Sonntag, 10. März 2013

Das himmlische Urbild der Ekklesia

Lætare, Jerusalem,
et conventum facite omnes, qui diligitis eam.
Gaudete cum lætitia, qui in tristitia fuistis,
et exultetis et satiemini ab uberibus
consolationis vestræ.
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Freue dich, Jerusalem!
Schließt eine heilige Gemeinde, ihr alle, die ihr Jersualem liebt!
Ergötzt euch in Freude! Ihr wart in Traurigkeit.
Jubelt und trinkt euch satt an der Fülle eures Trostes!
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Introitus-Antiphon am heutigen vierten Fastensonntag
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Wer sagt diese wunderbaren Worte? Ist es der ewige Vater, der aus dem Wolkenschleier seines unzugänglichen Wohnsitzes zu Jerusalem spricht? Oder ist es der verklärte Gottmensch, der von seinem himmlischen Thron aus seine Braut anruft? Oder ist es die Kirche selbst, die sich anfeuert und mahnt? Oder ist es der einzelne Christ, der sich ob seiner Kirche freut und seine Mitgläubigen, den ganzen Leib der Kirche, zum Sichmitfreuen aufruft?
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All das schwingt mit in diesen Worten und erfüllt uns mit geheimnisvollem Schauer, stellt uns in einen himmlischen Zusammenhang hinein, in dem das kleine Ich aufgeht in Gott und der Ekklesia.
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Und wer wird angeredet? Jerusalem. (...) Das Jerusalem aber, das im Himmel ist, dem unser Glaube dient, liegt auf jenem hohen Berg, der Christus ist. Es kann nicht in der Finsternis und in den Trümmern der Welt verborgen bleiben, sondern - strahlend im Glanze der ewigen Sonne - erleuchtet es uns mit dem Licht pneumatischer Gnade (Ambrosius, In Lucam VII 99).
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Ewiger Glanz der Freude liegt also auf den Zinnen dieses Jerusalem; denn Christus, die "Sonne der Gerechtigkeit" (Mal 4, 2), leuchtet über ihm und in ihm, und dieser Glanz kann nie verlöschen. Er leuchtet weit hinaus und erfüllt alle, die ihm nahen, mit heiliger Sehnsucht und Liebe und Hoffnung.
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"Ergötzt euch in Freude! Ihr wart in Traurigkeit. Schließt eine heilige Gemeinde, ihr alle, die ihr Jerusalem liebt!" Ja, heilige Liebe flammt in uns auf zu diesem Jerusalem; denn es ist nicht ein toter Bau aus Steinen, ein leeres Zeichen der Herrlichkeit, sondern ein liebendes Weib, Braut und Mutter zugleich; es lockt uns an durch seine bräutliche Schönheit und mütterliche Güte: Es ist unsere Mutter (vgl. Gal 4, 26).
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Hören wir auch hier Ambrosius: "... Gott möge kommen! Er baue auf dieses Weib, das die Gehilfin Christi ist. Nicht als ob Christus der Hilfe bedürfe! Aber wir wünschen, durch die Kirche zur Gnade Christi zu gelangen. Der Bau ist jetzt im Gange, er wird jetzt gebildet. Jetzt wird das Weib geformt, jetzt gestaltet und geschaffen. Deshalb braucht die Schrift das neuartige Wort, daß wir auferbaut werden auf dem Fundament des Apostel und Propheten. Jetzt ersteht das pneumatische Haus zu einer heiligen Priesterschaft (vgl. 1 Petr 2, 5). Komm, Herr und Gott, baue dieses Weib, baue diese Stadt! (...) Siehe dieses Weib, die Mutter aller! Siehe das pneumatische Haus, siehe die Stadt, die ewig lebt, weil sie den Tod nicht kennt! Sie ist nämlich die Stadt Jerusalem, die jetzt auf Erden sichtbar ist, die aber entrafft werden wird herrlicher als Elias - Elias war ja nur einer -, die entrückt werden wird herrlicher als Henoch, der nicht gestorben ist. Denn dieser wurde entrafft, damit die Bosheit sein Herz nicht verkehre. Jene aber wir von Christus geliebt als die Herrliche, die Heilige, die Makellose ohne Runzel ... Sie wird nämlich entrafft werden, auf- und hinweggenommen werden in den Himmel ... (Ambrosius, In Lucam II 87 ff.).
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Als Moses das heilige Zelt erbaute, sagte Gott zu ihm: "Blicke her und baue nach dem Urbild, das dir auf dem Berge gezeigt wurde" (Ex 25, 40). So schaut Gott selbst, so schaut Christus auf das himmlische Urbild der Ekklesia und bildet nach diesem Vorbilde die gegenwärtige Kirche. So schauen auch wir die Ekklesia in ihrer vollendeten Schönheit als Jungfrau-Mutter. Zu ihr sagen wir: "Freue dich, Jerusalem!" In diesem himmlischen Bild ist alles Freude, weil die Not und der Schmutz der Sünde nicht mehr da sind. Neu-Jerusalem ist ganz rein, ganz Liebe, ganz Pneuma. (...)
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Odo Casel OSB: Am Herrentag Lætare (aus einem Exerzitienvortag 1931) in: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus. Aus Schriften und Vorträgen. Mainz 1961. S. 288 ff.

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