Dienstag, 5. Februar 2013

Bücherwurmecke: Das Christuszeugnis

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Der protestantische Theologe Wilhelm Vischer sah sich 1933 gezwungen, seinen Lehrauftrag an der Theologischen Schule Bethel niederzulegen, da er den Nationalsozialisten in vielerlei Hinsicht ein Dorn im Auge war. Das Alte Testament, das Vischer dezidiert christologisch interpretierte, war für ihn ein über jede Diskussion erhabener Bestandteil der Heiligen Schrift. Dies aber war im Protestantismus damals nicht überall selbstverständlich; entsprechende Tendenzen mündeten bereits 1932 in die Gründung der "Deutschen Christen". Unter Federführung dieser Bewegung wurde überdies 1939 zu Jena das "Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" gegründet, dreizehn deutsche Landeskirchen waren mitbeteiligt. Es wäre an dieser Stelle allerdings unfair, würde man nun verschweigen, daß es im Protestantismus auch deutliche und pointierte Gegenreaktionen zu diesen Entwicklungen gab; zu den bekanntesten Initiativen zählte etwa die 1934 initiierte Bekennende Kirche.
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Vischer selbst kehrte in seine schweizerische Heimat zurück, wurde 1934 Pfarrer an der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Lugano und schrieb gegen den in Deutschland um sich greifenden Spuk eines "deutschen" Christentums an. Im selben Jahr legte er Band eins seiner theologischen Arbeit vor: Das Christuszeugnis des Alten Testaments - Das Gesetz. Ein zweiter Band folgte später: Die frühen Propheten
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Ich habe mir die beiden Bände wohlfeil antiquarisch zugelegt und heute bei der Post in Empfang genommen; jetzt bin gespannt, zumal ich sozusagen einem "Lesetipp" von Odo Casel OSB folge, dem Vischers Buch offenkundig in nicht wenigen Punkten gefallen hatte und der seine (leicht eingeschränkte) Empfehlung mit einigen Gedanken zur Exegese des Alten Testamentes verknüpfte, die auch heute bedenkenswert sind:
Ich möchte an dieser Stelle empfehlend auf dieses Buch hinweisen, das, obwohl von einem evangelischen Theologen der dialektischen Schule geschrieben und deshalb von uns nicht in jeder Hinsicht anzuerkennen, mit einer gewaltigen religiösen Kraft zurückgreift auf die pneumatisch-allegorische Erklärung des Alten Bundes, wie sie im Neuen Testament und von den Kirchenvätern geübt worden ist.
(...) Wir erkennen durchaus die geschichtliche und philologische Erklärung des Alten Bundes als notwendig und wertvoll an; aber ihren letzten religiösen Sinn erhält die Schrift erst durch die sogenannte pneumatische oder allegorische Auslegung. Damit sind auch alle Vorwürfe aus dem Weg geräumt, die mit Recht aus einer wörtlichen Verwendung der Schrift des Alten Bundes hervorgehen könnten. Die Väter betonen deshalb immer wieder, daß eine rein somatische, d. h. bloß geschichtliche Deutung des Alten Testaments für die Christen nicht nützlich ist, sondern eher schädlich sein kann. Sie hat sich auch erst in der Neuzeit wieder durchgesetzt; das christliche Altertum und das Mittelalter lebten in der Christusdeutung.
Soweit Casel (Mysterium der Ekklesia. Mainz 1961. S. 259. Fußnote 3). Abschließend noch ein Zitat aus dem Buch selbst, entnommen den ersten Sätzen der Einleitung zum ersten Bandes. Vischer schreibt (S. 7):
Den beiden Hauptwörtern des christlichen Bekenntnisses "Jesus ist Christus", dem Eigennamen "Jesus" und dem Berufsnamen "Christus", entsprechen die beiden Teile der heiligen Schrift: das Neue und das Alte Testament. Das Alte Testament sagt, was der Christus ist, das Neue wer er ist, und zwar so, daß deutlich wird: nur der kennt Jesus, der ihn als den Christus erkennt, und nur der weiß, was der Christus ist, der weiß, daß er Jesus ist. So deuten die beiden Testamente, von einem Geiste durchhaucht, gegenseitig aufeinander ...

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