Dienstag, 26. März 2013

Der Plan des Heiles und der Plan des Zorns

Die Welthure Babylon -
aus dem Fensterzklus der
Pfarrkirche St. Gallus,
Merzhausen bei Freiburg
Der folgenden Text ist einem Exerzitienvortrag entnommen, den Odo Casel OSB in der Fastenzeit des Jahres 1945 hielt; der Leitgedanke dieser Vorträge lautet Vom Zeugnis. Die Worte selbst - hier entnommen dem ersten Vortrag Die Zeit ist nahe - stehen über aller Tagesaktualität, welche aber eine Rolle gespielt haben dürfte - aktuell scheinen sie mir auch heute und gerade in diesen Tagen vor Ostern wert, sie erneut zu bedenken ...
Wie ist die Menschheit auf den Heilsplan Gottes eingegangen? Wie hat sie auf das Blut des Lammes geantwortet? Hat sie dieses Blut auf ihre Stirn gestrichen? Hat sie sich zu dem Heiland bekannt? Hat sie ihre Sünden im Blute des Sohnes abgewaschen? Hat sie Gott die Ehre gegeben und ihm ihre Danksagung in Buße und Freude dargebracht? Wäre das nicht die allein würdige Antwort auf die übergroße Liebe Gottes gewesen?
Aber nein! Die Menschheit hat sich zu einem großen Teil noch weiter von Gott entfernt, weit mehr als vorher in der Blüte des Heidentums. Sie hat ihren Thron ausgebaut zu gewaltiger Weltmacht und sich Gott gegenüber stolz und frech zur Herrin der Welt ausgerufen. Ja sie kämpft gegen das Werk Gottes, berauscht sich am Blute der Heiligen und wütet gegen die Zeugen Gottes. Selbst jene, die sich nach Christi Namen nennen, zeugen oft nur allzu wenig davon, daß Christi Blut ihre Wangen benetzt hat.
Deshalb ist der göttliche Plan des Heiles für die Menschheit zu einem Plane des Zornes geworden. Ja selbst das Lamm, das sich geduldig für die Sünden der Welt schlachten ließ, muß nun seinen Zorn walten lassen, so daß die Bösen aufschreien, wie es der Herr den weinenden Frauen Jerusalems vorausgesagt hatte: "Dann werden sie zu den Bergen sagen: Fallet auf uns! und zu den Hügeln: Verberget uns!" (Lk 23, 30). "Fallet auf uns", so rufen sie jetzt den Bergen und Felsen zu, "und berget uns vor dem Antlitz dessen, der auf dem Throne sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; denn gekommen ist der Tag, der große, ihres Zornes, und wer kann da feststehen?" (Offb 6, 16). Die Könige der Erde, die mit der großen Welthure Babylon gehurt und geschwelgt haben, mit jener, die sprach: "Ich sitze hier als Kaiserin und bin keine Witwe, und Trauer sehe ich nicht" (Offb 18, 7.10) - sie klagen nun, da sie untergeht, und rufen, von ferne stehend: "Wehe, wehe, die Stadt, die große, Babylon, die Stadt, die starke! In einer Stunde kam das Gericht über dich!"
Inmitten der furchtbaren Gerichte Gottes aber wohnt die heilige Ekklesia Gottes in Frieden und ohne Furcht. Freilich ist sie nicht unberührt von den Schrecken der Endzeit. Sie wird von der Welt verfolgt, gepeinigt, getötet. Sie legt Zeugnis ab mit dem Blute ihrer Bekenner. Sie wird geprüft und erprobt im Feuer der Trübsal, so sehr, daß "die Seelen der um des Logos Gottes willen und wegen des Zeugnisses, das sie hatten, Erschlagenen" laut unter dem Altare rufen: "Wie lange, heiliger und wahrhaftiger Herr, richtest du nicht und rächest du nicht unser Blut an den Erdbewohnern?" (Offb 6, 9 ff.). Die Propheten Gottes werden, von der Erde aus gesehen, besiegt: "Wenn sie ihr Zeugnis beendet haben, wird das Tier, das aus dem Abgrund steigt, Krieg mit ihnen führen und sie besiegen und sie töten. Und ihre Leichen liegen auf den Straßen der großen Stadt, die im pneumatischen Sinne Sodom und Ägypten heißt, wo auch ihr Kyrios gekreuzigt wurde" (Offb 11, 7 ff.). 
Trotzdem aber schaut der Seher die Heiligen mit dem Lamm auf dem Berg Sion (Offb 14, 11). Sie haben seinen Namen und den Namen seines Vaters auf ihre Stirn geschrieben. Sie allein verstehen und lernen das neue Lied, das beständig vor dem Throne Gottes in der ewigen Liturgie erklingt. Sie sind jungfräulich und folgen dem Lamme, wohin immer es geht. "Sie wurden aus den Menschen erkauft als Erstlinge für Gott und das Lamm, und in ihrem Munde war keine Lüge; sie sind fleckenlos" (Vers 4 f.).
"Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind!" (Offb 19, 9). Eine gewaltige Schau! Auf der einen Seite das ungeheure Strafgericht Gottes über die Welt, die das Blut des Lammes verachtet hat, auf der anderen Seite die Berufung zur Hochzeit!
Odo Casel OSB: Vom wahren Menschenbild. Regensburg 1953. S. 132 ff.

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