Montag, 4. Februar 2013

Drewermanns Träumereien

Träume mögen ein Versuch sein, das Leben zu erweitern, das mag Eugen Drewermann zu Recht betonen. Am Samstag befragte ihn DRadio Kultur zur Bedeutung von Träumen in der Religion (hier). So weit, so schön; natürlich aber schippert sowas nicht ohne Breitseite auf die Kirche daher. Drewersmanns Gesprächspartnerin, die Journalistin Kirsten Westhuis, feuerte die konfessionell schon passend vorkonfektionierte Frage zum Schluß ab:
Herr Drewermann, die Zeit drängt, aber eine Frage noch: Sollte denn dann in der Kirche, vor allem in der katholischen Kirche, mehr geträumt werden?
... die Zeit drängt, und der Zeitgeist sowieso! Soviel Zeit muß also sein - und Drewermann liefert das Gewünschte:
Das wäre außerordentlich viel wert, wenn speziell die katholische Kirche ihre eigenen Dogmen endlich symbolisch interpretieren wollte, statt den Gläubigen weiszumachen, dass es sich um die Wiedergabe historischer Fakten handeln würde ...
Aber wenn man jetzt erklärt, dass biologisch Maria eine Jungfrau gewesen sein muss, wie Benedikt XVI. gerade in seinem neuen Buch über die Anfänge Jesu, dann spaltet man Glauben und Vernunft, dann schafft man eine Schizophrenie des Bewusstseins, die außerordentlich gefährlich ist. Wer zwischen Begriff und Bild nicht unterscheiden kann, zwischen Symbol und Wirklichkeit, wer sich weigert, diesen Unterschied überhaupt zuzugeben, begibt sich in eine Sphäre hinein, die quasi am Rande des Psychotischen liegt. Das hat in den 50er-Jahren Gregory Bateson schon gesagt, und der hat vollkommen recht, es wären die religiösen Bilder dann auf den Menschen zur Integration zu führen. 
Immerhin scheint es auch in der Welt des Eugen Drewermann einige Fakten zu geben, die als grundsätzlich gültig eingeführt werden, auch wenn diese nicht zwingend mit Gott zu tun haben, aber zum Beispiel mit Gregory Bateson: "der hat vollkommen recht"
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Sonst aber ist alles schlimm. Und schlimmer: Führt die Kirche die Menschen kräftig an der Nase herum, so kratzt Benedikt XVI. gar "am Rande des Psychotischen". Ein Blickwinkel, den Herr Drewermann meines Ermessens einer psychoanalytischen Engführung seiner Rede von "Symbol und Wirklichkeit" verdankt. 
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Vielleicht sollte er ja selbst mehr träumen! Denn teilt sich Gott, wie auch Drewermann bestätigt, nicht hin und wieder in Träumen mit? Ebenso soll es bereits vorgekommen sein (aber das nur am Rand), daß Gottes Plan und Selbstmitteilung sowohl das Bewußte wie das Unbewußte des Menschen schlicht übersteigt - und nicht einfach daraus hervorgeht.
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Letzteres setzt freilich voraus, daß "Gott" mehr ist als nur ein innerer Reflex im Rahmen bewußtseinsbildender Prozesse, so wie das der folgende Satz - der Modernismus feiert fröhlich Urständ - im Blick auf "die religiösen Bilder" im Menschen nahelegt:
Sie stehen fremd gegen ihn, sie nehmen das Innerste der Seele als etwas von außen Kommendes und spalten damit alles auf, was zusammengehören würde.  
Im Schlußsatz gehen all die Ausführungen in einer Mischung aus Banalität, Halbwahrheit und Unterstellung endgültig den Bach herunter. Aber immerhin ist der Ton getroffen, mit dem man sich in der aktuellen Medienlandschaft in Erinnerung bringen kann (was nun, zugegeben, eine Unterstellung meinerseits ist):
Die Art, wie wir die Bilder der Religion interpretieren, entscheidet darüber, was wir für Menschen sind und welchen Zugang wir zu Gott bekommen, statt immer wieder nur einer Kirchenbehörde zu begegnen, die vorgibt, Gott zu verwalten.
Daß man gerade angesichts der deutsch-katholischen Steuergemeinschaft (mit Taufschein) auf die Idee kommen kann, Gott würde behördenmäßig verwaltet, mag man Eugen Drewermann nachsehen. Daß religiöse Bilder "das Innerste der Seele als etwas von außen Kommendes" nehmen, schon weniger. Denn wie heißt es noch gleich in Ps 126, 1 ...?
Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende.
Wie Träumende - angesichts des ganz konkreten geschichtlichen Handelns eines Gottes, der zwar in uns wohnen will, aber uns stets gegenüber ist - in Welt und Traum wie auch in der Zeit und in der Ewigkeit.
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Gut zu wissen, daß der Mensch nicht nur auf sich selbst verwiesen ist!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich habe neulich etwas von Drewermann in die Finger bekommen und fand seine symbolische Deutungen sehr erhellend - wo ich tatsächlich nicht mitkomme, ist, wie jemand auf die heilsame Kraft dieser symbolischen Wirklichkeit vertrauen soll, wenn dieser keine objektive Wirklichkeit entspricht; mir scheint das viel schizophrener im Sinne von gespaltener. Eigentlich schade - denn wenn Drewermann nicht auf dieser starren Unterscheidung symbolisch oder historisch beharren und auf seine oft maßlose kirchenkritische Polemik verzichten würde, dann könnte er einen positiven theologischen Beitrag leisten.
CHB

Severus hat gesagt…

Ja, wenn der Schuster nur bei seinen Leisten geblieben wäre und Drewermann das Lehramt hätte Lehramt sein lassen! Im Prinzip dieselbe Geschichte wie vor 400 Jahren mit Galilei!
Was aber, hätte Josef (Mt 2,13) seinen Traum symbolisch interpretiert und wäre getrost in Bethlehem geblieben? Doch natürlich ist diese ganze Geschichte auch nur wieder ein mythisch-tiefenpsychologisch auszulegendes Konstrukt!

T.C. hat gesagt…

Ein sehr erhellender Beitrag, geradezu ein Wachtraum. Als ehemaliger Paderborner braucht man von Zeit zu Zeit seine Dosis Eugen. Danke dafür. ;-)

Ich würd mich in meiner Bewertung dem Anonymus (s.o.) anschließen: Die eigentliche Schizophrenie des Bewusstseins scheint mir bei denen vorzuliegen, die permanent versichern, man könne das Existenziale ohne das Historische bzw. die Wirkung des Symbols ohne das Faktum haben. Wie heißt es noch im NT: "Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos" (1 Kor 15,17a).

LG