Dienstag, 5. Februar 2013

Die weggerissenen Brüste der hl. Agatha

Der Apostel Petrus richtet die unter der
 Folter leidende Agatha wieder auf -
Kirche St. Stephanus zu Gottenheim
... Tum ei mamilla abscinditur; quo in vulnere Quintianum appelans Virgo, Crudelis, inquit, tyranne, non te pudet amputare in femina, quod ipse in matre suxisti?
... darauf wurde ihr die Brust abgetrennt. So verwundet wandte sich die Jungfrau an Quintianus und sprach: Schämst du dich nicht, du grausamer Tyrann, an einer Frau das wegzureißen, an was du selbst dich bei der Mutter genährt?
Man muß zu einer älteren Ausgabe des Breviarium Romanum greifen, zu einer Edition aus der Zeit vor der Rubrikenreform des sel. Johannes XXIII., um diesen Passus noch in der Beschreibung des Martyriums der hl. Agatha zu finden - er steht in der fünften Lectio der Matutin.
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Warum aber sollte sich Quintianus ausgerechnet dieser Foltermethode schämen? Hatte der Prätor der heiligen Agatha nicht heftigste Pein angedroht, sofern sie von ihrem Bekenntnis nicht lassen wolle? Wurde Agatha nicht zuvor, auch das lesen wir in dieser Lectio, mit glühenden Eisenplatten malträtiert und hernach in spitzen Scherben und glühenden Kohlen gewälzt? Warum verwahrt sich Agatha plötzlich gegen die Amputation ihrer Brüste, bricht sozusagen aus der Ergebenheit des stillen Duldens aus, als ob ihr in der Tat Wichtiges genommen, besonders großes Leid zugefügt worden wäre? Hat Quintianus den Nerv getroffen?
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Die alten Heiligenbeschreibungen des Breviarium Romanum sind mehr Legende als Tatsachenberichte. Die betende Kirche hat sie aber über Jahrhunderte gelten lassen. Und auch wir können dies tun, weil es in erster Linie nicht um die Frage nach Fakten oder Fiktionen geht, sondern um denn Sinn hinter den Erzählungen - die sich ja durchaus auch, wie beschrieben, hätten zugetragen haben können, wer weiß es schon?
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Warum also die Klage der Jungfrau über die abgeschnittenen Brüste? Wozu braucht eine Jungfrau überhaupt Brüste, möchte man gar ketzerisch fragen! Kennzeichnen nicht gerade zwei Aspekte die Funktion der Brust, welche bei Jungfrauen ziemlich bedeutungslos sein dürften: stimulans und lactans - die Begehren weckende und die nährende Brust? Dem wäre womöglich so, verengte man das Wesen der christlichen Jungfräulichkeit, und das heißt: das Wesen der gottgeweihten Jungfräulichkeit, darauf (formulieren wir das mal etwas salopp), sich den Sex zu verkneifen und aufs Kinder kriegen (und stillen) zu verzichten.
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Die christliche Jungfrau aber soll vielmehr Frau in Fülle sein, um sich Christus ganz, gerade auch im Zeichen der Sexualität, zu bewahren und - geistlich - hinzugeben. Diese Fülle soll und will sich auch im Zeichen des gottgeschaffenen Leibes Geltung verschaffen. Was die Welt hierbei als "Unterdrückung" von Sexualität sieht, weil man sich eben jene Sexualität nur im Rahmen der eigenen Lustmenagerie vorstellen kann, ist in Wirklichkeit die Integretation des Geschlechtlichen in einen höheren Empfindungshorizont: das "Opfer" wird - in rechter Weise dargebracht! - als Gnade rück-erfahren und schenkt Frieden.
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Die Zeichenhaftigkeit des Leibes und der Brust erstreckt sich noch weiter: Denn auch die Jungfrau ist Mutter - geistlich wiederum, aber sie ist es, muß es werden und wird es: virgo lactans, die Nährende. Beinahe möchte man sagen: Die gottgeweihte Jungfrau ist signum magnum, ein großes Zeichen (vgl. Offb 12, 1) für die Kinder dieser Welt und die Kinder des Lichtes (vgl. Lk 16, 18), den einen zur (wenngleich so oft unverstandenen) Mahnung und den anderen zum Ansporn, aber "nahrhaft" quasi den einen wie den anderen.
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Die Klage der heiligen Agatha ob der ihr weggerissenen Brüste ist, so gesehen, gut nachzuvollziehen - ihre Fürsprache helfe uns auf dem Weg zu Christus.

1 Kommentar:

Braut des Lammes hat gesagt…

Ein schöner Beitrag, vielen Dank.