Mittwoch, 27. März 2013

Verhülltes - das Mysterium des Kreuzes

Hochaltar (Mittelteil) - Pfarrkirche St. Antonius, Basel
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Während der Passionszeit ist es üblich, in den Kirchen Bilder und - vor allem - die Kreuze zu verhüllen. Was aber hat es mit diesem Brauch auf sich? So recht weiß das keiner. Gerne wird auf die im Mittelalter aufkommenden Fastentücher verwiesen und damit die Vermutung in Verbindung gebracht, es solle den Gläubigen - auch sie schließlich Sünder - der Ausblick auf das Heiligtum "entzogen" werden, nachdem die Büßer bereits am Aschermittwoch aus der Kirche gewiesen worden waren. Nach Wilhelm Durandus wiederum, dem für uns heute auskunftsfreudigsten Liturgiker des Mittelalters, deute die Verhüllung der Kreuze an, daß sich die Gottheit des Kyrios durch dessen Leiden verhüllt habe.
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Vor einigen Tagen schien mir ein Sachverhalt etwas widersprüchlich: Man schaut auf das verhüllte Kreuz einerseits und andererseits auf die Hymnen des Stundengebets, in denen seit dem ersten Passionssonntag das Kreuz mitreißend besungen wird. Vor allem im Hymnus der Vesper, wo explizit vom Heraufziehen und Aufstrahlen die Rede ist:
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Vexilla Regis prodeunt:
Fulget crucis mysterium ...
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Des Königs Heerbanner ziehen herauf,
Aufstrahlt das Mysterium des Kreuzes ...
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... das Mysterium des Kreuzes! Sollte mir nicht gerade dieses Wort einen Zugang zu den verhüllten Kreuzen schaffen? Bliebe man bei Betrachtung und Erwägung vielleicht gerne an - gewiß guten und frommen - Details der Kreuzesminne hängen und übersähe jenen Kern der Botschaft vom Kreuz ein wenig, der mit der Rede vom Mysterium des Kreuzes gemeint sein könnte? Was ist dieses Mysterium? Was dessen Botschaft?
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Wie oft sehen wir ein Kreuz? Oft. Und wie oft sind wir über den Begriff des Mysteriums im Blick auf dieses Kreuz gestolpert? Oft?
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Der Begriff Mysterium scheint vordergründig anzudeuten: Es soll etwas in unser Blickfeld geraten, was verhüllt, verschwiegen, uns nicht sofort durchschaubar und kaum verständlich ist. Aber befriedigt diese Antwort? Die folgenden Gedanken sind eine Skizze dazu, ein Versuch, diesem Mysterium ein wenig nachzugehen, mehr nicht.
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Wenn die Liturgie vom Mysterium spricht, dann meint sie mehr als nur ein "Geheimnis", dem wir jetzt allein staunend und fragend gegenüber stehen können und ansonsten auf eine Enthüllung irgendwann im Jenseits hoffen müssten. In der Alten Kirche stand das Wort vom Mysterium vor allem für einen Inhalt, den die westliche Theologie später im Begriff des Sakraments zu fassen versuchte. 
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In diesem Sinn ist Mysterium etwas, was an uns vollzogen wird, eine consecratio sozusagen, an der wir Anteil nehmen sollen: an der Einweihung in die Gottheit, um hier die Tiefe des lateinischen Begriffes consecratio anklingen zu lassen. In je eigener Prägung und Frucht ist jedes der sieben Sakramente - oder in der Sprache der Alten Kirche: jedes Mysterium - mit einer consecratio verbunden. Es handelt sich mithin stets um einen Prozess, einen Vollzug, der an uns geschieht. 
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Die genuine Feier des Kreuzesmysteriums ist die Heilige Messe. Das Mysterium des Kreuzes zu feiern heißt, daß wir uns selbst hineingeben in dieses Geschehen, indem wir nicht nur äußerlich Anteil nehmen, sondern Teil werden im Zentrum der Vergegenwärtigung des Pascha-Ereignisses: letzte und höchste Form der participatio aczuosa. In der Präfation vom Heiligsten Sakrament betet die Kirche:
In diesem Mysterium unerforschlicher Weisheit und unermeßlicher Liebe vollzieht Christus unaufhörlich, was er einmal am Kreuze vollbrachte: er selbst der Opferpriester - er selbst die Opfergabe. Uns aber macht er mit sich zu einer Opfergabe und lädt uns ein zum heiligen Gastmahl, in dem er selbst als unsere Speise genossen wird, in dem das Andenken seines Leidens erneuert ...
Wir sollen aus der Zeit herausschreiten in diese ewige Liturgie, die sich in der Zeit - verhüllt im Mysterium - nun auch unter uns und an uns, an uns als einer Opfergabe mit Christus, vollzieht: die Feier des Leidens und des Todes, der Auferstehung und Verherrlichung des Kyrios, Gott von Gott, Licht vom Licht und doch auch Mensch wie wir.
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Mensch so weit und umfassend, daß er in die Tiefe menschlichen Leidens herabsteigt und all das aufnimmt, was uns von Gott trennt, bis hin zum Tod des Menschen, unseren Tod, den er qualvoll stirbt und dabei, als würde Gott von sich selbst abstrahieren, selbst die Gottverlassenheit des Menschen noch sterbend herausschreit: "Eli, Eli, lama asabtani? - Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
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Dies alles geschieht am Kreuz. Der Ostermorgen ist - so war es in Gottes Plan beschlossen - ohne das Kreuz nicht denkbar, und seit Ostern leuchtet das Licht der Auferstehung auf jedes Kreuz in dieser Welt. Das Kreuz ist der Wendepunkt der Geschichte. Der dritte Tag wird es zeigen: Der verlassene, geschundene, zertretene, gefolterte und in den Tod gekreuzigte Jesus von Nazareth erweist sich als der verherrlichte Kyrios; im Licht von Ostern erstrahlt das Kreuz als Zeichen des Sieges über den Tod. 
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Das Kreuz ist die Revolution Gottes, die Umwälzung von der Macht des Bösen hin zum Wachsen des Reiches Gottes - wir aber müssen uns immer wieder diesem revolutionären Prozess unterziehen, denn der Böse läßt - auch wenn, allem Weltenlauf zum Trotz, sein Untergang besiegelt ist - nichts unversucht, seine alte Macht erneut zu festigen und uns mit sich in den Abgrund zu reißen als lausige Beute des Verlierers. Noch stehen wir dauernd in Versuchung und Kampf, lassen uns Streiche versetzen und Wunden schlagen, die wir leichter hätten parieren können, hätten wir nur fest und kompromisslos zu den Heerbannern des Königs gehalten: Vexilla regis prodeunt, fulget crucis mysterium!  
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Treten wir ein in das Mysterium des Kreuzes, das uns auf Golgatha zu Kindern Gottes konsekriert! Schöpfen wir aus den Quellen der Sakramente, die diesem Mysterium entspringen, allen voran der Eucharistia. Werden wir dort eine Opfergabe mit Christus, dem Kyrios! Treten wir nun ein in das große Pascha, enthüllen wir unserem Auge dieses Heilswerk und schauen dessen Herrlichkeit, wann immer die Ekklesia die heiligen Mysterien feiert - in den kommenden Tagen und bis an das Ende der Zeit ...
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... Für immer darf nun die Kirche ihres Geliebten walten.
Was von Gott her stammt, was er von der Mutter erhalten,
Und was die Menschen noch mit ihm ausgeheckt,
Das alles wird nun für immer von ihrem Mantel bedeckt.
Sie hat ihn, sie betet, sie weint, sie staunt, sie tastet ihn ab.
Sie ist die Salbung, die Myrrhe, das Tuch und das Grab.
Sie ist Priester, Altar und Saal und Gefäß ohne Makel.
Hier endet das Kreuz und erhebt sich der Tabernakel.
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(Paul Claudel: Der Kreuzweg. Dreizehnte Station).

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