Sonntag, 30. Dezember 2012

Wir feiern das Konzil 4: Früher wars doch schöner

Nach dem Besuch des Breisacher Stephansmünsters wäre es - nicht zuletzt den Altvorderen, die es geschaffen, gegenüber - unfair, nur einen Kübel voller Spötteleien auf die Planken des aktuell dort befindlichen "Zelebrationsfloßes" zu schütten. Werfen wir einen Blick in den Chor ...
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Der Altar des Meisters H.L. im  Stephansmünsters zu Breisach
Über elfeinhalb Meter feinste Spätgotik, gemessen vom Sockel der Predella bis in die Spitze des Gesprenges! Flankiert von den Breisacher Stadtpatronen, dem hl. Brüderpaar Gervasius und Protasius, dem Münsterpatron Stephanus und dessen geistlichem Confrater Laurentius bildet eine Marienkrönung das Zentrum des Retabels aus Lindenholz. Die Predella zeigt die vier Evangelisten, im Gesprenge finden sich Darstellungen des Schmerzensmannes, der hl. Anna sowie - nebst Engeln - des hl. Vitalis und der hl. Valeria, ihres Zeichen die Eltern von Protasius und Gervasius. Ein in den Schrein integriertes Signaturtäfelchen gibt Auskunft über den Künstler: Ein gewisser H.L., der zumeist mit einem wenige Jahre zuvor in Freiburg erwähnten Meister Hans Loy identifiziert wird. Wobei sich die Spur so oder so verliert, den über Hans Loy weiß man ähnlich viel wie über H.L. - so gut wie nichts Verlässliches.
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H.L. nur wenig älteres Retabel in St. Michael,
Niederrotweil (größer? Bild anklicken ...)
Der Breisacher Altar entstand zwischen 1523 und 1526. Als gesichert gilt, daß H.L. bereits einige Jahre zuvor im nur wenige Kilometer entfernten Niederrotweil einen ähnlichen, wenngleich kleineren Altaraufsatz für die Kirche St. Michael geschaffen hatte - auch dort steht die Krönung Mariens im Zentrum des Retabels. Die Breisacher "Fortschreibung" fiel noch weitaus filigraner und in der Farbgebung zurückhaltender aus. 
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Nicht uninteressant ist, aber das nur am Rande, der historische Kontext: Während am Breisacher Altar noch gearbeitet wurde, erlebte Zürich bereits seinen "Bildersturm", der sich bald über Basel bis Straßburg gen Norden ausbreitete. Unseren Tagen hingegen blieb es vorbehalten, in Sichtweite dieses Altares ein paar ungetümelnde Balken zu verlegen. Jede Zeit hat ihre Not ... aber diesen Jammer, will sagen: das Thema hatten wir schließlich schon: Maria hilf!

Kommentare:

sophophilo hat gesagt…

Der Johannes in der Predella hats mir immer schon besonders angetan...
Vor ein paar Jahren hatte ich das Glück, dort einer diamantenen Hochzeit beizuwohnen... beide sind hellwach und rüstig vor den Altar geschritten. Als sie sich in dieser Kirche das erste Mal das jawort gaben, gab es das Floß noch nicht. ;)

Das ganze Teil liegt einfach nur "im Weg"...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Würde ich in dieser Kirche heiraten, würde ich auf den H.L.-Altar bestehen und das Floß großzügigst zu umschiffen trachten - schließlich will man ja den Bund der Ehe schließen und nicht Baden gehen.

Wolfram hat gesagt…

Die Überschrift hast du aber von einem Evangelen, nämlich Straube (zitiert nach Eßrich): "Heute machen wirs richtiger, aber früher war's doch schöner!"
Er sagte das zur sogenannten historischen Aufführungspraxis und auch zur Orgelbewegung.

sacerdos viennensis hat gesagt…

Wunderbare Altäre - auch der spätgotische - man kann sich daran kaum satt sehen.