Dienstag, 11. Dezember 2012

Der Advent - ein volles Mysterium

"... die Ankunft des Gottessohnes und König ...
wie das die drei Weihnachtsmessen ... deutlich
zeigen" - Krippendarstellung am Maienaltar
der Pfarrkirche St. Nikolaus zu Lenzkirch
.
Rom scheint zwar eine Zeitlang den 25. Dezember nur als den Tag der Geburt des Herrn gefeiert zu haben (vgl. Augustinus Ep. 55, 3), und zwar als Datum (deswegen auch der bestimmte Tag, wenn er ursprünglich auch nicht als der historische Geburtstag gewählt wurde, und das Fehlen der Festoktav). Aber die römische Kirche scheint bald erkannt zu haben, daß dies kein Mysterium sei, und deshalb hat sie das Weihnachtsfest zu einem vollen Mysterium ausgestaltet, in dem die Ankunft des Gottessohnes und Königs gefeiert wurde, wie das die drei Weihnachtsmessen und das ganze Offizium deutlich zeigen.
Infolgedessen hat das römische Epiphaniefest noch heute einen sekundären Charakter, während Epiphanie im Orient, wo es ursprünglich das einzige Fest der Menschwerdung war, den ganzen Mysterienglanz in sich vereint. Aber auch in der Liturgie Roms erkennt man noch heute, daß Epiphanie mehr ist als nur die Huldigung der Magier; auch die römische Epiphanieliturgie nennt neben dieser die Jordantaufe und das Wunder von Kana, an dem der Herr zum ersten Mal seine Glorie durch ein Wunder offenbarte (Ant. zum Benediktus und 2. Magnificat-Antiphon); und das Evangelium der Oktav (Joh 1, 29-34) liest das Wort des Johannes des Täufers von dem Lamme Gottes. Beide Feste, Weihnachten und Epiphanie, ergänzen also einander; beide weisen aber auch voraus auf das Hochfest des Pascha ...
So ist der Advent (im weiteren Sinne) ein volles Mysterium; denn er stellt in seiner Liturgie uns das Heilswerk Christi sakramental hin, so daß wir in lebendiger Anteilnahme er miterleben können und dadurch das Heil gewinnen. Wir betrachten die Heilstat des Herrn in diesem ersten Teile des Kirchenjahres vor allem unter dem Gesichtspunkte der Menschwerdung des Logos, der Erscheinung Gottes im Fleische, schließen aber den Erlösungstod nicht aus, vielmehr feiern wir auch dessen letzte Frucht, die glorreiche Wiederkunft des Herrn, und nehmen diese, die geschichtlich noch nicht vollendet ist, im Mysterium voraus, so wie wir die Menschwerdung, die schon geschehen ist, in ihrer vollen Auswirkung begehen, nicht nur in ihrem Beginne. Klar zeigt sich hier, daß das Mysterium immer das ganze Heilswerk, die "Oikonomia" umfassen muß, weil es sonst nicht die volle Erlösung verbürgte.
Odo Casel OSB: Der Advent als Lebensform des Christen in: Mysterium des Kommenden. Paderborn o.J. [1952]. S. 31 f. - hier der vorgängige Teil dieses Textes.

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