Montag, 21. Januar 2013

Willkommen im Mittelalter!

... Es wird vielleicht einmal dazu kommen, daß auf diese Weise das Wort "Mittelalter" einen ganz neuen Sinn erhält. "Mittelalter" nannte man bisher mehr oder weniger verächtlich jene Zeit, die nur ein Übergang zwischen zwei Lichtzeiten des Menschengeschlechtes war, ein Zwischenzustand zwischen der Antike und ihrer angeblichen Wiedergeburt in der Zeit, die sich nach dieser Wiedergeburt stolz als Renaissance bezeichnete. Was dazwischen lag, galt als das "finstere Mittelalter" (medium aevum, Zwischenzeit). 
Vielleicht wird man einmal in neuer Erkenntnis des wahren Wesens der Dinge gerade diese scheinbar so lichtvolle Zeit der Renaissance, dieses Zeitalter der Befreiung des Individuums, der "Aufklärung", der Naturwissenschaft und Technik, des Fortschritts, als die eigentliche Verfinsterung des Menschengeschlechtes bezeichnen und ihr mit größerem Recht den Namen eines Mittelalters geben, einer Zwischenzeit zwischen den Zeiten des Glaubens. 
Zeiten des Glaubens sind nach Goethe und nach uralter Erfahrung aufstrebende, große, schöpferische Zeiten, Zeiten, in denen der Mensch in seiner ewigen Ordnung steht und aus dem Gemeinschaftsgeist heraus große, überindividuelle Werke schafft ...
Odo Casel OSB: Die Kirche als Braut Christi nach Schrift, Väterlehre und Liturgie in: Mysterium der Ekklesia. Mainz 1961. S. 59 f.

Kommentare:

Martina Katholik hat gesagt…

Ja, verächtlich machen das Mittelalter immer nur die Kirchenfeinde, aus gutem Grund.

Ich verstehe nur nicht ganz, wieso P. Casel hier Goethe, einen Protestanten , definieren lässt was "Zeiten des Glaubens sind".

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Mhhh, man soll ja alles prüfen und das Gute behalten. Außerdem definiert Goethe ja nicht die "Zeiten des Glaubens", sondern stellt nur fest, was diese Zeiten auszeichnet. Und wenn das selbst ein Protestant erkennt ... ;-)

Grundsätzlich sollte man, denke ich, auch andere Stimmen wahrnehmen und - wenn es möglich ist - würdigen, ohne damit die eigene Überzeugung über Bord zu werfen. Das ist ein Zeichen von Größe, Offenheit und Willkommen.

Alipius hat gesagt…

Super-Casel-Zitat! Danke für die Erinnerung!

Wolfram hat gesagt…

Martina tut ja gerade so, als wären Protestanten Parias - dabei sind sie auch Christen.
Ob Goethe allerdings als Christ anzusehen ist oder nur als ein (irgendwas), der irgendwann mal evangelischen Katechismus gelernt hat, darüber könnte man trefflich diskutieren. Ich für meinen Teil tendiere zu letzterer Ansicht.

Und auch dann bleibt wahr, was die Bärin neulichst schrieb: auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Wolfram, fängt ja auch beides mit "P" an ... und Du weist ja: zelus domus tuae comoedit me ... ;-)