Donnerstag, 27. Dezember 2012

Noch 'ne Orgel

Für Wolfram ... Die Mühleisen-Orgel der evangelischen Melanchthon-Kirche (weiland St. Gallus)  in Freiburg-Haslach - halbwegs solide 1960er-Jahre-Kost im typischen Design der Zeit und so garnicht mein Fall. Rückpositive sind meines Erachtens in kleinen Kirchen mit nierigen Emporen eine typisch ideologische Entscheidung und sollten dann wenigsten über ein tragend intoniertes Gedacktregister in 8'-Lage verfügen. Und wenn man schon eine Cromorne/Trompete 8' ins Hauptwerk setzt, warum kann sowas dann nicht auch in Baß und Diskant getrennt registriert werden?
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Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Akustisch bringt das RP vielleicht nichts, aber wohin sonst mit dem 2. Werk? Hinters Hauptwerk? Daneben? Links vom Spieltisch, das dürfte ja schon zur Hälfte Pedalwerk sein...

Ein 2. Manual ohne tragfähigen 8', das ist typisch Sechziger. Typisch auch für kleine Orgeln.

Die Cromorne-Trompete heißt wahrscheinlich nur so, weil in der Baßlage mangels Raum (gibts einen 8'-Prinzipal, und falls ja, ist die große Oktave wirklich offen ausgeführt? Ich vermute: nein, womöglich als TM aus dem Gedackt oder gar Subbaß geholt) nur halb so lange Resonanzbecher drauf sind. Wenn das ordentlich intoniert ist, merkt mans gar nicht soooo sehr, das wird ausgeglichen durch die ohnehin in der Diskantlage dünner werdende Trompete.
(Aber ich könnt mir ja auch vorstellen, eine Trompete in der Diskantlage als Tr.harmonique mit doppelter Becherlänge zu bauen, damit da mehr Ton drin ist. Macht nur keiner.)

Ein ordentliches Cornet 5f oder wenigstens 4f fehlt wahrscheinlich auch, oder?
btw, ich hab mir einen Wolf gesucht zwischen Mühleisen in Deutschland und Mühleisen/Walther in Straßburg, letztere haben die Melanchthon-Orgel gebaut, aber erst 1974...
in Dijon, temple, 1993, haben sie ganz ordentlich gearbeitet, aber so ein paar Feinheiten wären noch zu regeln gewesen, und die Gemeinde hat verpennt, das in der Gewährleistungsfrist machen zu lassen. Trotzdem ist das ein ansprechendes Werk.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

;-) Sieh da, da habe ich den 60ern zu Unrecht eine Orgel untergeschoben ... sorry! Macht den Kasten aber nicht besser.

Zur Ehrenrettung muß man sagen: Die Cromorne-Trompete ist in der Tat sehr gut durchintoniert. Man merkt keinen Bruch, aber so eine Registerteilung wäre natürlich reizvoll.

Im RP kann man sich, wenn ich mich recht erinnere, ein Cornett zusammenbauen mit Gedackt 8', Flöte 4', Nasard', Prinzipal 2' und der Terz. Es gibt dann noch eine Zymbel (?), dann wäre die Dispo des RP aber auch schon komplett, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht.

Das Hauptwerk steht auf Prinzipal 8'-Basis, wobei die tiefe Oktav tatsächlich gedeckt sein dürfte. Kann auch sein, daß sie der 8'-Flöte entnommen ist, so genau weiß ich das nicht mehr.

Platzmäßig hätte man, denke ich, durchaus auch eine Orgel mit Schwellwerk bauen können, die Kirche wurde um 1900 rum erweitert, der Emporenraum ist verhältnismäßig geräumig. Das Gehäuse ein wenig breiter (der Kirchenchor daneben hätte halt dann etwas zusammenrücken müssen) und die volle Tiefe genutzt (der Posaunenchor hätte sich halt eine andere Ecke zum Instrumentelagern suchen müssen), dann hätte man gewiß ein kleines Schwellwerk unterbringen können.



Pro Spe Salutis hat gesagt…

Insgesamt ist mir die - wenngleich in einem eher traurigen Zustand befindliche - Orgel der katholischen Kirche (meine Pfarrkirche) lieber. Die alte Dame ist aber relativ resistent, andere Orgeln wären bei ähnlicher "Pflege" (mehr als das Allernötigste wird da wohl nicht ausgeführt) schon längst unspielbar.
http://welte-orgel.de/st-michael-freiburg/

Wolfram hat gesagt…

Die Siebziger sind oft auch nur späte Sechziger, ich hatte in Schalksmühle ein Schuke(Potsdam)-Katalogwerk mit elf Registern: Sb 16' Prb8' Chb4' im Pedal, Rf8' Pr4' Mx im I und Gd8' Fl4'Pr2' Q1'1/3 und T1'3/5 im II. War gut abgestimmt, aber nicht sehr grundtönig. Bj. 1973. 1977 haben die in der alten Dorfkirche ebenda schon was Substantielleres hingestellt, aber leider auch die romantische Orgel aus der Erbauungszeit der Dorfkirche komplett verheizt.

Schwellwerk, nun ja. Da muß auch was zum Schwellen drin sein, nicht nur so'n zerlegtes Cornet. Wie überhaupt (in klassischen Dispositionen) das Cornet zur Trompete gehört, als Solo hat z.B. Andreas Silbermann schon mal ein zweites auf eigenem Clavier eingebaut - aber bestimmt nicht das aus dem HW dafür weggelassen. Und klassisch bzw. neoklassisch braucht man eben kein G'schwelltes. ;) Zum evangelischen Gemeindegesang auch nicht, meinem Organisten muß ich das expressive Begleiten auch noch mal vorsichtig ausreden.

Die Welte-Orgel ist auf dem Papier schon schön. Ist die Spieltraktur eigentlich auch elektrisch? Die Disposition noch schön romantisch angehaucht, natürlich ohne Cornet im Hauptwerk, das wäre ja zu schreiend gewesen. Dabei war zu der Zeit die Orgelbewegung schon im Gang, war die nicht auch im Freiburger Raum mit-beheimatet?

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hier gibt es so einige Orgeln, die davon inspiriert wurden, zum Beispiel:

http://www.katholische-kirche-freiburg.de/Gesellschaft--Kultur/Kirchenmusik/Orgeln-in-Freiburg/Maria-Hilf/

oder auch:

http://www.katholische-kirche-freiburg.de/Gesellschaft--Kultur/Kirchenmusik/Orgeln-in-Freiburg/St.-Urban/

Nicht zu vergessen die von Walcker gebaute "Prätorius-Orgel" in der Uni-Aula (nach dem Krieg nochmals neu gebaut), nicht zuletzt mitbeeiflußt durch einen Musikwissenschaftler, dessen Name mit gerade partout nicht einfällt, der aber kein Unbekannter in der Orgelbewegung gewesen sein dürfte.

Die Welte-Orgel von St. Michael ist ein Fall für sich: Wer genau hinschaut, entdeckt drinnen auch Pfeifenmaterial, das wohl aus einem Vorgängerinstrument stammt, womöglich noch aus der weit kleineren Vorgängerkirche (das würde auch den allzu zarten Klang der Dolce 8' im HW erklären, die egal wie fast immer unter die Räder kommt). Die Kirche (1909) ist in den 50er-Jahren nochmals nach hinten erweitert (genauer: fertig gebaut) und die Orgel versetzt worden (OBM Willi Dold). Der Prospekt sieht mehr nach Dold aus als nach den expressiven Welte-Freipeifenprospekten, andererseits könnte aus Platzgründen schon originär diese Form gewählt worden sein. Das Klangmaterial scheint jedenfalls so ziemlich von Welte (ggf. eben mit älteren Registern, die Orgel der Vorgängerkirche wird wahrscheinlich anfänglich übernommen worden sein).

Wolfram hat gesagt…

Beim Lesen hab ich den Eindruck, in Maria-Hilf wußten sie nicht recht, was sie wollten, und haben ein kleines RP beigefügt, das eigentlich ein BW sein wollte... und St. Urban ist irgendwie hybrid: die romantische Fülle ist noch vorhanden, aber dafür sind die kleinen Aliquoten der Orbelgewegten mit dabei.
Übrigens ist da im Pedal, wie in Saint Dié, an der Zahl der Pfeifen gespart worden, die Zungen von 16' bis 2' sind aus nur einer Pfeifenreihe. Ist ja im Pedal auch nicht so schlimm, wer spielt da schon mehrstimmig...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

St. Urban ist ja auch erweitert worden. Die "romantische Fülle" kommt wahrscheinlich aus dem Instrument von 1924 (Portunalflöte, Aeoline etc.), der orgelbewegte Teil wurde dann 1936 aufgestockt.

In Maria Hilf würde man vielleicht die Disposition des "Seitenwerks" eher im Rückpositiv vermuten wollen und umgekehrt.