Dienstag, 25. Dezember 2012

Des Organisten Fettnäpfchen. Oder: Stille Nacht am Jüngsten Tag

Scheitern beim Schalten: Orgel in St. Antonius
mit manch Knöpfen, Wippen und Kombinationen
Weihnachten habe ich ein wenig vergeigt. Oder muß der Organist eher sagen: verpfiffen? Wie auch immer, soviel Mist wie heute im Hochamt habe ich schon lange nicht mehr gebaut. Ausgerechnet heute! Dabei war alles so schön ausgedacht: Mehr deutsche Lieder (Weih-Nachts-Lieder natürlich) als üblich, die oberhirtlich gewünschte Missa de Angelis, Credo I (das 8+3-Kombi suche ich möglichst zu umschiffen) und, klar, das Proprium.
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Vereinbart war ein etwas größerer Einzug, einmal, weil dem Fest angemessen, aber auch, um ein Lied vor dem Introitus unterzubringen: In dulci jubilo diesmal. Leider erwischte mich Pater Alex mit seinem Einzug genau im falschen Moment. Ich war kurz abgelenkt und stieg draus in die Eingangs-Impro ein. So klang das dann auch. Gut, das hätte schlimmer werden können, vorgestellt hatte ich mir aber etwas anderes. Nach der dritten Liedstrophe ging es aus der Hauptregistratur per Knopfdruck in eine vorprogrammierte Kombination und attacca in die Intonation des Puer natus est. Den weiteren Introitus habe ich der Schola überlassen, man muß ja nicht alles betönen. Danach habe ich die Intonation nochmals aufgenommen, jetzt aber ins Kyrie der Missa de Angelis überführt. Kyrie und Gloria gingen gut über die Bühne, zum Amen am Ende wurden Trompete 8' und Oboe 8' aus dem Schwellwerk ins Hauptwerk und Pedal zugeschaltet und "aufgeschwellt"zum leicht triumphalem Ausklang. Ging ganz gut, noch war ich zufrieden.
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Überhaupt, diese ganzen Werke. Gut, daß es sie gibt. Im Hauptwerk sprach nämlich das c' bei einigen Registern nicht an. Man hört ein Loch, wenn plötzlich im Prinzipalchor Oktav 4' nicht mehr mitklingt. Also wurde munter und je nach Tonart des Liedes mit dem Prinzipalchor aus dem Positiv herumgekoppelt, wie ich überhaupt gerne zwischen den drei Manualen und dem Pedalwerk herumkopple. Leider verliert man manchmal den Überblick, und so richtig vertraut bin ich mit der Orgel von St. Antonius immer noch nicht. Das sollte sich noch rächen!
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Vor der Predigt haben wir Lobt Gott, ihr Christen allzugleich gesungen. Das Einspiel sollten diesmal die 8'-Zungen des Schwellwerks mit dem Kornett 5f. aus dem Hauptwerk bestreiten. Aber irgendwie ist mir dann wieder nichts Prickelndes dazu eingefallen; herausgekommen ist Alltagskost, bestenfalls.
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Beim Ordinarium liefere ich zur Begleitung der Teile, welche von der Schola gesungen werden, in der Regel nur Akkorde, die der Melodielinie unter- oder auch darüber gelegt werden. Normalerweise nutze ich dazu aus dem Schwellwerk das Zartgedackt 8' und Salizional 8' bei fast geschlossenen Jalousien. Damit das ganze ein Fundament bekommt, übernimmt die linke Hand die Baßführung im Positiv (Gedackt 16'+8'). Hauptwerk und Pedal sind den Teilen vorbehalten, welche die Gemeinde singt (HW: Prinzipal 8', Gedackt 8' und Oktav 4'; im Pedal Subbaß 16', Gemshorn 16' und Oktabbaß 8' samt Pedalkoppel).
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Weil Weihnachten ist, kam mir spontan die Idee, in Credo I das Et incarnatus est etwas zu betonen; der Schola ward an dieser Stelle - puristisch unkorrekt, ich weiß - die Unda Maris 8' zugestimmt, ein "schwebendes", quasi "himmlisch" klingendes Register. Das war dann auch ganz schön, leider war ich danach selbst so entrückt, daß ich nicht mehr wußte, wie's weitergeht; ausgerechnet an einer Stelle, wo ich hätte umblättern müssen (was ich im Eifer auch nicht recht realisiert hatte). Ich habe dann irgendeinen Stiefel zusammengespielt, gesungen hat natürlich kaum einer dazu (wie auch?), und so unserem Herrn zumindest an Weihnachten die Kreuzigung erspart. Bei passus et sepultus est hatte sich die Situation wieder gefangen; die Leute sangen wieder weiter.
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So gesehen gingen die drei Strophen Herbei, o ihr Gläubigen während des Opfergangs relativ gut über die Bühne, obwohl der Effekt, den ich wiederum mit dem punktuellen Einsatz der Schwellwerkszungen und munterem Wippen mit dem Schwelltritt hervorrufen wollte, nicht so kam, wie ich mir das eigentlich ausgedacht hatte. 
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Beim Sanctus ließen sich einige der ausfallenden c' diesmal nicht umschiffen, aber das kann ich der Orgel in die Schuhe schieben. Das Risiko, den Gesang aus dem Stand einen halben Ton nach unten (nach oben schon garnicht!) zu transponieren, wollte ich jetzt lieber nicht eingehen. Man ist da ja das "F-Dur"-Gewohnheitstier.
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Den größten Klops lieferte ich nach der Konsekration ab. Normalerweise herrscht da Ruhe, aber an Weihnachten lasse ich Stille Nacht singen. Dezentes Vorspiel, ich schalte wieder in eine andere vorprogrammierte Kombination, erwarte einen singenden Prinzipalchor, greife in die Tasten und höre ... sowas wie den Jüngsten Tag mit Stille Nacht anbrechen! Da hingen jetzt noch immer die vereinten 8'-Zungen des Schwellwerks drin rum, diesmal ob des Vorspiels bei geöffneten Jalousien und geschalteten Manual- und Pedalkoppeln. Die Situation war zwar schnell bereinigt (ich hatte wohl noch Adrenalin vom verpatzten Credo im Blut), aber der Zauber des Liedes war vorerst hinüber.
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Der Rest des Hochamtes brachte ich dann halbwegs ehrenrettend zu Wege, bei der  Kommunion wurde wieder über Puer natus est improvisiert (ich schätze solche der Liturgie entborgene "Leitmotivik" im Amt), wobei ich die pastoralen Qualitäten der Quintatön 8' im Positiv entdeckte. Zu Bethelehem geboren als Kommunionlied begleitete ich vorsichtshalber ohne spontane Experimente. Pater Alex schaffte das feierliche Ite Missa est (aus Messe II) diesmal auf Anhieb makellos, O du fröhliche, kräftiger Kehraus, Ende ... frohe Weihnachten!

Kommentare:

Eugenie Roth hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Organist,
eine Orgel, die nicht die richtigen Töne pfeift, hört man.
Einen Sänger - bzw. eine Sängerin - welche die falschen Töne trällert, das fällt üblicherweise nicht so auf, anders bei meiner "Vokalorganistenstimme" ...

Das nächste Mal klappt's besser!

sacerdos viennensis hat gesagt…

Da kann ich mitfühlen, ist wie eine danebengegangene Predigt.
Vielleicht kommen wir mal in den Genuß eines gelungenen Orgelstücks? Ich wünsche Dir ein gesegnetes Fest und erholsame Tage.

Wolfram hat gesagt…

Ausfallende Töne sind äußerst übel. In St. Dié war's eine Pfeife: die dis° in der Trompette 8 des Pedals, die aber leider transmissione gratia auch als dis' der Bombarde 16 und als Dis des Clairon 4 diente.
Ja, und dann die Feuchtigkeit, die winters das H und das e° im Hauptwerk gern zum Dauertöner macht... grrr. Da wird das Hauptwerk zum Solowerk.

Solang die Orgel noch in dieser Form existiert, solltest du mal in Strasbourg-Neudorf (evangelisch) vorbeischauen, der Setzer ist - äh. Zwei freie Kombinationen, die im Hinterbau des Spieltisches eingestellt werden können, eine freie Kombi durch Drehen der Registerzüge, eine freie Kombi durch Drehen der Sockel der Züge, und natürlich die Züge selbst. Und die Krönung: die Kombis schalten sich nicht gegenseitig aus, nur die Handregistrierung kann man ausschalten! Weia, da kann man mächtig ins Schwimmen kommen!

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Scheint sich um eine Multiplexorgel zu handeln, oder? So von wegen "beu eine Pfeifenreihe und mach drei Register draus" ... Und auf wessen "Kombinationsgabe" sind überdies ebendiese kombinatorischen Fähigkeiten gewachsen? *schüttel*

Wolfram hat gesagt…

Multiplex nicht gerade, dafür sind zu viele Pfeifen drin. ;) Dieses Transmissionsgespiel war halt in den Sechzigern "in", und der Schöpfer des Werks war Pierre Vallotton, Begründer der FFAO, hauptberuflich Pastor und in seiner Freizeit Orgelbauer. Gewiß, ihm ist der docteur es bricologie h.c. zugestanden worden, aber das Instrument funktioniert - von Feuchtigkeitseinwirkungen abgesehen - zuverlässig.

Die Straßburger Orgel dagegen ist von Alfred Kern, nach Disposition von Albert Schweitzer, näheres hier. Ursprünglich sollte diese Orgel ins Conservatoire und die dortige in die Kirche, das ist aus mir unbekannten Gründen ausgetauscht worden. Die Conservatoire-Orgel ist mittlerweile vergessen und eingemauert... :(

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Uhh, die evangelische Kirche hier im Quartier hat auch eine Kern-Orgel aus den Sechzigern ... da weiß ich jetzt nicht, ob ich mir die in Straßburg wirklich anschauen wollte ... ;-)

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Kommando zurück: Die erwähnte Orgel hier ist, fiel mir gerade ein, von Mühleisen, nicht von Kern ...

Anni Freiburgbärin von Huflattich hat gesagt…

8+3-Kombi, Trompete 8', Prinzipalchor Oktav 4', dem Positiv herumgekoppelt, 8'-Zungen, Zartgedackt 8', Salizional 8', Gedackt 16'+8', HW: Prinzipal 8', Gedackt 8', Oktav 4'; im Pedal Subbaß 16', Gemshorn 16', Oktabbaß 8', "F-Dur"-Gewohnheitstier, Quintatön 8' im Positiv, aus dem Schwellwerk ins Hauptwerk und Pedal zugeschaltet

Ich dank recht artig, Herr Organist, für all die schönen Worte. Ich werde sie bewahren und von Zeit zu Zeit in meine Geschichten einbauen.

Liebe Grüße

Anni

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Hier noch ein paar mehr: Crescendo-Tritt (oder auch: Crescendo-Walze), Bombarde 16', Krummhorn 8', Flötenchor, Streicherchor, Aliquoten und die meckernde Vox humana (bis auf letzteres ist alles in St. Antonius vorhanden).

Anni Freiburgbärin von Huflattich hat gesagt…

Ganz allerherzlichsten Dank. Ich habe sie notiert.
Aber warum ist die meckernde vox humana nicht in St. Anton.
Im Artikel steht doch, sie habe sich durch singen hervorgetan.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Gemeint ist hier die imitatio organologica ...

Wolfram hat gesagt…

Mühleisen find ich persönlich fragwürdiger, der war aber auch experimenteller. Kern ist m.E. solide - das einzige, was in der Neudorfer Orgel wirklich kritikwürdig ist, ist die Flûte 8 im Pedal, da hätten ein richtiger Prinzipal und ein Bourdon hingehört. Und JC Hutchen, der A-Organist und Pfarrer, möchte gern zu den Horizontaltrompeten des HW auch mindestens noch eine 8'-Trompete ins Gehäuse stellen.

Vallotton hat in St.Dié auch halbwegs sauber gearbeitet, in Reims hat er modernes Material benutzt, was schlecht gealtert ist, aber in St.Dié ist es Holz und Metall. Nur ein bißchen viel Instrument in einem zu engen Gehäuse...