Sonntag, 27. Januar 2013

Ein Blick in den Hinterhof

Circumdederunt me gemitus mortis,
dolores inferni circumdederunt me:
et in tribulatione mea invocavi Dominum,
et exaudivit de templo sancto suo
vocem meam.
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Es umraunte mich Stöhnen des Todes,
Qualen der Unterwelt umdrängten mich.
In meiner Bedrängnis schrie ich auf zum Herrn
und er hörte von seinem heiligen Tempel aus
meine Klage.
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(Antiphon zum Introitus am Sonntag Septuagesima)
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Das Meßformular des Sonntags Septuagesima wird der bewegten Zeit der Völkerwanderung zugeschrieben und mit der Eroberung großer Teile Italiens durch die Langobarden (um die Mitte des 6. Jahrhunderts) in Verbindung gebracht - eine Epoche, die von Unsicherheit gezeichnet und von Gefahren geprägt war. Ein Horizont der Angst begrenzte des fallende Imperium Roms. Die Kirche hat sich diese Texte bewahrt; der Introitus bildet noch heute den Auftakt zur Vorfastenzeit - die konkrete geschichtliche Erfahrung der Alten wird in den Kontext des pilgernden Gottesvolkes, der streitenden Kirche, eingespiegelt und definiert den Bezugsrahmen der Christen zu ihrer Weltzeit - vom Stöhnen des Todes ist die Rede und von den Qualen der Unterwelt.
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Man muß in der Welt nicht weit schauen, um dieses Stöhnens und dieser Qualen gewahr zu werden, trotz der vielen glanzvoll polierten Fassaden. Oft reichen wenige Schritte, reicht ein Blick in die Hinterhöfe der Städte, der Länder oder der Kontinente, in denen sich das Elend an Leib und Seele sammelt. Doch müssen wir überhaupt soweit gehen? Offenbart nicht ein Blick in die eigenen Abgründe jene Bilder allzu oft im Kleinen, die wir im Großen beklagen?
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In meiner Bedrängnis schrie ich auf zum Herrn - eine erste Reaktion und (oft) die einzige, zu der wir fähig sind, wenn uns die Worte fehlen oder uns unsere Worte selbst peinlich werden, weil wir Gott schon so oft mit eben diesen Worten um Vergebung gebeten haben und trotz eben dieser Worte wieder neu gefallen sind: Schreien, Aufstöhnen - hier Gebet in elementarster Form. Gott aber hörte immer wieder von seinem heiligen Tempel aus unsere Klage - sammelt uns um seinen Altar und heilt in der Feier der heiligen Mysterien unsere Wunden. So führt uns dieser Introitus heute unmittelbar hinein in die Eucharistie:
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Muneribus nostris, quæsumus, Domine,
precibusque susceptis:
ut cælestibus nos munda mysteriis,
et clementer exaudi.
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Unsere Gaben, so bitten wir, Herr,
und unsere Gebete nimm entgegen;
läutere uns durch die himmlischen Mysterien
und höre uns gnädig.
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(Gebet über die Opfergaben)

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