Montag, 24. Dezember 2012

Warum Gott ausgerechnet damals Mensch geworden ist

Im Jahre 5199 seit Erschaffung der Welt, im Jahre 2759 seit der Sintflut, im Jahre 2015 seit der Geburt Abrahams, im Jahre 1510 seit dem dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, im Jahre 1032, seitdem David zum König gesalbt worden, in der 65. Jahreswoche nach der Weissagung Daniels, in der 194. Olympiade, im Jahre 752 nach Erbauung der Stadt Rom, im 42. Jahre der Regierung des Oktavianus Augustus, da die ganze Welt Frieden hatte, im sechsten Zeitalter der Welt:
Da wollte Jesus Christus, ewiger Gott und Sohn des ewigen Vaters, die Welt durch seine gnadenvolle Ankunft heiligen. Er war vom Heiligen Geist empfangen worden; und nun, nach Ablauf von neun Monaten, ist er zu Bethlehem im Stamme Juda als Mensch geboren worden aus Maria, der Jungfrau:
Die Geburt unseres Herrn Jesus Christus im Fleische.
Mit diesen Worten kündet das Martyrologium in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus an, daß wir nun erneut die Geburt Christi in den heiligen Mysterien feiern. Sie werden zur Prim verkündet; ab dem zweiten Absatz erheben sich alle und fallen auf die Knie, wie während der Heiligen Messe beim Et incarnatus est im Glaubensbekenntnis.
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Es bleibe "das ewige Ärgernis des Christentums, Christi selbst und seiner Kirche", hat Karl Rahner SJ einmal geschrieben, daß sie "geschichtlich" seien. Das kann in der Tat zuweilen umtreiben. Vor einigen Monaten hat mich eine Dokumentation mit Fragen zurückgelassen; sie handelte von frühen Entwicklungsphasen der Menschen. Man muß sich das, glaubt man der Wissenschaft, sehr ernüchternd vorstellen: Grunzlaute, eine eingeschränkte soziale Interaktion, ein Leben, möchte man meinen, das ziemlich vor die Hunde geht, weil es kaum besser als ein Hundeleben ist. Dies mag Teil unserer Entwicklung, Teil der Evolution gewesen sein, keine Frage. 
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Es fragt sich aber, ob nicht auch diese Entwicklung ein Ziel hat und einen Ursprung, wie ja sonst, streng genommen, jede Entwicklung nur Ent-Wicklung sein kann, wenn sie von einem Punkt ausgeht und sich zu einem anderen Punkt hin entfaltet. Halten wir fest: "Entwicklung" ist stets ein "Dazwischen", umschränkt von zwei Polen, die sich einer naturwissenschaftlicher Betrachtung auch entziehen können - sofern man sich nicht mit den doch unbefriedigenden Mutmaßungen der Wissenschaft bezüglich dieser beiden Pole bereits zufrieden gibt. 
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Wer nur die Natur betrachtet, der schaut jedenfalls, wie wir bekennen, auf einen verwundeten Kosmos (und gerade solche "Dokumentationen", wie etwa die oben erwähnte, scheinen diese Einschätzung geradezu zu bestätigen) ... wer also die Natur betrachtet, der liest eine verderbte Handschrift, liest in einem beschädigten Kodex - und dies ist, wie sich immer wieder zeigt, nicht die beste Voraussetzung, um einer zumindest nicht ausschließbaren Übernatur gerecht werden zu können (denn wenn etwas nicht meßbar ist, muß das noch lange nicht heißen, daß es nicht existiere - es kommt auch auf die Meßinstrumente an).
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In diese Geschichtlichkeit des Menschen tritt nun "ausgerechnet", wie Rahner fortfährt, der sich auf den Beginn des öffentlichen Wirkens des Herrn bezieht, Gott ein ...
... im 15. Jahr des Kaisers Tiberius, ausgerechnet in Judäa und Galiläa, ausgerechnet unter jenen Duodezfürsten von damals und unter einem Pilatus und unter Annas und Kaiphas! Warum fängt das Heil aller Menschen nicht am Anfang aller an! Warum nicht überall und immer? Ist es nicht von überallher und zu allen Zeiten gleich weit zu dem Gott der Ewigkeit, dem alle Welt gehört?
Warum jahrhunderte, jahrtausende schmerzlicher Entwicklungsstufen des Menschen, um zu sich selbst zu kommen? Warum hat Gott so lange gewartet? Warum hat er gerade diesen Weg der Erlösung beschritten? Warum hat er nach der Ursünde nicht einfach das Füllhorn seiner Gnade über alles ausgeschüttet, er hätte es ja tun können, oder, so Rahner: "Er kann alle Wege gehen". Jedoch und aber: Seiner Kreatur hat er ...
... bestimmte Wege des Heils vorgezeichnet. Es ist nicht wahr, daß alle unsere Wege zu Gott führen ...
... und man möchte ergänzen: Es ist allerdings sehr wahr, daß so manche unserer Wege von Gott wegführen, wie das der Sündenfall äußerst nachhaltig aufgezeigt hat. Und weil bestimmte Wege von Gott wegführen und sich der Mensch recht rasch verläuft, so scheinen eben auch die Wege, die zu ihm führen, "bestimmt" werden zu müssen. Zudem:
Er hat uns bestimmte vorgezeichnet, damit wir erkennen und anerkennen, daß das Heil seine Gnade, seine freie, ungeschuldete Gnade und nicht unser Recht ist, das er uns schuldig wäre. 
Es bleibt aber nicht bei dieser eher juridischen Einschätzung. Wichtiger ist die heilsgeschichtliche Lehre, die wir ziehen sollten:
Er hat uns bestimmte Wege des Heils vorgezeichnet, weil er selbst sie - o Gnade ohne Maß! - gehen wollte, weil er selbst ein Mensch werden wollte, gefangen wie wir in Raum und Zeit und Geschichte, denen sich kein Geist des Menschen wahrhaft in dieser Welt entwinden kann: selber geboren unter Kaiser Augustus, ausgerechnet in Nazaret, aus dem nichts Gutes kommt, gelitten unter Pontius Pilatus, eingekerkert im Hier-jetzt, in das Nicht-dann und Nicht-dort eines wahrhaften Menschen! (...) Wir brauchen Gott nicht zu suchen in seinem Reich der Unendlichkeit, in der wir uns doch wie in einer weglosen Leere hoffnungslos verirren würden.
Vorher wurde einmal kurz angedeutet, daß die richtigen Meßinstrumente nötig seien, um bestimmte Sachverhalte überhaupt wahrnehmen zu können. Dies gilt nicht allein im Buch der Natur. 
Zeigt Gott sich uns in seiner Menschwerdung nicht so, wie wir ihn - Gott! - am besten "begreifen" können? Und dies im wahren wie im übertragenen Sinn dieses Wortes? Die Menschlichkeit des Kyrios, die Geschichtlichkeit seines Leben, seiner Botschaft und seiner Kirche, dies alles sollte unseren Glauben nicht irritieren, sondern vielmehr ermutigen:
Wahrhaftig, das Christentum ist so menschlich, so geschichtlich, daß es zu menschlich ist für viele Menschen, die meinen, die wahre Religion müsse unmenschlich, d. h. unsinnlich, ungeschichtlich sein. Das Wort aber ist Fleisch geworden. (...) Gnade und Wahrheit ... für die, die demütigen Herzens Mensch sein wollen in Raum und Zeit auch dann, wenn sie den Gott der Ewigkeit und Unendlichkeit anbeten.
Die Zitate sind einem Text Karl Rahners für die Zeitung Der Volksbote entnommen, der am 1. 12.1949 erschien. Hier entnommen aus: Karl Rahner: Das große Kirchenjahr. Geistliche Texte. Herausgegeben von Albert Raffelt. Freiburg 1987. S. 45 ff.

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