen, oder im abseits der Welt lebenden Benediktinerorden, sondern im missionarischen Dienst in Wort und Tat. Aber, wie du schon sagst, die Dinge ändern sich. Und die Zahl der maßgeblich von Ordensschwestern gepflegten Krankenhäuser ist in den vergangenen 50 Jahren auf einen kleinen Bruchteil zurückgegangen. Ich will nicht behaupten, man könne sie an einer Hand abzählen, aber es ist nicht weit davon.
Dafür gibt es so interessante Entwicklungen wie Trappistenorden als Seminaranbieter, mit Trappistenmönchen als Seminarleiter. Sind doch Trappisten eigentlich bekannt dafür, außerhalb der Gebetszeit stumm zu sein wie eine Auster...

Wolfram hat gesagt…

hups, nun isser wech. Ich wollte doch noch hinzufügen:
Tempora mutantur et nos in illis. Auch die Ausprägung des Glaubens- und Kirchenlebens ändert sich, ist heute anders als vor 100 Jahren, und noch anders als vor 400 Jahren oder vor 1000 Jahren. Und das ist richtig so.
Die Amischen befinden sich diesbezüglich meiner Ansicht nach im Irrtum. In anderen Dingen auch, aber das ist ein anderes Thema.

Anni Freiburgbärin von Huflattich hat gesagt…

Zu Tempelritter:
Zitat: "Der "traditionelle" Daseinszweck für den Orden der Tempelritter"
Der Heilige Stuhl stellte in einer Nachricht des L’Osservatore Romano vom 21. Mai 2006 wie folgt klar: „Wie bekannt ist, wurde der alte Orden der Templer (Tempelritter) von Papst Clemens V. (1305–1314) unterdrückt und von keinem anderen Nachfolgestaat wiederhergestellt.“
Am 16. Oktober 2012 stellte das Staatssekretariat des Vatikans nochmals fest, dass eine kirchliche Anerkennung des Templerordens seitens der katholischen Kirche nicht gegeben ist.

Das Predigtgeschwafel von Laien (zu denen sämtlichst Frauen gehören) ist sogar in der NOM untersagt. "Ite missa est" bedeutet auch nicht wichtigtuerische Kanzelpredigt, sondern das Wort Gottes im Alltag zu leben und zu verkünden.

Braut des Lammes hat gesagt…

Ähm Wolfram, es ist durchaus die Frage, wie der hl. Paulus das mit Schweigen in der Gemeinde gemeint haben mag, viel spricht dafür, daß ihm das Schwätzen gegen den Strich ging, gegen Zungenrede und Prophetie der Frauen hatte er ja bekanntlich nichts.

Darüber hinaus: wenn die heilige Kirche Katechetinnen, Lehrerinnen, sogar Kirchenlehrerinnen, und Missionarinnen zu den ihren zählt, genügt mir diese Gnade.