Sonntag, 16. Dezember 2012

Kastriert die Orgel! Oder: Des Organisten Weh. Oder: Der Orgel Geschrey?

St. Antonius, Basel - Orgel der
Willisau Orgelbau AG (1931)
Was könnte man mit einer schönen großen Orgel, so wie der da, in einer schönen großen Kirche, wie dieser hier, nicht alles anstellen - wenn man etwa in drei von vier Werken (Hauptwerk, Schwellwerk, Pedal) jeweils auf umfassende Zungen-Batterien (16, 8 und 4 Fuß) zugreifen kann, von denen einige Fußtonlagen zudem mehrfach besetzt sind? Da ist Zurückhaltung ein wichtiges Gebot bei der Begleitung, zumal, wenn die Größe der Kirche nicht mit den Scharen der Gläubigen einhergeht.
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Also gebe ich mir jede Menge Mühe, einerseits raumfüllend und führend und vital und abwechslungsreich die Register zum Gesang zu wählen und andererseits - bis auf wenige Momente der Übersteigerung - nicht zu laut aufzufahren; ich will ja die Besetzung da irgendwo unten nicht dauerhaft bombardieren und trompetieren (das Pedal etwa ist mit einer Bombarde 16', einer Dulciana 16', einer Trompete 8' und einem Clairon 4' bestückt).
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Vorhanden sind freilich nicht allein diese Zungen, sondern auch diese hellen Register ab der 2-Fuß-Lage aufwärts in ansehnlicher Zahl, allen voran die Mixturen (inklusive der organologischen Anwandlung der im 150. Psalm erwähnten Zymbeln) und der ganze sonstige Klangkronen-Glitterkram. Auch hier ist - je nach Besatzung - der Einsatz nur punktuell und überlegt und manchmal überhaupt nicht sinnvoll. 
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Wie bereits erwähnt - ich gebe mir ziemlich Mühe, möglichst viel aus dem Instrument rauszuholen, ohne die Menschen durch dezibelöse Klangmassen aus der Kirche rauszumobben. Da die Rückmeldungen überwiegend positiv sind, glaube ich auch, die richtigen Töne in der angemessenen Lautstärke zu treffen. Kommen wir jetzt aber zu den nicht überwiegend nicht positiven Rückmeldungen.
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Bitte ... bitte, bitte ... man verschone mich mit dem Argument, für Menschen mit Hörgeräten seien helle laute Töne oder schnarrende Zungen ein Problem. Meines Ermessens ist in solchen Fällen eher das Hörgerät das Problem. Und selbst, wenn ich mich hier irrte - man kann in diesem Fall das schwächste Glied nicht zum Maß des Allgemeinen erheben, denn sonst sollte man nur noch Orgeln - ohne Glanz - zum Wummern bauen und die vorhandenen Instrumente entsprechend kastrieren. Das kann es ja nicht sein!
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Ebenso könnte man - ähnliche Logik, will ich meinen - in einer Betriebskantine alle Pilzgerichte streichen, weil dem Herrn Müller bereits vom Geruch schlecht wird, oder die Heilige Messe im Dunkeln feiern, weil die Frau Maier unter einer Lichtallergie leidet ...

Kommentare:

Gabriele hat gesagt…

Oje, die Orgelmusik, das triffft mich heute ins Herz...:)! Mein lieber Vater schaut jetzt hoffentlich etwas gelassener darauf als er das zu Lebzeiten tat - ein nimmer endendes Ärgernis mehrerer Jahrzehnte. Eigentlich war er der Meinung, dass bei der mangelnden Qualiät vieler Organisten und der Überdimensionierung vieler Instrumente ein Harmonium dem Gemeindegesang (was ja eigentlich das Wichtigere ist im Gottesdienst als die Orgelei) wesentlich zuträglicher wäre. Und langsam fange ich an, ihn zu verstehen. Wir haben hier in H. ein sehr schönes neues Instrument und einen durchaus begabten Organisten, seines Zeichens Bezirkskantor. Leider ist es nicht selten, dass die Gemeinde kaum noch zu hören ist, wenn die Begeisterung mit ihm durchgeht. Was sich aber heute ereignet hat, war ein echtes Ärgernis, wenn nicht mehr und wird sogar mich ganz gegen meine sonstige Zurückhaltung in solchen Dingen aus der Reserve locken und veranlassen, ihm zu schreiben - und -falls nicht er, sondern der Zelebrant der Verantwortliche sein sollte, dann eben dem. Er hat sowohl die Präfation als auch das Hochgebet auf der Orgel begleitet. Ich hab fast angefangen zu hyperventilieren vor lauter Ärger. Wie soll man denn da noch den Worten des Priesters folgen können?! Ist ja auch ohne Orgel schon schwer genug. Nebenbei: es war das erste Hochgebet, die Qual hat also schon was länger gedauert. Und über Musikgeschmack (freie Interpretation über das Erste Hochgebet) lässt sich ja zudem streiten. Also nix für ungut, ich weiss Du würdest sowas nie machen, aber das Thema passte grade.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Begleitetes Hochgebet? *grusel*

Es gab zwar früher - bis ins 19. Jahrhundert hinein - den Brauch, die (damals ja stille) Konsekration mit Orgelmusik zu untermalen, was aus gutem Grund aber abgestellt worden ist.

Länger gehalten hat sich in der "alten" Messe die Gewohnheit, nach der Wandlung bis zum Ende des Hochgebets (auch hier natürlich in die Kanonstille hinein) Orgelmusik zu spielen. Nach den ersten paar Wochen, in denen ich bei uns in St. Antonius angefangen hattee, habe ich das abgeschafft. Zwei Ausnahmen mache ich: Wenn es pastoral sinnvoll scheint (etwa bei Messen mit vielen Teilnehmern, die diese Liturgie nicht kennen und sich schnell langweilen, weil ja vordergründig "nix passiert") und an Weihnachten: Da singen alle nach der Wandlung "Stille Nacht".

Aber sonst herrscht Ruhe. Da lege ich selbst Wert drauf.

Anni Freiburgbärin von Huflattich hat gesagt…

St. Antonius macht auf der HP mit Orgelkonzerten Werbung.
Während unseres Messbesuchs hätte ich mir durchaus mehr "Wumms" von der Orgel gewünscht, denn die Kirche selbst ließ in mir diese Erwartung aufkommen, die Orgel müsse laut jubilieren.

Liebe Grüße
Anni Freiburgbärin von Huflattich

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Damals mußten wir auch noch mit dieser E-Orgel vorlieb nehmen; da war angesichts der vier eingebauten Lautsprecher nicht mehr rauszuholen; wobei man da dann wirklich alles auf "laut" stellen mußte, um den Raum auch nur halbwegs zu beschallen.

Wolfram hat gesagt…

Meine Erfahrung, die allerdings protestantisch ist (und von den Reformierten, speziell den zwinglianischen Nur-Brot-Essern, weder geteilt noch goûtiert wird), ist: wenn die Begleitung gut ist und die Gemeinde nur ein bißchen motiviert, dann führt mehr Orgel zu mehr Gesang. Die Begleitung auf kaum hörbaren Rohrflötchen, und vielleicht noch ein Gamsbärtchen als 4' oben drauf, damit es nicht so dumpf und dunkel dröhnt, aber dann doch bitte keinesfalls noch ein VCello dazu... die ist gruselig und animiert nicht zum Singen, sondern zum Weinen. Wie weiland das Harmonium in der Friedhofskapelle in Ratingen, von einer Matrone in 11cm-Stilettos traktiert - und nein, das Ding hatte kein elektrisches Gebläse; ich wundere mich heute noch, daß überhaupt ein Ton da herauskam.

20 Leute, ein Grand Jeu für die Melodie, ein petit plein jeu für die Mittelbegleitung und Flûte 16 8 4 plus ggfs Posaune 16 im Pedal - und 30 Leute sangen lauter als die Orgel. Und Spaß hats gemacht, allen. Die hätten am liebsten ihre Organisten über die Ouche gejagt und mich eingestellt... ;)

P.S. Unser Organist, der ja nun ein elektronisches Getüm betätigen muß, aber da lieber drei Manuale hat als sechs Pfeifenreihen für wesentlich mehr Geld, er nimmt sein Hörgerät raus, wenn er spielt. Und das ist auch den anderen zu empfehlen. Man kanns ja wieder reintun, wenn der Liturg den Schnabel öffnet.

Martinus hat gesagt…

Irgendwer hat eben immer was zu mosern. Von mir jedenfalls (auch) eine positive Rückmeldung zum Klang insgesamt.

Jeden Sonntag solch eine herrliche Messe, grossartige Orgelmusik, himmlischer Gesang. Und das alles bloss 10 Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Welch' Freude.

Bis nächsten Sonntag wieder.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Das deckt sich voll und ganz mit meiner Erfahrung: Singt die Gemeinde nicht kräftig, muß man sie fordern (was nichts mit Übertönen zu tun hat). Aber wenn man dann die Orgel zurückfährt, kommt noch weniger und der Gesamteindruck ist ziemlich mau.

Die Cantus-firmus-Trio-Begleiterei ist ja eine der Methoden, um zum einen die Melodiestimme klar deutlich zu machen und zum anderen die Begleitung abwechslungsreich zu gestalten ...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Grüß Gott übrigens, Martinus! Jetzt muß ich aber ganz dumm fragen ... wer genau steckt dahinter? Allein nur eine Ahnung überkommt mich ... aber nicht mehr. ;-)

Martinus hat gesagt…

Grüss Gott!

Ihre Ahnung dürfte falsch sein… :-)
Ich bin einfach ein glücklicher Messbesucher, der das Engagement der FSSP, des Organisten und der Sängerinnen sehr zu schätzen weiss und erfreulicherweise auf Ihren Blog gestossen ist.

Beste Grüsse von Martinus

Pro Spe Salutis hat gesagt…

*grübel* *grübel* *grübel* ... ;-)