Mittwoch, 12. Dezember 2012

"Komm!"

Pfarrkirche St. Gallus
Merzhausen bei Freiburg
Wie kann aber das Mysterium uns etwas geben, was noch nicht geschichtlich vollendet ist? Dies eben ist die wunderbare Kraft des Mysteriums! Das Mysterium ist die volle göttliche Wirklichkeit, uns noch unter Symbolen verborgen, aber die ganze Gnade Gottes enthaltend. Wie das Angeld des Pneumas, von dem Paulus mehrmals spricht, uns die Sicherheit der zukünftigen Glorie gibt, so schenkt das Mysterium uns die Zuversicht des vollen Heiles.
Aber auch der Advent im engeren Sinn ist schon Mysterium. Denn wir können uns nicht wieder in die Zeit vor der Erlösung zurückversetzen; und so sind auch die Sehnsuchtsrufe des Advent nicht gemeint. Wir sind erlöst, wir sind Glieder Christi und der Kirche. Wir feiern alltäglich seine Erlösungstat auf dem Altare. Wenn wir im Advent nach Christus ausschauen, ihn herbeisehnen, so geschieht das auf Grund der schon geschehenen ersten Ankunft. Wir rufen voll Vertrauen "Komm!", weil er schon gekommen ist. Wir wünschen, daß seine Ankunft sich zu voller Epiphanie entfalte; daß sie an uns sich voll verwirkliche, daß die Kirche sich in ihren Gliedern vollende bis zum "Tage Christi". Wir singen in der Weihnachtsnacht: "Er ist da" (Ps 95, 13, Offertorium), obwohl seine glorreiche Ankunft sich noch nicht in geschichtlicher Wirklichkeit erfüllt hat, weil die erste Ankunft die zweite unbedingt verbürgt. Durch diesen Doppelgedanken, daß er kommen möge und daß er gekommen ist, wird der Advent zur Lebensform des Christen.
Odo Casel OSB: Der Advent als Lebensform des Christen in: Mysterium des Kommenden. Paderborn o.J. [1952]. S. 31 f. - hier der vorgängige Teil dieses Textes.

1 Kommentar:

Meckiheidi hat gesagt…

Wie schön das ist! Danke!