Sonntag, 10. Februar 2013

Regelverstoß mit Scholastika

Die hl. Scholastika
Pfarrkirche St. Gallus, Kirchzarten im Dreisamtal
Im zweiten Buch seiner Dialoge (Kap. 33) berichtet der hl. Gregor eine - allen hier wahrscheinlich ziemlich bekannte - Begebenheit aus dem Leben der hl. Scholastika und ihres Bruders, des hl. Vaters Benedikt. Zum Fest der Heiligen, welches am heutigen Sonntag Quinquagesima unter den Tisch fällt, mag daran erinnert werden: 
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Jährlich besuchte Benedikt einmal seine Schwester. Als die Stunde des Heimwegs nahte, bat Scholastika den Bruder, er möge über Nacht bleiben, damit sie die begonnenen geistlichen Gepräche noch fortführen könnten. Benedikt schlug ihr das Begehren ab. Scholastika wandte sich nun unter Gebet und Tränen an den Herrn, und dieser ließ einen Regenguss hernieder kommen, der Benedikts Aufbruch vereitelte. Dessen gewahr, so steht es bei Gregor, sprach Benedikt:
"Der allmächtige Gott sei dir gnädig, Schwester! Was hast du getan!" Sie antwortete ihm: "Siehe, ich habe dich gebeten, und du hast mich nicht erhören wollen; da habe ich meinen Herrn gebeten, und er hat mich gehört".
Was hast du getan? Eine verständliche Frage, die Benedikt stellt, bringt ihn seine Schwester doch in eine Zwickmühle. Der Abt muß rundum Vorbild seiner Gemeinschaft sein, davon zeugt Benedikts eigene Regel (vgl. Kap 2, 13). Benedikt kann nicht einfach, ohne vorab Bescheid zu geben, über Nacht auswärts bleiben, ohne Not gewissermaßen.
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Man könnte sagen: Das Unwetter ist Not genug. Andererseits ist dieses Unwetter aber keine schlichte Fügung, der man sich nur hätte ergeben können, sondern es ist Scholastikas Gebet geschuldet. Hätte Scholastika nicht bereits im Vorfeld einsehen müssen, daß ihr Ansinnen ebenso unangebracht ist wie ihr Gebet wenig angemessen? Trotzdem findet sie bei Gott Gehör. Gott selbst sorgt, cum grano salis, dafür, daß Benedikt seine Regel nicht einhalten kann. Er muß es aushalten, daß seine Brüder nach dem Verbleib des Vaters fragen und sich Sorgen machen werden.
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Es gibt Augenblicke, da ist der einzelne Mensch wichtiger als die Regel. Zugleich aber bestätigt Gott die Regel, indem er für einen Augenblick davon dispensiert: Durch einen Regenguss für diese eine Nacht, der die Regel (im wahrsten Sinn des Wortes) Regel sein läßt und doch Scholastikas Bitte entspricht, diese Nacht mit ihrem Bruder zubringen zu können in geistlicher Unterredung. 
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Wichtig scheint mir auch diese Beobachtung: Nicht der Mensch, nicht Benedikt, setzt die Regel außer Kraft. Gott tut es - durch ein Zeichen. 
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Womöglich hat Benedikt bald darauf verstanden, warum Gott in dieser Nacht so gehandelt hat: Scholastika starb drei Tage nach diesem - letzten - Zusammentreffen mit ihrem Bruder.
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Was hat das mit uns zu tun? Vielleicht, daß wir im Umgang mit unseren Mitmenschen "die Regel" - Gebote, Richtlinien und so fort - stets im Auge behalten und zugleich den Blick stets auf Gott gerichtet haben sollen? Selbst wenn es kein Zeichen gibt, das über "die Regel" hinausweist, kann uns das helfen, eben jene in Güte und Lauterkeit zu erfüllen. Die hl. Scholastika begleite uns hierzu mit ihrer Fürsprache.

Kommentare:

clamormeus hat gesagt…


Lieben herzlichen Dank für das Gebet!

Und auch dieser Beitrag hier ist sehr tröstlich. Im Falle des so plötzlich Verstorbenen hatte es sich auch so gefügt, daß man ihm unter ganz anders angenommenen Umständen, nochmals vor seinem Tod begegnen durfte.

Was auch so wunnderbar an dieser Geschichte hier ist: Benedikt zweifelt keine Sekunde, daß das Gebet seiner Schwester solche Wirkmacht hatte.

Wolfram hat gesagt…

Die Regeln, wie alles Gesetz, sind für den Menschen gemacht und nicht umgekehrt.
Insofern sind sie wie die Balken eines Fachwerkhauses, zwischen denen der Wind wehen kann, und denen wir nicht die Gefache schließen dürfen, wollen wir nicht im Dunkeln stehen... oder auch wie die Umzäunung eines Gartens, aber nicht wie die Gitter eines Gefängnisses.