Samstag, 22. Dezember 2012

König der Geschlechter

O Rex gentium
et desideratus earum, 
lapisque angularis, 
qui facis utraque unum: 
Veni
et salva hominem, 
quem de limo formasti.
.
O König der Geschlechter,
von diesen ersehnt,
und Eckstein,
der du Geschiedenes verbindest:
Komm
und mache heil den Menschen,
den aus Lehm du gebildet.
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(Antiphon zum Magnificat in der Vesper am 22. Dezember)
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Die gängigen Übersetzungen dieser O-Antiphon führen uns meines Ermessens ein wenig auf eine falsche Fährte. Wir hören "O König der Völker" - und ja, das ist Christus. Auch. Hier aber geht es nicht um jenes Herrschertum, das, wenngleich es nicht von dieser Welt ist, so doch in diese Welt hineinwirkt und geschichtlich hineinwirken muß. Der Akzent ist an anderer Stelle gesetzt. Denn die lateinische gens, die uns in der Anrufung Rex gentium begegnet, kann gewiß "das Volk" bedeuten; vom Ursprung her beschreibt der Begriff aber eine untergeordnete Kategorie: die gens ist vor allem das Geschlecht, die Sippe, die Verwandschaft.
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Die Art dieses Geschlechtes wird am Ende der Antiphon deutlich: Der Mensch, aus Lehm gebildet. Der Ruf O Rex gentium ist eine tiefe Bitte um die Mensch-Werdung Gottes, um das Hinabsteigen des Logos:
Denn, während tiefes Schweigen alles ringsumher umfing, die Nacht inmitten ihres schnellen Laufes war, sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel her, vom Königsthron (Weish 18, 14 f.).
Wo nun hinein? In die Verwandschaft mit dem Menschen, hinein in Leib und Fleisch, in den Menschen, "aus Lehm gebildet": Wir fangen also im wahrsten Sinn des Wortes bei Adam und Eva an. Und wir sehen im Bild die Stammeltern, wir sehen die Gerechten des Alten Bundes und die hochherzigen Seelen der alten und aller Geschlechter und Völker, wir sehen die Gequälten und Verstoßenen vom Anbeginn unserer Weltzeit bis auf den heutigen Tag, wir sehen uns selbst in diesem letzten, zeitweise vielleicht billig übertünchten und doch immer nagenden Sehnen, heil zu werden im Kern, in der Mitte und in der Tiefe unseres Menschseins, das von der Sünde verwundet ist: Veni! Komm! Mache uns heil!
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Fast möchte man sagen: Diese Antiphon ist eine Epiklese - eine Herabrufung des erhabenen Logos in die menschliche Natur, um eben dies zu tun: Sie heil zu machen, indem sie geheiligt wird durch die Einung mit Gott - oder genauer: indem Gott sich diese Natur zueignet. Und Gott hat dieses Flehen erhört und einen neuen Anfang gesetzt, einen Anfang, nicht allein in Lehm und Erde, sondern in der tiefsten Vereinigung von Gott und Mensch - der Logos ist Fleisch geworden (Joh 1, 14):
Deus, qui humanæ substantiæ diginitatem mirabiliter condidisti, et mirabilius reformasti ...
Gott habe, so betet die Kirche bei der Bereitung des eucharistischen Kelches, den "Menschen in seiner Würde staunenswert gegründet und noch staunenswerter erneut gebildet" (re-formasti!). So ist nun Verschiedenes verbunden, seit im Kommen, im Sprung des allmächtigen Wortes "vom Himmel her, vom Königsthron" in unser Fleisch Christus jener Eckstein geworden ist, der Gott und Mensch vereint. Nun ist es an uns, ob auch wir in diese Verbindung eintreten, uns Gott zueignen - damit er uns wandle und heile.
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O König der Geschlechter,
von diesen ersehnt,
und Eckstein,
der du Geschiedenes verbindest:
Komm 
und mache heil den Menschen,
den aus Lehm du gebildet.

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