Samstag, 30. Juni 2012

Unterpfand der treuen Liebe Gottes zur Menschenheit - zum Hochfest des Kostbaren Blutes

Der Pelikan nährt seine Jungen mit seinem eigenen Blut -
Tabernakelbekrönung in der Pfarr- und Wallfahrtskirche
 Mariä Krönung, Oberried im Schwarzwald
In der Vergangenheit zeichnete sich der erste Sonntag im Juli durch die Verehrung des Kostbarsten Blutes unseres Herrn Jesus Christus aus. Einige meiner verehrten Vorgänger im letzten Jahrhundert haben diese Frömmigkeitsform bestätigt, und der sel. Johannes XXIII hat mit dem Apostolischen Schreiben "Inde a primis" (30. Juni 1960) deren Sinn erklärt und die Litanei vom kostbarsten Blut approbiert. Dem Thema des Blutes, das mit dem des Paschalammes in Verbindung steht, kommt in der Heiligen Schrift höchste Bedeutung zu. Die Besprengung mit dem Blut der geopferten Tiere war im Alten Testament Zeichen und Besiegelung des Bundes zwischen Gott und dem Volk, wie im Buch Exodus zu lesen ist: "Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat" (Ex 24,8).
Auf diese Worte nimmt Jesus ausdrücklich beim Letzten Abendmahl Bezug, wenn er seinen Jüngern den Kelch reicht und sagt: "Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28). Und tatsächlich hat Christus von der Geißelung bis zur Durchbohrung seiner Seite nach seinem Tod am Kreuz sein ganzes Blut vergossen, als wahres Opferlamm für die allumfassende Erlösung. Der heilbringende Wert seines Blutes wird ausdrücklich an vielen Stellen des Neuen Testaments herausgestellt. Es mag genügen, (...) die schönen Worte aus dem Hebräerbrief zu zitieren: "Christus … ist ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, daß sie leiblich rein werden, wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen?" (9,11–14).
Kain erschlägt Abel -
Glasfenster in St. Gallus,
Merzhausen bei Freiburg
Liebe Brüder und Schwestern, im Buch Genesis steht geschrieben, daß das Blut Abels, der von seinem Bruder Kain erschlagen worden war, vom Ackerboden zu Gott schreit (vgl. 4,19). Und leider ist – heute wie gestern – dieser Schrei nicht verstummt, da weiterhin aufgrund von Gewalt, Ungerechtigkeit und Haß menschliches Blut fließt. Wann werden die Menschen lernen, daß das Leben unantastbar ist und allein Gott gehört? Wann werden sie verstehen, daß wir alle Brüder sind? Auf den Schrei aufgrund des vergossenen Blutes, der sich aus so vielen Teilen der Erde erhebt, antwortet Gott mit dem Blut seines Sohnes, der das Leben für uns hingegeben hat. Christus hat nicht das Böse mit Bösem vergolten, sondern mit dem Guten, mit seiner unendlichen Liebe. Das Blut Christi ist Unterpfand der treuen Liebe Gottes zur Menschheit. Den Blick fest auf die Wundmale des Gekreuzigten gerichtet, kann jeder Mensch auch im Zustand äußersten moralischen Elends sagen: Gott hat mich nicht verlassen, er liebt mich, er hat sein Leben für mich hingegeben; und so kann er wieder Hoffnung finden. Die Jungfrau Maria, die gemeinsam mit dem Apostel Johannes unter dem Kreuz das Vermächtnis des Blutes Jesu aufnahm, möge uns helfen, den unschätzbaren Reichtum dieser Gnade neu zu entdecken und innige und immerwährende Dankbarkeit dafür zu empfinden. 
(Benedikt XVI. beim Angelusgebet am 5. Juli 2009)

Die Regel III

Obsculta, o fili, praecepta magistri, et inclina aurem cordis tui, et admonitionem pii patris libenter excipe et efficaciter comple ...
Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines Herzens. Nimm die Hinmahnung eines gütigen Vaters gerne an und vollende sie nachhaltig in der Tat. (Regula Benedicti, Prolog, 1)
Nimm die Hinmahnung eines gütigen Vaters gerne an und vollende sie nachhaltig in der Tat.
Wenn wir die Regel zur Hand nehmen, seien wir uns bewußt, daß wir nur Anfänger sind, die noch alles zu lernen haben. Es ist gut, sich davon zu überzeugen, denn das ist das Merkmal für die Echtheit der Gottsuche und unseres Verlangens nach seinem Innewohnen in unserem Herzen durch die Gnade. Benedikts Weisung ist für uns ein neuer Ansporn zur Heiligkeit. Es ist ein gutes Zeichen, wenn wir von diesem Ideal erfaßt werden. Es geht nicht um ein Programm von heroischen Taten; aber wir sollten uns in einem bestimmten Punkt erneuern und Gott demütig um seinen Beistand bitten.
Abt Denis Huerre OSB, Abbaye de la Pierre-qui-Vire (Mai 1969)

Freitag, 29. Juni 2012

Los Wochos - eine unbrauchbare Musik-Auswahl

Die Diskussion erneut anzuzetteln, ob es überhaupt Musik geben könne, welche die Welt nicht brauche, beabsichtige ich hier keineswegs. Das einzige Problem, welches ich mit den aktuellen Los Wochos habe, besteht darin, daß ich partout nicht einsehen mag, warum ich hier Musikstücken zu - wenngleich zweifelhaftem "Ruhm" - verhelfen soll, die ich für überflüssig erachte. Man wendet schließlich keine Mühe darauf, ein Blog zu führen, der halbwegs ordentlich ausschauen soll, um dann grottigen Musikalien mit potentiell fragwürdiger optischer Beilage (vulgo: Youtube-Duchschnittsvideo) ein Forum zu bieten.
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Also werde ich meine kleine Auswahl nur verlinken, aber nicht unmittelbar präsentieren - jedoch kurz was zum "Sitz im Leben" sagen. Musik, die meines Ermessens die Welt nicht braucht ... eine Auswahl cum grano salis, die - wie man unschwer erkennen wird - vor allem schmerzhaften bis gruseligen Erfahrungen eines nebenberuflichen Kirchenmusikers geschuldet ist:
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| Weil neulich eine pastorale Weisung herangetragen wurde, darauf zu achten, daß in der außerordentlich römischen Messe in St. Antonius häufiger auch die achte Messe gesungen werde, mir aber dieser Rondo-Choral längst zu den Ohren herauskommt: Die Missa de Angelis (stellvertretend: das Kyrie). NB: Credo III kratzt gerade noch die Kurve.
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| Weil ich mich nie wieder vor besonders eifernden Seelen rechtfertigen müssen möchte, warum soooo schöne Lieder (a-d) keinen Platz in der Liturgie haben, nicht einmal vor oder nach der Feier der Heiligen Mysterien und überhaupt nicht mittendrin:
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a) Weil man das eher zur Klampfe am Lagerfeuer bei Fußwallfahrten singen sollte: Schwarze Madonna.
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b) Weil die "Englein" vor dem Tabernakel dem lieben Heiland garantiert nicht "gute Nacht" wünschen, um die "Wacht" der "ew'gen Lampe" zu überlassen und mich dieses - die ewige Liturgie des Himmels banalisierende - Süßholzgeraspel auf dem Hintergund von Jes 6, 1-4 (und da sind wir "nur" im Alten Bund!) beinahe lästerlich dünkt: Leise sinkt der Abend nieder.
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c) Weil der letzte Sonntag des Kirchenjahres angesichts der großen Kündung des Gerichtes über diese Weltzeit nicht der rechte Ort ist, um diese Botschaft auf einen protestantisch-pietistischen Erlösungssubjektivismus zu reduzieren und weil das Jüngste Gericht mutmaßlich von ganz anderem Kaliber sein wird als der Untergang der Titanic: Näher, mein Gott, zu dir.
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d) Weil kalvinistische Propaganda ("wie er das Volk des Eigentums gesegnet") oder aber unauskündbar erhunzte deutsche Übersetzungen nicht zur Liturgie passen: Du großer Gott.
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| Weil, wo Menschen sich vergessen, keineswegs "Katholischer Bumms in Reinkultur" (Catholicism Wow) rauskommt, sondern eine - zwischenzeitlich auch noch mit dem Wulff-Makel behaftete - zweifelhafte Vermengung von Natur und Übernatur: Da berühren sich Himmel und Erde.
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| Weil ich anno dunnemal genötigt wurde, bei einem Dekanats-Ministrantentag unter den Klängen von folgendem Seich in die Freiburger Martinskirche einzuziehen und ich außerdem Großkaliberkurzwaffen und anverwandte Flinten viel zu faszinierend finde, um Waffen generell "umzuschmieden": Manchmal feiern wir mitten am Tag.
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| Weil es ferner natürlich auch außerhalb der Kirche Musik gibt, welche die Welt nicht braucht:
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Blöder Beat, lächerliche Lokalbands, zweifache Zombies, plumpe Propaganda, aufgeblasene Avantgarde, massive Massenverdeppung und ich hör jetzt auf, bevor mir selber noch schlecht wird ...

"... in treuer Beobachtung ihrer Lehren" - Petrus und Paulus

Begegnung der hl. Apostel Petrus und Paulus
während ihrer Gefangenschaft in Rom -
Deckenbild von Franz Joseph Spiegler in der
ehem. Klosterkirche St. Peter im Schwarzwald
Wenn Zelebranten aus der Liturgie eine Art Memorandum machen, kann dies mitunter an manch Nerven zehren, ist aber keine absolut neue Vorgehensweise. Eine liturgische Reflexion der Völkerwanderung, so wird vermutet, prägt zum Beispiel die folgende alte Präfation, entnommen dem Sacramentarium Leonianum, welches uns einen Einblick in liturgische Formulare des 5. Jahrhunderts gewährt. Angesichts mancher Bedrängnis mahnt die betende Kirche ihre Gläubigen (das römische Volk), sich durch christliche Lebenshaltung des Schutzes der Apostelfürsten zu versichern. Ob uns das in den heutigen Dringlichkeiten und Drängnissen auch noch etwas zu sagen vermag?
Wahrhaft, es ist würdig und recht, billig und heilsam, daß wir dir immer und überall Dank sagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott:
In der Voraussicht, von wie schweren Heimsuchungen unsere Stadt bedrängt würde, hast du in ihr die größten Träger der Apostelmacht beigesetzt. Wie glücklich wärest du, Rom, erkenntest du deine Beschützer und wolltest du würdig deine so gewaltigen Schirmherren feiern! Kein Feind bräche über dich herein, keine Waffen würden dich schrecken, wolltest du, in treuer Beobachtung ihrer Lehren, sie anflehen um ihren Schutz.
Denn das ist dir doch offenbar und kund: wie jene, welche schon die Sünder beschützen, die mit Gaben beschenken werden, die sich hohe Verdienste erworben. Durch Christus, unseren Herrn.
Durch ihn preisen die Engel deine Majestät, beten die Herrschaften dich an, verehren dich zitternd die Mächte. Die Himmel und die Himmelsgewalten und die seligen Seraphim feiern dich jubelnd im Chor. Laß auch uns, wir bitten dich, in ihren Lobgesang einstimmen und voll Ehrfurcht bekennen: Heilig ...
Georg Josef Strangfeld SJ (Hg.): Das Dankgebet der Kirche. Lateinische Präfationen des christlichen Altertums. Freiburg 1952. S. 88f.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Einwurf ... Unterstützung erbeten

Auf der Seite von Sicut incensum werden immer wieder die Abläufe zu den päpstlichen Liturgien verlinkt; so auch die Handreichung zum Hochfest der hl. Apostel Petrus und Paulus. Das manchmal babylonisch anmutende Sprachenwirrwarr der Gottesdienste in St. Peter ist ja nicht unbedingt mein Ding. Früher kam mit mit Latein und Griechisch prächtig aus. Unter den Texten findet sich - bezeichnenderweise? - folgende Fürbitte in deutscher Sprache: 
Der Nachfolger des Apostels Petrus möge in seinem Auftrag, die Jünger Christi in die Wahrheit des Glaubens zu leiten, unterstützt und gestärkt werden. Dominum deprecemur - te rogamus ...
So lasst uns also den Herrn anrufen! Gott sei Dank wird das eigens betont - man könnte sonst glatt auf den Gedanken kommen, angesprochen seien unsere allerliebsten Bischöfe und der wie Rotz an den Ortskirchen klebende Deutsch-Katholizismus.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Visionäre Gottesmütter und überspannte Folgeerscheinungen

De Maria numquam satis ... über Maria könne, so soll es der hl. Bernhard von Clairvaux auf den Punkt gebracht haben, nie genug gesagt werden. Und doch wird, denke ich, von Maria hin und wieder zuviel gesagt. Vor allem, wenn es um Erscheinungen, Botschaften, weinende Madonnen, um Seher und wundersame Gesichte geht.
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Gerade traditionsverbundene Kreise erweisen sich hier in Teilen als anfällig. In der Wüstenei eines "marianischen Rationalismus", welcher in der Gottesmutter kaum mehr sieht als hier eine "Schwester der Menschen", dort ein "Mädchen aus Israel" und allerorten eine mythisch überhöhte Idealisierung, die zu "erden" nötig sei, in solch vertrockneter Distanzierung also mag ein vermeintliches Eingreifen des Himmels sprichwörtlich Wunder wirken oder zumindest die Seelen wärmen. Wie frommt es doch, daß allabendlich Maria, ja eben: nicht von ihren Altären gezerrt wird, sondern vielmehr selbst aus dem Himmel herab steigt, um ihren Kindern das Neueste zum Tag mit auf den Weg zu geben. Das landete zeitweilig sogar auf meinem Küchentisch: Mahnendes aus Medjugorje im Kleinanzeigenteil einer kostenlosen Wochenzeitung - die Botschaften der "Gospa" zwischen dem Bibeltelefon der örtlichen Adventisten, hellsichtig esoterischen Angeboten und der Annoncierung notgeiler Omas, die auf meinen Anruf warten. Nicht, daß Worte der Umkehr da völlig fehl am Platz wären ...
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Das macht es leicht, die Sache fromm zu verteidigen: So viele Mahnungen. So viele Beichten. So viele Gebete. Sind nicht das die Früchte, an denen himmlische Provenienz erkennbar wird? Ob in Medjugorie, Montichiari, Amsterdam und so weiter, ob "Gospa", "Rosa mystica", "Frau aller Völker" und so fort - nie war Maria so präsent wie heute. Was aber, wenn die Botschaften beginnen, die Lehre der Kirche zu untergraben, und was weiter, wenn sich die Sache hier oder dort am Ende als großer Bluff herausstellt? Die größten Erfolge feiert der Versucher, wenn er im Mummenschanz des Guten, des Heiligen daherkommt. Hat sich aber der Mummenschanz erledigt, so findet einerseits eine schadenfrohe Welt einen Grund mehr, über die doofen Katholiken und ihre religiösen Hirngespinste (womit sodann nicht nur entzauberte "Wunder" gemeint sind) zu lachen, und bleiben andererseits viele ge- und enttäuschte Seelen zurück und einige, die sich dem Urteil der Kirche verweigern und einen vermeintlich "frommen" Ungehorsam kultivieren: Und die letzten Dinge würden ärger sein als die ersten (vgl. 2 Petr 2, 20).
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Ich will und kann mir kein Urteil erlauben. Das ist Sache der Kirche. Allerdings sehe ich auch irgendwie auffallend andere Früchte und Früchtchen unter manchen der besonders marianischen Seelen: Persönlichkeiten von einer religiösen Überspanntheit, die bei mir einen ungesunden Eindruck hinterlassen. Kaum ein Gespräch, welches nicht auf kurz oder lang einen erschlagenden Bogen von der verluderten Gegenwart über Padre Pio zu den Botschaften von Seher Tralala und den Erscheinung von Hoppsasa bis zum großen Strafgericht spannt, jene obskuren "dunklen Tage" nicht zu vergessen, die der Rache Gottes vorangehen. Daß man - auf den zwischenmenschlichen Umgang bezogen - auch auf finstere Nebelkrähen treffen kann, ist vielleicht mutmaßlicher Verunglimpfung ein Deut zu heftig und kommt zudem tatsächlich eher selten vor, weswegen ich es hier bei einer unschuldigen  Praeteritio belassen möchte. Aber gut, ich weiß, dies alles ist nun sehr zugespitzt, aber die Zuspitzung kommt auch nicht von ungefähr.
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Gefährlich wird es in meinen Augen spätestens dann, wenn diese Zeitgenossen beginnen, potentielle Interessenten zu missionieren. Ich habe nicht nur einmal erlebt, wie Priester zum Beispiel im Rahmen von Meßfeiern im außerordentlichen römischen Ritus eigens darauf hinweisen mußten, daß es nicht erlaubt sei, ohne Genehmigung irgendwelche Traktate in der Kirche auszulegen. Der besondere marianische Gehorsam äußerte sich in einem Fall darin, daß entsprechendes Material dann eben nach der Meßfeier vor der Kirche unters Volk gebracht wurde.
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Mir erschließt sich auch nicht ganz der offenbar manche Mitchristen total vereinnahmende Reiz, den irgendwelche Mären von just erscheinenden Gottesmüttern und Seherbotschaften ausüben. Kann man nicht warten, bis die Kirche zu einem Urteil gefunden hat, auch wenn Gottes Mühlen langsam mahlen mögen und die Mühlen des Heiligen Stuhls gefühlt noch langsamer? Haben wir nicht bereits beglaubigtes Zeugnis für das Wirken Mariens in dieser Welt in den großen Erscheinungen von Lourdes und Fatima? Sollten wir, wenn in uns eine ganz besondere marianische Saite schwingt, nicht zuerst diese Botschaften zu erfassen und ins Leben zu integrieren suchen, ehe wir uns weiteren, meinethalben aktuelleren, aber allemal ungesicherteren Manifestationen zuwenden?
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Wer das Glück hat, in katholischen Regionen zu leben, wird überdies in nicht allzuweiter Ferne ein Marienheiligtum finden, zu dem zu wallfahren sich lohnt. Nicht, weil die alten Gnadenbilder, die dort mitunter seit Jahrhunderten verehrt werden, tatsächlich wundersamer Weise etwa auf irgendwelchen Flüssen angeschwemmt worden oder vom Himmel herabgefallen sind. Diese Ursprungslegenden mögen so wahr oder fromm erfunden sein wie die Erscheinungen jüngster Tage. Doch hier geht es nicht mehr darum - denn hier steht das Faktum im Mittelpunkt, daß diese Heiligtümer über Generationen zu geistlichen Kraftquellen geworden sind, und dies durchgängig ohne Droh- oder sonstige zwielichtige Botschaften, allein geheiligt durch Gebet und genehmigt und begleitet durch die kirchliche Autorität.
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Wer in der Diaspora wohnt, kann übrigens auch leicht wallfahren - mitten durch die Mysterien des Lebens Jesu und Mariens, entlang der Perlenschnur des Rosenkranzes. Dazu braucht es kein Medjugorje, kein Montichiari und keine Frau aller Völker. Genau genommen braucht man dazu noch nicht einmal Lourdes oder Fatima.

Unsere Liebe Frau von der Immerwährenden Hilfe

Unsere Liebe Frau von der Immerwährenden Hilfe
Mosaik in der Pfarrkirche St. Antonius, Basel
Mit Ikonen kann ich eigentlich nicht viel anfangen. Ich bewundere sie ob Ihrer künstlerischen Eigenart. Mich fasziniert auch die Vorstellung der Orthodoxie, in der Ikone nicht nur ein Bild, sondern eine Art Vergegenwärtigung des Abgebildeten zu sehen und zu verehren. Eine Ikone kitzelt durchaus meinen Verstand, mein Gemüt erreichen diese Bilder aber kaum. Doch es gibt zumindest eine große Ausnahme ... die Ikone Unserer Lieben Frau von der Immerwährenden Hilfe. Unter diesem Titel feiert die Kirche heute die Gottesmutter.
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Immerwährende Hilfe ... nicht, daß Maria uns jeden Wunsch von den Augen abläse und erfüllte ... Die Zusage "immerwährender Hilfe" weckt in mir das feste Vertrauen, daß Maria stets auf unserer Seite stehen will und wird, so wir sie nur darum bitten, und daß sie stets für uns einsteht, wenn wir - gerade auch in der Stunde des eigenen Versagens - nur kindlich nach ihrer Hand greifen, wie auf dem Bild der Jesusknabe sich angesichts der Passionswerkzeuge an den Daumen der Mutter klammert.
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Auf einer Seite der Redemptoristen der Provinz St. Clemens wird zur bewegten Geschichte dieses Bildes ein lesenswerter Beitrag geboten.

Maria, 
heilige Mutter des Herrn,
angerufen unter dem Namen Immerwährender Hilfe,
bewegt ist die Geschichte 
deines ehrwürdigen Bildes durch die Zeiten.
Es verehrten dich die Menschen, deine Kinder,
bis sie eines Tages Deines Bildes nicht mehr achteten.
Seiner ersten Heimstatt wurde es geraubt,
seine nächste Heimstatt sank in Trümmern,
an drittem Ort ward es,
dein Bild, dem Vergessen anheim gegeben,
bis du es in den Herzen wieder angerührt hast.
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Laß Dein Bild in 
meinem Herzen bewahrt sein
und rühre an mit deinem Bild mein Herz,
damit ich,
über meine bewegte Zeit hinweg,
nie vergesse,
was es zu mir sprechen mag:
Daß Du auf meiner Seite stehst,
Maria, wenn nach Deiner Hand ich greife.
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Maria,
unsere Liebe Frau,
unsere Mittlerin,
unsere Fürsprecherin
und immerwährende Helferin -
führe uns zu deinem Sohn,
empfiehl uns deinem Sohn,
stelle uns vor deinem Sohn.
Amen.

Dienstag, 26. Juni 2012

Schönheit, die Entfliehende und die Not unserer neuen Welt

[ ... zum 24. Todestag des Theologen Hans Urs von Balthasar ...]
Schönheit heißt das Wort, das unser erstes sein soll. Schönheit ist das letzte, woran der denkende Verstand sich wagen kann, weil es nur als unfassbarer Glanz des Doppelgestirns des Wahren und Guten und sein unauflösbares Zueinander umspielt, Schönheit, die interesselose, ohne die die alte Welt sich selbst nicht verstehen wollte, die aber von der neuen Welt der Interessen unmerklich-merklich Abschied genommen hat, um sie ihrer Gier und ihrer Traurigkeit zu überlassen.
Schönheit, die auch von der Religion nicht mehr geliebt und gehegt wird und die doch, wie eine Maske von deren Antlitz gehoben, darunter Züge freilegt, die für die Menschen undeutbar zu werden drohen. Schönheit, an die wir nicht mehr zu glauben wagen, aus der wir einen Schein gemacht haben, um sie leichter loswerden zu können, Schönheit, die (wie sich heute weist) mindestens ebensoviel Mut wie Entscheidungskraft für sich fordert wie Wahrheit und Gutheit, und die sich von den beiden Schwestern nicht trennen und vertreiben lässt, ohne in geheimnisvoller Rache beide mit sich fortzuziehen.
Wer bei ihrem Namen die Lippen schürzt, als sei sie das Zierstück einer bürgerlichen Vergangenheit, von dem kann man sicher sein, dass er - heimlich oder offen zugestanden - schon nicht mehr beten und bald nicht mehr lieben kann.
Das 19. Jahrhundert hat noch die Gewänder der Entfliehenden in einem leidenschaftlichen Rausch festgehalten, die Umrisse der sich auflösenden alten Welt ("Helena umarmt Faust, das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier bleiben ihm in den Armen ... Helenens Gewande lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber", Faust II, 3. Akt), die gottdurchlichtete Welt wird Schein und Traum, Romantik, bald nur noch Musik, aber wo die Wolke verzieht, bleibt unverdaulich ein Gebild der Angst, die nackte Materie übrig; und da nichts mehr ist und doch etwas umarmt werden muss, so rät man dem Menschen unseres Jahrhunderts zu diesem unmöglichen Hymen, der ihm zuletzt alle Liebe verleidet. Aber was der Mensch nicht mehr kann, wozu er impotent geworden ist, das hält er als Unbewältigtes nicht mehr aus, er muss es leugnen oder zu Tode schweigen.
Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Erster Band: Schau der Gestalt. Einsiedeln 1961. S. 16f.

Montag, 25. Juni 2012

Einwurf ... Verschüttetes

Die allermeisten Kollegen - eine gläubige Muslima einmal ausgenommen - verbinden mit Themen wie Gott und Religion oder auch Kirche wenig oder nichts oder wenig Gutes.
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Ein Kollege erzählte nun, er zünde aber gerne in Kirchen eine Kerze an - das finde er irgendwie romantisch.
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Offenbart sich hier nicht doch eine - wenngleich womöglich tief verschüttete - Sehnsucht nach Gott?

Die Regel II

Obsculta, o fili, praecepta magistri, et inclina aurem cordis tui ...
Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters und neige das Ohr deines Herzens ... (Regula Benedicti, Prolog, 1)
Höre ...
Die Zeit, die uns Gott näher bringt oder uns von ihm entfernt, verfliegt rasch, ohne daß wir es merken. Wachsam sein! Jeden Tag neu überdenken, wofür wir diesen Tag leben, damit wir seinem Ende in voller Freiheit und im Licht entgegen gehen. Wir besitzen einen ungeheuren Reichtum in uns, nämlich all unsere Möglichkeiten zum Einsatz für das Reich Gottes. Wenn wir daran denken, können wir große Fortschritte machen; wenn nicht, sind wir in Gefahr, einzuschlafen und zu erstarren.
Obsculta, höre, merk auf, gib acht! Ein bewußt dargebrachtes Opfer wenigstens einmal am Tag hält uns wach.
Abt Denis Huerre OSB, Abbaye de la Pierre-qui-Vire (September 1961) 

Sonntag, 24. Juni 2012

Hartherzige Kirche? Barmherzige Kirche?

Es ist nicht Aufgabe der Kirche, ihren Gliedern hier in dieser Zeit unter allen Umständen ein angenehmes Leben zu bescheren. Sicher, es zählt auch zu ihren Verpflichtungen, ein Auge darauf zu haben, daß Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können. Mehr aber noch sieht sie sich der Aufgabe gegenüber, die Gläubigen zur ewigen Vollendung, in die endgültige Vereinigung mit Gott zu führen. Tut sie dies, so handelt sie wahrhaft "barmherzig" - auch wenn sie dazu Wege einschlagen muß, die sie in den Augen der Welt "hartherzig" erscheinen lassen. Das gilt auch, oder besser: gerade dann, wenn Christus, der Herr, den Weg eindeutig weist.
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Handelt ein Arzt "hartherzig", wenn er einem Patienten eine - wenngleich schmerzhafte, aber objektiv notwendige - Therapie dringlichst empfiehlt? Handelt er "barmherzig", wenn er trotz besseren Wissens seinen Patienten in der Entscheidung bestärkt, die Therapie abzulehnen, weil jenselber Patient die Bedrohlichkeit seiner Verwundung nicht erkennt und sich gesund "fühlt"? Handelt er "barmherzig", weil er dem Patienten den Unbill der notwendigen Therapie punktuell ersparen möchte, ohne langfristig die Gefährdung in Rechnung zu ziehen? Handelt er "barmherzig", wenn er dem Patienten zu einem Medikament rät, welches für den Zustand des Patienten völlig ungeeignet ist, das notwendige Remedium aber verschweigt?
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Der verantwortungsvolle Arzt wird nahelegen, was langfristig gesehen unabdingbar und das Beste für den Patienten ist; und er wird jenselben durch die Therapie geleiten. Er wird seine Behandlung - gerade wenn sie schmerzhaft ist - so schonend anlegen, wie er es nur vermag, aber er wird sie auch soweit vorantreiben, daß die Therapie ihre Wirkung entfalten kann. Hingegen wird er alles vermeiden, was seinem Patienten im Zweifelfall mehr schadet als nutzt.
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So auch muß die Kirche handeln - mitten im Leben der Menschen, aber stets sub specie æternitatis, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit. Auch wenn es nicht immer einfach, verständlich und durchschaubar ist. Weder für die Kirche, noch für die Menschen.
Hilf mir, Herr, die Verworrenheit der Dinge durch die Klarheit des Glaubens zu lichten, und die Schwere alles dessen, was auf mir lastet, durch die Kraft des Vertrauens umzuwandeln.
Und Dein Heiliger Geist möge Zeugnis geben in meinem Herzen, daß ich wahrhaft Dein Kind und im Recht bin, wenn ich alles Geschehende von Deiner Hand entgegennehme. Laß in der Vergewisserung Deiner Liebe jene Fragen beantwortet werden, die keine Menschenweisheit beantworten kann. Daß ich von Dir geliebt bin, ist Antwort auf jede Frage - gib, daß ich sie empfinde, wenn die Stunde der Erprobung da ist. Amen.
Romano Guardini

Geburt des hl. Johannes des Täufers

Johannes als Prediger in der Wüste
Pfarrkirche St. Johannes Baptist, Oberrotweil am Kaiserstuhl
Johannes war ein Bild des Alten Bundes und verkörperte in sich das Gesetz. Deshalb kündigte Johannes den Erlöser an, wie auch das Gesetz der Gnade vorausging. Daß er schon vor der Geburt aus seiner Verborgenheit im Mutterschoß heraus prophezeite und, bevor er das Licht schauen konnte, ein Zeuge für die Wahrheit wurde, ist so zu verstehen: Verborgen unter der fleischlichen Hülle des Buchstabens offenbarte der Alte Bund der Welt im Geiste den Erlöser und verkündete uns gleichsam aus dem Schoß des Gesetzes heraus unseren Herrn.
 Predigt des hl. Augustinus - der vierten und fünften Lesung zur Matutin am Fest der Geburt des hl. Johannes des Täufers dem Breviarium Romanum entnommen.

Samstag, 23. Juni 2012

Ehe, Scheidung, Scheidungsbrief

Die vorchristliche Naturehe, wie wir sie aus der übernatürlichen Offenbarung kennen, war von Anbeginn an mit einem unaufknüpfbaren Eheband umschlungen.. Nicht umsonst sprach Adam, vom Hl. Geiste erleuchtet (Trid., Sess. XXIV. prooem.: divini Spiritus instinctu) die prophetischen Worte (Gen 2, 24): "Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen und die Zwei werden sein ein Fleisch". Der Heiland fügt den Worten Adams sofort den bedeutungsvollen Spruch hinzu (Mt 19, 6): "Was also Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen".
Indem er dem Einwand der Juden, Moses habe ja den Scheidebrief gestattet, das kategorische Urteil entgegenstellte (Mt 19, 8): Im Anfange (ab initio, ap' arches) war es nicht so", gab er unmißverständlich zu erkennen, daß jede menschliche Ehe nach dem Vorbild der paradiesischen iure divino nicht nur monogamisch geartet, sondern auch innerlich unauflöslich sei, weswegen jede eigenmächtige Ehescheidung nur im Ehebruch endigen kann. (...)
Ist aber die innere Unauflöslichkeit jeder Ehe, auch der nichtchristlichen, göttlichen Rechts, so folgt, daß in der historischen Ordnung nur Gott oder eine gottgesetzte, ad hoc bevollmächtigte Autorität - nicht der Staat - unter gewissen Bedingungen die Ehescheidung gestatten kann, wie dies wirklich in Form einer göttlichen Dispens im Gesetz des Moses vorgesehen war. Vgl. Dt 24, 1: Wenn jemand ein Weib nimmt und sie bei sich hat, und sie findet nicht Gnade vor seinen Augen um irgendetwas Häßlichen willen (propter aliquam foeditatem), so soll er einen Scheidebrief (libellum repudii) schreiben und ihr denselben in die Hand geben und sie entlassen (dimittet) aus seinem Hause". (...)
Als Scheidungsgrund gibt Moses beim Weibe an: "etwas Häßliches" (foeditas), eine Bestimmung, welche den alttestamentlichen Juden geläufig sein mußte, uns Modernen aber unverständlich ist. Daß man darunter nicht jeden beliebigen Grund, wie z. Bsp. Unkenntnis im Kochen, verstehen kann, wie die rabbinische Hillelschule erklärt, liegt auf der Hand. Wahrscheinlich hat die Schamaischule mit ihrer Deutung recht, daß die mosaische foeditas nichts anderes war als eine gegen die eheliche Treue verstoßende unschamhafte Handlung.
Joseph Pohle: Lehrbuch der Dogmatik. Dritter Band. Paderborn 1906. S. 615f.

Die Regel I

Mit welchem Nutzen lesen wir die Regel? Sie sollte uns wie eine Art Osmose durchdringen, aber leisten wir auch unseren persönlichen Beitrag dazu? 
Die Regel ist gleichsam das Evangelium für uns Mönche. Wir sind auf der Suche nach Gott, und die Regel hilft uns, voranzueilen und zu tun, was uns für die Ewigkeit frommt. 
Wenn wir die Regel zwei- bis dreimal am Tag hören, so setzt das Aufmerksamkeit voraus, aber auch persönliche Meditation und Ehrfurcht vor der monastischen Tradition. 
Es bleibt uns in unserer Regel viel zu entdecken. Sie ist die Form der Liebe, die Gott für uns bestimmt hat.
Abt Denis Huerre OSB, Abbaye de la Pierre-qui-Vire (September 1956) 

Freitag, 22. Juni 2012

Ein Stück von Dankbarkeit und Hoffnung

Betzenhausen ist ein altes Dorf, 972 erstmals erwähnt und heute ein Stadtteil Freiburgs. Den alten Dorfkern rund um die Kirche St. Thomas kann man freilich noch gut erahnen. Heute in der Nähe unterwegs, stattete ich dem Gotteshaus und dem kleinen Friedhof drumherum einen Besuch ab. 
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Filialkirche St. Thomas - Freiburg-Betzenhausen
Bei dieser Gelegenheit wollte ich nach einem Grab sehen, nach dem Grab einer Frau, die vor manchem Jahr für mich fast zu einer Zusatz-Oma geworden war - und ich vielleicht ein Stück weit ihr Ersatz-Enkel, wer weiß? Ich war lange Zeit nicht mehr da, vielleicht zu lange. Wo ich die Grabstatt in Erinnerung hatte, war sie nicht mehr zu finden. Hatte ich mich geirrt? Ich ging den überschaubaren Gottesacker Reihe um Reihe ab, ohne Erfolg. Das Grab, in dem sie mit ihrem Mann, der einige Jahre nach ihr starb, ihre letzte Ruhe fand, scheint zwischenzeitlich aufgelöst. Die Zeit verstreicht rasch, die äußeren Male der Erinnerung verblassen, verschwinden.
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Magda Sennerich lief ich über den Weg, als ich begonnen hatte, mir mit meiner Monatskarte die Kirchen in Freiburg anzuschauen. Ich war, über den Daumen gepeilt, vielleicht zehn oder eher elf Jahre alt, und eines Tages verschlug es mich in die Pfarrkirche Heilige Familie. Frau Sennerich gehörte zu jenem Schlag tieffrommer und glaubensfroher Frauen, die sich um Pflege und Schmuck und Sakristei der Kirche kümmerten. Sie erklärte mir die Kirche, den Kirchenbau und die Ausstattung - und ich kam, wie gesagt, zu einer Zusatz-Oma. Denn bald darauf stand ich wieder bei ihr auf der Matte. Daß ich heute glaube, verdanke ich nicht zuletzt auch ihr.
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Da kein Grab mehr an sie erinnert, möchte ich es hier tun. In Dankbarkeit und Hoffnung.
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Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand
und keine Qual kann sie berühren.
Sie scheinen nach dem Wahn der Toren tot zu sein;
als Unglück gilt ihr Hingang gar,
ihr Weggang schon von uns für einen Untergang.
Sie aber sind im Frieden (Weish 3, 1-3).

Donnerstag, 21. Juni 2012

Zwischen Kirchenrecht und Knatterexegese: Pacta sunt servanda

Worüber hätte Erzbischof Zollitsch mit seinen Memorandisten heute reden können? Vielleicht über die Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit des Ehebandes? Oder über die Möglichkeiten, Grenzen und Herausforderungen einer Pastoral an geschiedenen Wiederverheirateten? Über das Gewissen und den Gewissensirrtum, es sei dieser nun unüberwindlich oder überwindbar? 
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Von all dem scheint nicht viel die Rede gewesen zu sein. Man hat sich "dialogmäßig" mehr oder minder vertagt; und daß sich die Memorandisten "dialogmäßig" mehr oder minder widerspruchslos vertagen haben lassen, legt eine zumindest seitens des involvierten Diözesanklerus gefühlte Kumpanei mit dem Erzbischof nahe. Ferner bejammerte man gemeinschaftlich die - ach wie überraschende - Aufbereitung des Themas mit "Kampfbegriffen" in den Medien, wobei ich bei den Memorandisten dicke Krokodilstränen kullern sehe, stammten schließlich gerade aus diesem Lager die passenden Steilvorlagen zur Berichterstattung: Revolution und Rührseligkeit.
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Im Spannungsfeld zwischen Kirchenrecht und Knatterexegese (Jesus hat die Sünderin aus Joh 8, 1-11 natürlich nur deshalb nicht verurteilt, damit sie genau jenes Leben, darob die anderen sie gerade noch steinigen wollten, weiterführen und lustig ehebrechen kann) geht meines Ermessens eine anderer Aspekt eher unter: Das Eheversprechen. 
Besteht dieses denn nur aus einigen gefühlsduselnden Worthülsen, kaum von Bedeutung, die man, wenn's denn hart auf hart kommt, nicht allzu ernst nehmen muß - mehr großes Kino, mehr Hollywood als heilige Handlung und große Verpflichtung?
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Kann und darf so einfach ausgeblendet werden, daß sich ein Brautpaar einst in einem bedeutenden Augenblick vor Gott und der Kirche und vor Zeugen (was die Verbindlichkeit der Handlung unterstreicht) versprochen hat, einander "zu lieben und zu ehren" und sich gegenseitig "die Treue zu halten, bis der Tod" die beiden "scheidet"? 
Und ehe beide diese Frage gestellt bekommen, stand zuvor eine weitere ernste im Raum: "... hast du vor Gott dein Gewissen geprüft (!) und bist du frei (!) und ungezwungen (!) hierher gekommen, um mit dieser deiner Braut / deinem Bräutigam die Ehe einzugehen" fragt der Priester jeden der Brautleute. Nochmal: Ist das nur romantischer Mummenschanz? Für einige leider tatsächlich, aber das ist ein anderes Thema.
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Ich neige fast dazu, für Brautpaare ein einjähriges "Ehekatechumenat" zu fordern, in dem sie ihre Beziehungskiste erst einmal radikal bedenken sollten, ehe sie vor den Altar treten und sich ein Sakrament spenden. Das würde überdies auch jene abschrecken, die es nur auf eine alternative Show zum standesamtlichen Rechtsakt abgesehen haben. Gewiß, die Kirche sollte mit dem Angebot ihrer Gnadenmittel nicht sparen - sie sollte sie aber auch nicht billig verramschen, zumal, wenn es sich um ein Sakrament handelt. 
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Die Vorstellung von Kirche als einem religionssoziologischen Dienstleister mag für Salär-Theologen attraktiv sein, die ihren Glauben sowieso schon an den Nagel gehängt haben. Für wen die Kirche der mystischen Leib Christi ist, dem sollte solch eine Vorstellung, die an Simonie grenzt, eigentlich zuwider sein.
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Ein Letztes noch: Unter einem Gesichtspunkt könnte ich das Tun und Treiben wiederverheirateter Geschiedener verstehen. Warum soll ein Mann oder eine Frau nicht aus der Ehe sozusagen entlassen werden können, wenn jeder Priester mittels Laisierung und päpstlicher Dispens aus dem Amt springen und eine Frau freien kann, ungeachtet des character indelebilis der Weihe und eben auch ungeachtet seiner Zölibatsverpflichtung? Wenngleich ein Kleriker, der bei den entsprechenden Weihen für sich beschließen würde, den Zölibat nicht halten zu wollen, die Priesterweihe dennoch gültig empfängt und das Zölibatsversprechen daher einen anderen Verpflichtungsgrad als das Eheversprechen haben mag, so sollte doch, meiner Meinung nach, der alte Rechtsgrundsatz gelten: Pacta sunt servanda - eingegangene Verpflichtungen sind zu halten.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Die Zölibatsdebatte und meinereiner

Gerade eben lief auf 3sat eine Reportage zum Thema Zölibat, Priesterfrauen, Priesterkinder - erwartungsgemäß über weite Strecken ein Aufguß aus Betroffenheit, Rührseligkeit, Larmoyanz und Arroganz. Während der Sendung plante ich noch, hier einen ellenlangen Beitrag mit Argumenten und Einwänden und Widerlegungen zu schreiben angesichts der Schamlosigkeit der meisten, die sich in dieser Sendung zu Wort gemeldet hatten - egal, ob Priester oder Frau, Expriester, Exmönch, Bischof oder Geck.
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Bringt das was? Wahrscheinlich nicht. Ich wähle einen anderen Weg, und obgleich es nicht unbedingt meine Art ist, mein Innenleben hier nach außen zu kehren, scheint es mir sinnvoll, zumindest skizzenhaft auf folgende eigene Erfahrung hinzuweisen. Ich hoffe, es schmeckt jetzt nicht zu sehr nach Seelenstriptease ...
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Immer, wenn ich mich bemüht hatte und habe, aus dem Glauben zu leben und entsprechend ein geistliches Leben zu führen, kam ich mit meiner Sexualität am besten zurecht; obwohl das eine recht "zölibatäre" Angelegenheit war und ist, vermisse ich nichts und fühle mich im Reinen mit Gott und mit mir selbst, mit meinen Aufgaben, mit meinem Leben und auch mit meiner Umwelt. Nicht, daß Versuchungen hierdurch automatisch ausblieben, aber ich kann - Deo adjuvante - souveräner damit umgehen, solange ich der Gnade Raum zu geben versuche. Dabei bin ich mir bis heute noch nicht einmal im Klaren darüber, ob das überhaupt meine Berufung ist ... zölibatär leben?
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Je mehr hingegen geistliche Lauheit in mir Raum gegriffen hat und oder Raum greift, desto deutlicher steigen Begierden hoch, desto mehr spüre ich, wie ich nicht mehr Herr meiner Selbst bleibe, sondern wie der Trieb über mich herrschen möchte und herrscht. Ein Trieb, der mich  letztlich noch nie auch nur halbwegs auszufüllen vermochte, der vielmehr auf kurz oder lang irgendwann den nächsten Kick suchte: ohne viel Verantwortung, ortlos, ziellos, schal am Ende, unbefriedigend und ohne viel Bedacht auf die Folgen für andere wie für mich selbst. Im schlimmsten Fall gerät das Leben, ohne daß man es deutlich bemerkt, zunehmend aus den Fugen und aus der Spur. Und glaube niemand, ich wüßte nicht, wovon ich spräche. Ich weiß es zu gut, leider. 
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Meinethalben mögen mich jetzt aufgeklärte Zeitgenossen belehren, daß ich den sexuellen Trieb mit gesteigerter Religiosität kompensieren würde. Solche Deutungsmuster sind mir geläufig. Für meinen Fall kann ich sagen: Scheint mir nicht zutreffend. Und selbst wenn es zutreffend wäre, schiene es mir angesichts meiner Biographie die bessere Variante.
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Übrigens - ich halte Sex, bevor jetzt jemand noch diese Platte auflegt, keineswegs für etwas Schmutziges, Verderbtes oder Gott nicht Wohlgefälliges. Aber alles hat seinen Rahmen, um sich in Verantwortung vor Gott und dem Du - der Partnerin, dem Partner - gegenüber in Liebe und in Schönheit und in Fülle zu entfalten.

Montag, 18. Juni 2012

Nach dem "unauskündbaren" Veriss oder: Vorerst genug gehaeckert

Angesichts des gestrigen Herr-Rudolf-Alexander-Schröder-Bashing heute die Ehrenrettung für den Dichter und Übersetzer. Kurz das Szenario: Drei Ritter, gedungene Häscher, stellen St. Thomas von Canterbury nach. Die Priester nötigen den Erzbischof zur Vesper in die Kathedrale, wo sie ihn hinter verschlossenen Türen sicher glauben ...
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THOMAS
Entriegelt die Türen, werft offen die Türen!
Ich will nicht das Gebetshaus, Christi Kirche,
Das Heiligtum zur Festung machen.
Beschirmerin soll die Kirche sein, allein nach ihrer Sitte, nicht
Wie Holz und Stein. Stein und Holz verwittert,
Birst und splittert. Bleiben wird die Kirche für und für.
Offen soll die Kirche stehn, auch für unsre Feinde. Öffnet die Tür!
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PRIESTER
Euer Herrlichkeit! Dies sind nicht Menschen, sie kommen
---nicht wie Menschen kommen, sondern
Wie wütende Bestien. Sie kommen nicht wie Menschen, die
Das Heiligtum ehren, die knien vor dem Leibe des Herrn,
Sondern wie Bestien. Ihr würdet die Tür
Festmachen gegen Leun, Wolf, Eber, Pardeltier.
Warum nicht hier
Gegen Bestien mit der Seele verdammter Menschen, gegen Menschen
Die sich selber zur Bestie verdammen möchten. Euer Herrlichkeit!
Euer Herrlichkeit!
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THOMAS
Dünk ruchlos euch, verzweifelt und verrückt.
Ihr rechnet nach dem Ausgang, wie die Welt tut,
Dann sagt ihr: Es mißlang; es ist geglückt.
Tatsachen tun's euch an. Aus jedem Tun und Leiden kann
Man leicht ein gut und bös Ergebnis wachsen sehn.
Und wie die Zeit den Ausgang vieler Taten mengt,
Wird Gut und Bös zuletzt in einem Knäul verschränkt.
Nicht hier in dieser Zeit läßt sich mein Tod verstehn;
Nein, außer aller Zeit fiel mein Entschluß,
Nennt ihr Entschluß,
Worin mein ganzes Wesen völlig einstimmt.
Ich geb mein Leben
Für Gottes Recht, das über Menschen Recht ist.
Tut auf die Tür, tut auf die Tür!
Wir sind nicht hier durch Kampf und List, auch nicht durch
---Widerstand zu triumphieren,
Auch nicht, als Mensch mit Bestien zu kämpfen. Wir haben
---das Tier bekämpft
Und haben es besiegt. Nun bleibt nur noch der Sieg
Durch Leiden. 's ist die leichtere Victorie.
Jetzt triumphiert das Kreuz! Jetzt
Öffnet das Tor! Ich will's! Öffnet das Tor!
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Thomas Stearns Eliot: Mord im Dom (Murder in the Cathedral). Deutsch von Rudolf Alexander Schröder. Berlin 1946. S. 66f.

Sonntag, 17. Juni 2012

Dichterschelte - ein "unauskündbarer" Veriss

Widmen wir uns heute abend noch ein wenig der Kunstkritik. Die war weiland offenkundig rabiater als in heutigen Tagen; in unserem Fall zieht der katholische Existenzialist Theodor Haecker deftigst über den protestantischen Dichter Rudolf Alexander Schröder und dessen Aeneis-Übertragung her. Auch die Edition des Missale Romanum der Abtei Maria Laach (Editio Lacensis) bekommt am Ende ihr Fett weg:
... Aus fünf der gewöhnlichsten Wörter der römischen Umgangssprache läßt Vergil zu unverlierbarem Klang, zu unvergeßlicher Gestalt werden den Vers:
Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Doch wohl nicht dazu, daß Herr Rudolf Alexander Schröder ihn mit lächerlich verbogenen deutschen Wörtern und ohne den Honig des Wohllauts also wiedergebe:
Unauskündbaren Schmerz, o Königin, heißt du verneuen.
Es ist eines der typischsten Beispiele für das unintelligente Mißverständnis deutscher "Führer des Geistes", ein geheimnisvolles Merkmal aller echten Kunst, die Ungewöhnlichkeit nämlich, künstlich durch ungewöhnliche Wörter statt künstlerisch mit gewöhnlichen durch ein Mysterium erreichen zu können.
Renovare ist eines der gewöhnlichsten lateinischen Wörter, genau wie die wörtliche deutsche Übersetzung "erneuern" eines der gewöhnlichsten deutschen Wörter ist. Jeder Deutsche sagt auch heute noch erneuern, wenn er nicht gerade renovieren sagt, nur Herr Rudolf Alexander Schröder sagt, aber sicherlich auch nur, wenn er Vergil übersetzt: "verneuen", was freilich überhaupt kein Deutsch, sondern eine ungewöhnliche Verhunzung - kann man vielleicht umgekehrt "Erhunzung" sagen, ist das dichterischer? - der deutschen Sprache ist.
"Infandum", so sagt jedes römische Kind, jeder römische Barbier, jeder römische Kaiser, so auch Vergil, dessen Stern heller leuchtet , als der des Aenaden, des Cäsar. Der Sekundaner wird infandum mit unsagbar übersetzen, ohne zu ahnen, daß er ein Wort von ungewöhnlicher, ja von unsagbarer Schönheit und Tiefe sagt. Jeder Deutsche sagt ohne weiteres "unsagbar", wie er überhaupt in jedem Augenblick, ahnungslos, besinnungslos, Perlen seiner Sprache vor die Säue und sich selber wirft oder speit; und recht hat er! Nur Herr Rudolf Alexander Schröder will noch kostbarere Perlen haben, er stellt sie synthetisch her, er sagt: "unauskündbar", was ein ungewöhnliches Monstrum ist von einem deutschen Wort, das nur ein anthropomorpher Hippopotame gegenüber unsagbar sagbar finden kann.
Missale Romanum
Editio Lacensis (1931)
Aber impotente Geheimräte und virulente Pivatdozenten der klassischen Philologie und Georgik rutschen antirömisch auf den hochmütigen Knien vor der ungewöhnlichen Übersetzungskunst des Herrn Rudolf Alexander Schröder, der hinwiederum die Bremer Presse bibliophilen Ausdruck zu geben sich müht in einer Antiqua, die zur Antike sich verhält, wie die Häresie zum Dogma der Kirche, so es erlaubt ist, parvis componere magna.
Daß in einer ähnlichen Schrift derselben Provenienz, barbarischem Produkt durch Mißverstand und Abfall zersetzter Elemente antiken und christlichen Seins, das Missale Romanum gedruckt werden durfte, grenzt freilich an Blasphemie.
Theodor Haecker: Vergil. Vater des Abendlandes. Leipzig 1931. S. 37ff.
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... auch Büldungsbürger wie meinereiner haben ihre kleinen Reliquien: Glaube ich den Einträgen auf dem Vorblatt, gehörte das Bändchen einst dem Philosophen Max Müller und danach Hans Filbinger. Leider nicht in meinem Regal: Das für den liturgischen Gebrauch bestimmte Laacher Missale Romanum (Editio Lacensis) wurde seinerseits von den Benediktinern der Abtei Maria Laach gemeinsam mit der Bremer Presse besorgt. Die hierfür eigens geschaffene Liturgica-Type umfasst rund 4000 Zeichen; der komplizierte Satz wurde in mehrjähriger Arbeit von der Werkstatt der Bremer Presse ausgeführt. Übrigens: ein "anthropomorpher Hippopotame" ist ein "menschenähnliches Nilpferd".

Potentiell pedrohliche Kunst

Gottlob ist die ArtBasel nicht die documenta (13) und Carolyn Christov-Bakargiev aktuell in Kassel und nicht in Basel. Sonst könnte sie sich abermals bedroht fühlen - diesmal nicht von einer Skulptur auf einem Kirchturm, sondern von einem "aufgetürmten" Campingwagen ...
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Ach ja, die Qualitätszeitung Frankfurter Rundschau (war das nicht jenes Blatt, welches das Schweigen des Papstes zum Mißbrauch an der ach sowas von katholischen Odenwald-Schule bejammerte?) illustrierte einen Beitrag zur documenta (13) mit der Wiedergabe eines Balkenhol-Kopfes, mithin also mit der Abbildung eines Werkes jenes Kunstschaffenden, von dessen Kirchturminstallation sich Carolyn Christov-Bakargiev bedroht fühlt. Solch Bildfindung war aber keineswegs einer Provokation geschuldet, sondern (einmal mehr) qualitätsmedialer Schluderei.

Samstag, 16. Juni 2012

Auf dem Weg

Schützer derer, die auf Dich hoffen -
Gott,
ohne den nichts fest ist,
nichts heilig:
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Vervielfache über uns Deine Barmherzigkeit,
damit wir, 
von Dir geleitet, von Dir geführt,
so durch die Güter der Zeit 
hinüber schreiten, 
daß wir 
die ewigen nicht verlieren.
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Tagesgebet vom dritten Sonntag nach Pfingsten

Blogoleaks - Neue Enthüllungen

In der Blogozese sollen in Zukunft regelmäßig Memoranden vom Stapel gelassen werden. Dies konnte bereits vor einigen Tagen hier offengelegt werden.
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Wie allmählich durchsickert, hat sich die vom Blogozesanrat  zwecks Entwurf des ersten Memorandums Damit der Glaube nicht verdunstet: Katechismen einfrieren! gebildete Vorbereitungskommission bereits heillos zerstritten, da sich Progressive und Konservative über die Gewichtung der jeweiligen Motto-Halbsätze und damit über die Stoßrichtung des gesamten Textes nicht einig werden.
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Nach der provokanten Einlassung "Wer verarscht hier wen?" haben sich einige konservative Blogger aus der Vorbereitungskommission verabschiedet und zum Coetus internationalis blogorum zusammengethan. Diese Vereinigung arbeitet zwischenzeitlich an einem eigenen Memorandum unter dem Titel Küng und das Konzil der Kollaborateure: Ketzer canceln.
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Ob Partialmemoranden im Namen der gesamten Blogozese verabschiedet werden können, soll in einer kommenden Sitzung des Politbüros des ZdB beraten werden.

Freitag, 15. Juni 2012

Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu

Freiburg, Pfarrkirche St. Johann
Heiligstes Herz Jesu, ich bete dich an in der Unruhe der großen Stadt, die bis in deine stille Kirche dringt. Ich will mein Herz entlassen, damit es dich finde, Herz unseres Heilandes Jesus Christus. Wie eine kleine Muschel, ans Ohr gehalten, das Rauschen des großen weiten Meeres vermittelt, so bin ich getaucht in dein unendliches Leben, Heiligstes Herz Jesu, wenn ich nur einmal den Sinnen zu rasten gebiete ...
Überall, wo sich echtes Leben vollzieht, wird es von deiner Herzkraft gespeist, und da diese allein entscheidend ist, bin ich der Mitte der Welt gleich nahe in deiner großen Schöpfung wie in meiner kleinen Einsamkeit. 
Ich bete dich an, Heiligstes Herz Jesu, voll Dankbarkeit für den Trost, welcher aus diesem Gebete aufsteigt. Sie haben dich zerschlagen und mit der Lanze durchbohrt, obwohl in dir die Fülle der Gottheit wohnt. Und doch schlägt dein Herz immer unter uns und schenkt uns einen Hauch der Ewigkeit in dieser kleinen endlichen Zeit.
Heiligstes Herz Jesu, du bist die Fülle und Erfüllung unseres Lebens. In deiner Nähe wird Antwort auf die Rätsel unserer fragwürdigen Zeit. Deine Nähe kleidet uns mit Würde und schützt uns vor dem Gemeinen. Deine Nähe sichert die Klarheit unseres Blicks.Aus dem Abgrund deiner Liebe erklingt das Ja zu unserem verwirrten Leben, steigt das beständige Amen zu unseren widerspruchsreichen Tagen ...
Karl Färber (Hg.): Neues Brevier zum inneren Leben. Frankfurt 1963. S. 257f.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Bloggertreffen: Nachwehen

In Teilen der Blogezese gings die letzten Tage - Nachwehen des Bloggertreffens - recht lebhaft zu, so zumindest mein Eindruck. Und keineswegs konfliktfrei. Ob dies daran gelegen hat, daß katholische Blogger, die sich sonst nicht unbedingt zu Bloggertreffen verabreden würden, nun an einem Tisch saßen? Mag sein. Für mich war es das erste Treffen dieser Art überhaupt - bei anderen Verabredungen davor, soweit ich diese aus der Ferne beobachten konnte, hatte ich hingegen meistens den Eindruck, daß sich eher Gleichgesinnte zusammentun.
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In Freiburg war dies nun etwas anders. Da saß ein Alte-Messe-Molch wie meinereiner, der seinen Rüssel eher ins Breviarium Romanum steckt und lieber ab und zu Theologisches oder das Mitteilungsblatt der Petrusbruderschaft oder Communio liest, Bloggern gegenüber, die, was weiß ich, liturgischen Tanz mögen, womöglich ein publik forum-Abo haben oder die Nase in Christ in der Gegenwart oder Concilium halten. Für manche war die Kapelle des Karl-Rahner-Hauses fast schon das Vorzimmer zum Himmelreich, andere betrachteten diesen Raum mit wohlmeinender bis ausdauernder Skepsis, wieder andere hätten das Interieur wahrscheinlich besser sofort als gleich auf den Sperrmüll geschmissen. 
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Die einen wollten den geplanten Gemeinschaftsblog zum Jahr des Glaubens unabdingbar dem kirchliche Lehramt verpflichtet wissen, andere plädierten für Offenheit, Mut, Freiheit, Risiko und so weiter und so fort (dazu noch irgendwann etwas zu schreiben, werde ich mir wahrscheinlich doch nicht verkneifen können). 
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Alles in allem: Jeder brachte zu diesem Treffen seinen Glauben mit, seine Sprache, seine Ansichten, seine Horizonte und - ich denke, das hat sich über alle konträren Positionen hinweg auch deutlich gezeigt - seinen guten Willen.
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An Letzteres sollte man sich in diesem Fall halten. Gerade auch in und angesichts der diversen Nachbetrachtungen. Die kamen hier und da etwas ruppig daher ... geschenkt, solange wir uns alle bewußt sind, daß wir angesichts unserer je eigenen Mängel auch bei den Mängeln anderer ein Auge zudrücken sollten und - sollte der Verdruß etwas größer sein - vergeben könnten. Fällt manchmal schwer, klar, klappt bei mir mitunter auch nur mit viel Anlauf, kann aber auch eine gute geistliche Übung sein:
Gelegenheiten, mich darin zu üben, habe ich im Laufe eines Tages unzählige. Ich werde mich ihrer bedienen, meinen Geist zu Gott zu erheben ... (sel. Johannes XXIII, geistliche Notiz vom 6. April 1903)
Norbert Kebekus hätte sich gerne gewünscht, daß die Blogozese mehr eines Herzens und Sinnes werde. Gerade das Freiburger Treffen hat hier gewisse Grenzen aufgezeigt. Das zu diesem Zweck von Norbert beschworene Diktum Tertullians "Seht, wie sie einander lieben" muß ohnehin nicht heißen, daß alles Friede und Freude und Eierkuchen werde. Konfrontationen müssen nicht nur ausgehalten, sondern manchmal wirklich ausgefochten werde, gerade auch um des Glaubens und der Kirche willen. 
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Uns katholischen Bloggern steht hier eine große Bandbreite an Tönen und Zwischentönen zu Gebot. Und wie wir wissen, macht der Ton die Musik und entscheidet, ob eine Debatte in unseren und der anderen Ohren einfach nur garstig und mißgestimmt oder eben spannend und (viel-) stimmig klingt.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Bloggertreffen: Kapelle im Karl-Rahner-Haus

Irgendwie muß ich jetzt auch noch etwas zur Kapelle im Karl-Rahner-Haus loswerden ... auch auf die Gefahr hin, daß ich damit unter Verdacht geraten könnte, von einem einzigen Wochenende Bloggertreffen unter den Fittichen des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes Freiburg bereits weichgespült worden zu sein. Aber ich zähle ja ohnehin diesem jenen südwestdeutschen Erzbistum zu, dem nicht zuzählen zu müssen der ein oder andere Mitblogger dem Herrn auf Knien danken mag, wenn ich mich einiger Einlassungen der vergangenen Tage korrekt erinnere.
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Wenn wir gerade beim Knien sind - beklagt wurden die mangelnden Kniebänke. Klar, so ein Angebot würde ich auch schätzen. Aber wer wirklich knien möchte, kann dies auch auf dem nackten Boden. Als der Herr aus dem brennenden Dornbusch zu Mose sprach, er solle seine Schuhe ausziehen, denn das Land, auf dem er stehe, sei heilig (Ex 3, 5) , da lag zu des Mose Füßen weder ein Teppich, auf den er sich barfuß hätte stellen können, noch stand daneben eine Schuhablage. Betbänke sind bequem(er), aber - und ich betone nochmals, daß ich sie grundsätzlich schätze - auch bürgerlicher. 
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Vielleicht ist es kein Schaden, wenn ein Gottesdienstraum hin und wieder zu elementareren Vollzügen zwingt, als sich einfach in eine Bank zu lümmeln? Wenngleich, zugegeben, ziemlich gewiß nicht aus dieser Intention heraus bei der Gestaltung auf Bänke oder Betschemel verzichtet wurde.
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Hockerkreise sind ebenfalls nicht mein Ding, schaffen aber zumindest der Möglichkeit Raum, daß man das Mobiliar auch ganz anders anordnen und orientieren kann. Allerdings sind diese Sitzkreise- und parabeln einem "klassischen" Chorgestühl auch nicht ganz unverwandt. Der windschief hingesägte und dahergehobelte "Altar" - in der Oberfläche gespalten obendrein - freilich ist ein Unding samt und sonders, welches jedweder liturgischen Norm spottet; sowas dürfte nie und nimmer genehmigt, benediziert oder gar konsekriert und verwendet werden. 
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Was aber eindeutig für die Kapelle spricht, ist die Atmosphäre des Raums, die sich meiner Ansicht nach aus der Strenge der formalen Reduktion und im Spiel des Lichtes ergibt. Dieser Raum macht deutlich, daß er nicht dem Alltag, dem Draußen zugehört. Dieser Raum wendet, öffnet man sich ihm, in der Tat ab von dem, was "pro-fan" ist. In mir erweckte er jedenfalls einen sakraleren Eindruck als so manches devotionskitschige Sakroplagiat. In dieser Atmosphäre benötigt auch - hier in der stark stilisierten Form des mittelalterlichen Sakramentshauses - das Tabernakel keine weiteren Hinweispunkte. Denn die Kapelle selbst wird zum Tabernakel, in der sich die Gegenwart Gottes im Ort des Allerheiligsten verdichtet, im bewahrten Leib des Herrn.

Der hl. Antonius von Padua

hl. Antonius von Padua
Pfarrkirche St. Alban, Bad Krozingen
Gottes Schutz scheint uns leicht entbehrlich, solange wir ihn besitzen. Zu unserem eigenen Nutzen und Wohl entzieht ihn Gott zuweilen, damit wir erkennen, dass ohne Gottes Schutz der Mensch ein reines Nichts ist.
St. Antonius

Einwurf ... tanzende Mönche

Zu einem Song von Lady Gaga würde ich nicht tanzen, selbst wenn ich das könnte und nicht nur hilflos herumtappen müsste wie ein Tanzbär. Das gilt übrigens auch für Songs von Shakira. Die Piusbruderschaft ertappt nun gelegentlich Bettelbrüder verschiedener Provenienz beim Gaga- und Shakiratanzen und kommentiert deren Tun und Treiben in der ihr eigen artgerechten Weise: "Herr, wie lange willst du es noch ansehen?" (Ps 35, 17) - sowas macht Mönch nicht! Allerdings verwundert, daß die Bruderschaft ihrerseits sonst gerne mit Seminaristen in Soutane auf dem Bolzplatz kokettiert. Hätte sie den Psalter nur wenige Seiten vorher aufgeschlagen, sie hätte lesen können, das Gott "Klage in Tanzen" verwandeln kann (Ps 29, 13). Nun können manche Spieler zwar auch Fußball in Tanzen verwandeln, was aber erstens nicht biblisch untermauert ist und zweitens bei der Piusbruderschaft kaum vorkommen wird.

Montag, 11. Juni 2012

Bloggertreffen: lyrischer Nachklang

Am Samstagabend - für mich endete das Bloggertreffen bereits wieder, da ich am Sonntag in Basel zu tun hatte - war ich mit der Bloggerin von Frischer Wind und dem Kollegen von Pulchra ut Luna noch ein wenig in der Altstadt Freiburgs unterwegs. Ehe wir in einer Weinstube abtauchten, standen wir beim Münster mit seinem Turm ...
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Aus der verschlossenen Kirche klang die Orgel, derweil ich einige Sachen rund um die Geschichte dieses Gotteshauses erzählte, soweit mir dazu gerade etwas einfiel - wie etwa einige Verse aus einem Sonett von Reinhold Schneider, einem der bedeutenden katholischen Autoren Deutschlands seiner Zeit. Ich reiche das Gedicht hier in Gänze nach, wie ich es meinen beiden Mitbloggern versprochen hatte. 
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Von 1941 an durfte Reinhold Schneider im Dritten Reich nicht mehr publizieren; seine Texte wurden aber in anonymen Drucken unter der Hand weiter verbreitet. Das folgende Sonett dichtete Schneider 1943.
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Der Münsterturm
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Steh' unerschüttert herrlich im Gemüte,
Du großer Beter glaubensmächtiger Zeit!
Wie dich verklärt des Tages Herrlichkeit,
Wenn längst des Tages Herrlichkeit verglühte,
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So will ich bitten, daß ich treulich hüte
Das Heilige, das du ausstrahlst in den Streit
Und will ein Turm sein in der Dunkelheit,
Des Lichtes Träger, das der Welt erblühte.
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Und sollt' ich fallen in dem großen Sturm,
So sei's zum Opfer, daß noch Türme ragen
Und daß mein Volk der Wahrheit Fackel werde.
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Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm.
Doch wenn des Richters Blitze dich zerschlagen,
Steig in Gebeten kühner aus der Erde!
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Im Jahr darauf sanken am 27. November 1944 weite Teile der Altstadt durch Spreng- und Brandbomben in Trümmer. Das Münster überstand diesen Angriff; der Turm war nicht gefallen. Schneiders Sonett ist heute auf der unteren Galerie in Stein gemeißelt zu lesen und wird zu lesen sein, bis der Turm fällt. Er wird fallen, eines Tages spätestens ...
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... Doch wenn des Richters Blitze dich zerschlagen,
Steig in Gebeten kühner aus der Erde!