Freitag, 18. Januar 2013

Hermeneutik der Bedeutungslosigkeit

Während meiner Studienjahre machte der Marburger Theologe Rudolf Bultmann Furore; er erklärte, vom historischen Leben Jesu könne man nichts Sicheres wissen - das sei auch ganz unerheblich für den Glauben, dem es nur um die "Bedeutung für mich" zu gehen habe, ein Verfahren, das er existenziale Hermeneutik nannte ... 
Klaus Berger: Jesus. München 2007. S. 21.

Kommentare:

T.C. hat gesagt…

Ja ja, ich habe schon so manchen (zumeist) evangelischen Pastor auf der Kanzel gesehen, der dieser Logik (in vulgarisierter Version)gefolgt ist: "Das war natürlich historisch nicht so, aber das macht auch nichts, denn es geht ja darum, was wir für uns da rausziehen ..."

Sehr schön zu besichtigen war diese Sicht auch am Ende des so genannten ZDF-Faktenchecks mit Petra Gerster. Nach dem Motto: Weihnachtsgeschichte nur ein schöner Mythos, der aber unsere Herzen erwärmt und die Welt so ein bisschen besser macht.

Seufz

Wolfram hat gesagt…

Berger ist da historisch ungenau, denn als Bultmann emeritiert wurde, war Berger 11 Jahre alt.
Aber Berger hatte natürlich mit den Bultmannianern zu tun (die der Alte aus Marburg selbst nicht übermäßig schätzte, wie man hört).
Die behauptete Bultmann-Aussage ist auch schon von jemand anderem, damit hat Albert Schweitzer der Leben-Jesu-Forschung in dem Buch desselben Namens den Todesstoß versetzt.

In gewisser Weise stimmt es ja auch: wir haben keine Beweise, nur Zeugnisse, und die widersprechen sich auch noch in einigen Details. Ob sich Johannes mit seinem Evangelium und seinem Lieblingsjünger gegen die synoptische Petrus-Verehrung zur Wehr setzt oder eher letztere den Lieblingsjünger systematisch totschweigt - wir werden es nicht erfahren. In welchen Worten das Abendmahl eingesetzt wurde - ebenfalls nicht. Und die Weihnachtsgeschichte - aj waj. Die zwei Geburtserzählungen in Mt und Lk schließen sich jedenfalls aus: Mt erzählt Joseph und Maria als Einwohner Bethlehems, die erst in letzter Minute vor dem Herodes-Massaker nach Ägypten fliehen (Jesus ist knapp 2 Jahre alt) und Jahre später, nach Herodes' Tod, sich lieber in Nazareth ansiedeln statt in Bethlehem. Lk erzählt Joseph und Maria, die als Reisende für ein paar Tage nach Bethlehem kommen und dort das Kind zur Welt bringen, bevor sie einige Tage später nach Jerusalem gehen und dann nach Nazareth zurückkehren. Weder für den herodianischen Kindermord noch für die augustische Volkszählung gibt es außerbiblische Belege. Bei Ereignissen dieser Größenordnung macht das schon stutzig.
Der erwachsene Jesus lebt übrigens nicht in Nazareth, sondern in Kapernaum, und wahrscheinlich auch seine Familie.

Ja, die Weihnachtsgeschichte, zumal die fabulierte Zusammenlesung von Krippe und Schäfern, Weisen und Kindermord, das ganze natürlich mitten im kalten Winter (und warum waren dann die Schafe nicht im Stall?) fällt eher in die Kategorie story als in die Kategorie history. Interessanterweise kenne ich kein klassisches Glaubensbekenntnis, das aus den beiden Geburtsgeschichten anderes aufgreift als "Mensch geboren von der Jungfrau Maria".

Was sagt uns das? Daß zu Jesu Zeiten und in der ersten Folgegeneration all das nicht so wichtig war, sondern die Phase, in der Jesus in die Geschichte (history) eingeht, nämlich als Erwachsener. Lehre, Leiden, Auferstehung. Auch Maria - als eine der ersten Christinnen nach Ostern bezeugt - hat offenbar über seine Kindheit nicht gesprochen.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Och, auch hier verlasse ich mich vor allem auf das, was die Kirche unter Leitung des hl. Geistes etc. ...

Aber in der Tat: Ob das Heu in der Krippe trocken war oder noch halb grün, ist nicht von großem Belang im Vergleich zu cruxifixus ... passus ... sepultus ... resurexit ... ascendit ... et iterum venturus est cum gloria: und all das natürlich nicht nur als Kerygma der Gemeinde.

Da dürften wir uns einig sein. :-)