Montag, 24. Dezember 2012

Können wir das fassen?

Ein Krippenplatz, mehr noch nicht ...
Basel, Pfarrkirche St. Antonius
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Da nobis, quæsumus, Domine:
unigeniti Filii tui
recensita nativitate respirare;
cuius cælesti mysterio 
pascimur et potamur.
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Laß uns, wir bitten dich, Herr,
durch deines eingeborenen Sohnes
wieder zu zählende Geburt aufatmen,
in dessen himmlischem Mysterium
wir geweidet und getränkt werden.
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(Missale Romanum, Vigilmesse zu Weihnachten, 
Oratio nach der Communio)
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Eine wunderbare Oration, die uns zum Weihnachtsfest hinführt. Ich denke, die Worte sind glücklich gefügt und mit großer Absicht gewählt. 
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Im, wie mir zumindest scheint, nicht übermäßig üblichen Partizip recensita steckt der Census drin, die Zählung, die uns an das Gebot des Kaisers Augustus erinnert, daß "alle Welt geschätzet würde" (Lk 2, 1). Durch die "wieder zu zählende" Geburt des Eingeborenen können wir "aufatmen" (respirare). Warum? Weil Gott durch seine Menschwerdung in den Gliedern der menschlichen Natur den Geist erneuert (vgl. spiritum rectum innova in visceribus - Ps 50, 12) und der Mensch durch den menschgewordenen Logos mit Gottes Schöpfungsatem neu begnadet und gegründet wird ... erinnern wir uns: "Da bildete Gott der Herr den Menschen, Staub von der Erde, und blies den Odem des Lebens (spiraculum vitæ) in sein Antlitz (inspiravit in faciem), und so wurde der Mensch eine lebendige Seele" (Gen 2, 7). 
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Geweidet werden wir fortan und getränkt - im Bild sehen wir die Herden auf Bethlehems Feldern und erkennen im Symbol uns selbst - vom neuen Hirten: Christus. Bischof Clemens Pickel aus Saratow schreibt in seinem Blog, er habe ein Wort des hl. Petrus Chrysogolus ins Zentrum seines weihnachtlichen Hirtenbriefes gestellt: 
... ein Wort des heiligen Petrus Chrysogolus, der das Gleichnis vom verlorenen, verwundeten Schaf auf Adam und (den guten Hirten) Christus bezieht. "Christus", so schrieb er, "fand Adam im Schoss Mariens", er "zog ihn an, ... heftete ihn in seinem Leib ans Kreuz, ... und nahm hin mit in den Himmel, zu den anderen neunundneunzig", womit dann die Engel gemeint sind. Ich hoffe, dass uns die theologisch mystische Betrachtung des Chrysogolus hilft, mit dem Herzen mehr im Himmel zu leben, als auf der Erde. Keine Weltflucht ist damit gemeint, sondern eine Lebenseinstellung (Quelle: hier). 
Zu dieser Lebenseinstellung hilft uns das himmlische Mysterium, in welchem wir von diesem Hirten "geweidet und getränkt" werden. Es ist wahrhaft Kultmysterium, denn wenn wir genau hinhören, so ist nicht von einer "wieder zu zählenden" Feier der Geburt die Rede, sondern es heißt: die "wieder zu zählende" Geburt. Wir feiern also nicht nur "Geburtstag", sondern holen das Ereignis im vergegenwärtigenden Mysterium in unsere Zeit ein! 
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Wie das Kreuzesopfer in jeder Heiligen Messe vergegenwärtigt wird, so auch das Festgeheimnis dieser Zeit in der Liturgie. Das himmlische Mysterium, welches wir feiern, wird uns in den kommenden Tagen wirklich, wahrhaft und wesenhaft zum Kind in der Krippe führen, zum Logos und Kyrios in unserer Gestalt. Können wir das fassen?

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