Donnerstag, 6. Dezember 2012

Die beständige Erwartung der Ekklesia

"... wird so wiederkommen, wie
ihr ihn jetzt in den Himmel
auffahren saht" - Oberbergen im
Kaiserstuhl, Kirche St. Mauritius
Das Neue Testament ist, wie gesagt, voll von dieser freudigen Hoffnung auf die Vollendung der Gottesherrschaft in der Parusie des Kyrios, der dann vollenden wird, was er bei seiner ersten Parusie begonnen hat. "Der Herr ist nahe" (Phil 4, 5), das ist der Zuruf, mit dem die Ekklesia ihrem Herrn entgegengeht. Christus wird das Reich der Gerechtigkeit und des ewigen Friedens bringen.
Aber es ist nicht so, als ob das Reich nur in der Hoffnung bestände. Das Gottesreich ist schon mitten unter uns; aber es ist kein Reich von dieser Welt, kein Reich äußerlicher Machtentfaltung, sondern ein Reich des Pneumas. Der Herr kommt jetzt schon im Pneuma, im Mysterium. "Wir sind schon Söhne Gottes, aber es ward noch nicht offenbar, was wir sein werden" (1 Joh 3, 2). So vereinen sich Erwartung und Erfüllung, Hoffnung und Besitz, Pistis und Agape - dies aber fanden wir als Kennzeichen des Adventes.
Schon diese Vorbemerkungen zeigen, daß Advent mehr ist als eine Vorbereitung auf das Weihnachtsfest; daß die hinter dem Worte stehende Wirklichkeit vielmehr alles das umfaßt, was man im weitesten christlichen Sinn Epiphanie nennen kann und was sich liturgisch in dem Advent im engeren Sinne, im Geburtsfest Christi und im Epiphaniefest ausspricht; ja, daß sie ursprünglich die Parusieerwartung der Ekklesia mitbedeutet, die heute noch am Feste der Epiphanie, aber auch im Advent, noch deutlich mitschwingt. 
Advent ist also eigentlich der richtige Name für die ganze erste Zeit des Kirchenjahres bis zur Paschavorbereitung, ja in gewissem Sinne für das ganze Kirchenjahr, da ja auch Pascha die Erwartung der Parusie ist, und nicht nur Erwartung, sondern auch erste pneumatische Erfüllung, weil der Herr durch die Auferstehung und Himmelfahrt in die ewige Glorie eingegangen ist, zu der er die ganze Kirche einst heimholen wird. "Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn jetzt in den Himmel auffahren saht" (Apg 1, 11). 
Die alte Kirche feierte die Ostervigil als die Erwartung der Ankunft des Herrn, und die heutige beendet das Kirchenjahr mit dem Herrentag der Parusie, wie sie auch den Advent gleich wieder mit dem Evangelium von der zweiten Ankunft beginnt.
Odo Casel OSB: Der Advent als Lebensform des Christen in: Mysterium des Kommenden. Paderborn o.J. [1952]. S. 29 f. - hier der vorgängige Teil dieses Textes.

1 Kommentar:

Wolfram hat gesagt…

Ach, einstmals war (und ist bei mir immer noch) der Einzug in Jerusalem Evangelium des 1. Adventssonntages...