Samstag, 3. November 2012

Einwurf ... die Standhaften und meinereiner.

Einen ungefähren Eindruck über die Zusammensetzung einer Gottesdienstgemeinde gewinnt man meistens während des Hochgebets. Wer mit dem Geschehen nicht viel anzufangen weiß,  neigt dazu, sich hinzusetzen. Die "Konservativen" wie meinereiner knien sich hin, während die "engagierten" Katholiken gerne stehen bleiben - was durch den Römischen Kanon aber voll und ganz gedeckt ist, wenn es heißt, der Herr möge auch "aller Herumstehenden" (et omnium circumstantium) gedenken. 
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Aber warum müssen sich die engagierten Katholiken dann ausgerechnet in die vordersten Reihen stellen? Schauen wollen (in unserem Fall: schauen können) ist auch eine Art der participatio actuosa, auch wenn diese Form des contemplari seit der Liturgiereform etwas aus der Mode gekommen ist.

Kommentare:

Freiburgbärin hat gesagt…

Ich hätte "et omnium circumstantium" als die "Herumlungernden" übersetzt.
Das ist zwar falsch, trifft aber den Nagel auf den Kopf. (Außer ich schlage)

Braut des Lammes hat gesagt…

Das ist der Punkt über den ich irgendwie auch nicht hinwegkomme, weil mich bei unseren wenigen demonstrativen Stehenbleibern das Gefühl beschleicht, dieses Stehen hätte demonstrativen Charakter – stehen und gesehen werden. Eine Verneigung siehst du da auch nie, obwohl diese ausdrücklich gewünscht wird.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Ja, Freiburgbärin, wir lasen schon von diesem Mahlör! Lungert der Finger noch immer malad herum?

Und bei manchen, Braut des Lammes, habe ich auch den Eindruck, daß dahinter Methode steckt. Aber man soll ja immer erstmal an das Gute (oder Bessere) glauben ...

Anonym hat gesagt…

Manche sitzen auch, weil sie betagt sind und nicht knien können. Manche stehen, weil 'stehen' eine christliche Gebetshaltung ist. Zweites Hochgebet: "vor Dir zu stehen und Dir zu dienen."
Vor allem in der österlichen Zeit war das Stehen in der Alten Kirche sogar geboten!! Man muss also nicht hinter alem Stolz und Unbotmäßigkeit oder Gesehen-werden-wollen wittern...

Cinderella01 hat gesagt…

Ich find es noch schlimmer, wenn die vor mir sitzen bleiben, und sich hinten an der Bank anlehnen. Dann hat man nämlich, wenn man kniet und betet entweder die Haare oder die Glatze direkt vor der Nase. Oder man muss sich ganz weit zurücklehnen ...
Es gibt ja Leute, die weder stehen noch knien können, aber können die nicht einfach etwas nach vorne rutschen, wenn sie wissen, dass hinter ihnen jemand kniet?

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Natürlich, Anonym, ist Stehen auch eine Gebetshaltung; Guardini hat Wertvolles ("Von heiligen Zeichen") dazu geschrieben. Ich würde da auch nicht immer gleich jedem das Schlechteste unterstellen wollen, zumal die liturgischen Texte überwiegend von "Stehen" reden, wenn Haltungen vor Gott zum Ausdruck gebracht werden sollen. Mein Einwurf zielt freilich schon ein wenig auf eine bestimmte Spezies der "Standhaften" ab. Manchmal fällt's halt etwas zu sehr "ins Auge" ;-)

Die Sitzer, Cinderella, sind ein anderes Thema, passiert mir auch ab und zu, daß an achthaben muß, nicht auf Kollisionskurs zu kommen. Wenns geht, weiche ich dann ein wenig "zwischen zwei Sitzer" aus ..

Anonym hat gesagt…

Schon mal dran gedacht, dass manche auch nicht knien können? Was spricht dagegen, sich, wenn man knien will, einfach ins vordere Drittel der Bänke zu setzen? Nichts! Euer "Problem" ist hausgemacht!

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Anonym, um die Leute, die nicht knien können, gehts doch garnicht. Man kann aber auch alles mißverstehen wollen ...

Meinereiner zum Beispiel sitzt, steht, kniet sogar im vorderen Drittel, zumindest gegen Ende davon ... wobei ich als etwas größer gewachsener Zeitgenosse vielleicht nicht gerade die allerersten Reihen kapern will, denn im Gegensatz zu manchen anderen Menschen finde ich es wichtig, daß die hinter mir auch noch eine Chance haben, während der Messe generell etwas mehr als meine Hinterseite zu sehen.

Aber wenn sich nun jemand vor mich stellt, werde ich mich nach dem Sanktus einfach zwei Reihen nach vorne pirschen. Das hat dann gleich noch einen neckischen demonstrativen Charakter. ;-)

Man könnte die Frage übrigens auch anders stellen: Warum können sich die, die aus Prinzip (!) stehen möchten, nicht einfach in die zweite Hälfte setzen?

Um es auf den Punkt zu bringen: Es scheint mir einfach eine Frage der Rücksichtnahme zu sein, wenn Mitchristen, die etwas größer sind oder aber gerne Stehen bleiben, sich etwas weiter hinten platzieren.

Reihe 3 oder 4 muß es dann eben wirklich nicht gerade sein, schon garnicht als Paar. Der Einwurf ist nämlich nicht aus heiterem Himmel gefallen ...

Braut des Lammes hat gesagt…

@Anonym: wie gesagt, gebrechliche oder kranke Menschen waren nicht gemeint.

Die unverdrossenen Stehenbleiber um des Stehenbleibens willen wirst du dagegen auch in Reihe 1 bei der sakramentalen Andacht finden (Braut des Lammes: Herumkippeln vor dem Herrgott….

Manche sehen zur Erhebung der eucharistischen Gestalten eben gern den Herrn und nicht die Wintermäntel von Herrn und Frau Sowieso.

Anonym hat gesagt…

In aller Freundschaft - es wirkt auf den Außenstehenden eher befremdlich und abstoßend, wenn vereinsinterne Streitigkeiten (Wer darf stehen? Sollten wir nicht lieber alle knien? Wer ist der Heiligste?) nach außen getragen werden. Das mag ja von massiver Bedeutung für einzelne Katholiken sein (mich persönlich hat noch nie gestört, wenn jemand steht bzw. kniet. Soviel individueller Ausdruck muss sein!), aber für Katholiken an der Peripherie oder solche, die es werden wollen, macht DIESE Diskussion die Kirche sicher nicht attraktiver.
Man stelle sich vor, da geht einer nach langen Jahren der Abwesenheit erstmals in den Gottesdienst, bleibt stehen, und dann sitzen ein paar Besserwisser im Publikum und denken sich "Linksliberaler Herumlungerer." Kommt schon, Leute, hat sich Jesus seine Gläubigen wirklich SO vorgestellt?

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Da ist natürlich was dran, an dem, was Du sagst, Anonym.

Andererseits spiegelt ein Blog halt auch persönliche Befindlichkeiten - und wie man sieht, bewegt das Thema doch Dich und mich und einige andere. Und wenn am Ende jeder etwas mitnehmen kann, dann ist doch auch schon wieder etwas gewonnen: Die einen, daß nicht jeder Stehende ein Herumlungerer ist, der andere, daß man vielleicht nicht gerade ganz vorne stehen sollte, und wir alle, daß wir nicht perfekt sind.

Ansonsten sollte man das Textformat "Einwurf" auch nicht zu hoch hängen. Ich denke, der erste Absatz kann als Glosse erkannt werden; der zweite zum Thema Schauen und Contemplari als participatio actuosa könnte man mal in einem eigenen Artikel vertiefen - ganz abseits von kleinen polemischen Scharmützeln, Einwürfen und Glossen.

Schöne Woche!

PS Mensch, leg Dir mal irgendeinen Account zu, das ist angenehmer als dauern an "Anonym" zu schreiben ... also: Kapuze runter :-)

Anonym hat gesagt…

@Anonym

Zum Nachdenken:

"Wer das Stehen beim Beten propagiert, der will heute in sehr vielen Fällen damit der Verehrung des eucharistischen Christus ein Ende bereiten."

Martin Mosebach in HdF (S.121)

Von mir auch: Schöne Woche!

Toni

Wolfram hat gesagt…

Das, lieber Toni, müßte aber dringend und zwingend begründet werden, sonst bleibt es ein Postulat.

Gewiß, Form und Inhalt sind nicht untrennbar, aber eine Gleichsetzung von Verehrung und Knieen ist doch arg gewagt. Dann bitte möge man doch so richtig ad fontes gehen und die prosternatio proklamieren. Dafür müssen aber die Bänke raus, sonst kriegt man auch nicht 30 alte Mütterchen in die Domkirche gelegt.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Wolfram, es gibt im katholischen Bereich durchaus Tendenzen, etwa Sakramentsandachten als rückständige Frömmigkeitsform zu denunzieren und die Gegenwart Christi in den Zeichen von Brot und Wein ideell umzudeuten. Entsprechend werden auch die Ehrfurchtsbezeugungen hinunter nivelliert: Stehen statt knien, leichte Verbeugung statt Kniebeuge etc.

Das mag Eurereiner jetzt relativ nachrangig scheinen, trifft aber in die Mitte des katholischen Glaubens.

Wolfram hat gesagt…

Und prompt ist man nicht mehr bei der Form, die ohne Inhalt leider hohl wäre, sondern mitten im Inhalt.

Ich sehe immer noch vor mir das Mütterchen, das eine bretonische Kirche putzte, von links nach rechts und von rechts nach links, und jedes Mal, wenn sie den Mittelgang kreuzte, beugte sie blitzschnell das Knie Richtung Altar und Tabernakel.
Kniebeuge - ja, aber so blitzschnell, daß da kein Sinn, keine Kontemplation drin sein konnte. Da wird die leibliche Gegenwart Christi nämlich gerade durch das Kniebeugen zum Geßler-Hut.

Und so frage ich auch nicht so sehr danach, was einer tut, sondern in welchem Geist er es tut.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Zum einen: Ja, die Gesinnung zählt. Gesinnung kann eben auch das "demonstrative" Stehen sein, weil man sich innerlich von der Realpräsenz verabschiedet hat und das äußerlich "demonstriert" (Salvatorische Klausel: Es sind also nicht jene gemeint, die nicht knien können etc.).

Andererseits: Ich habe auch lange gedacht, daß der religiöse Akt immer "bedeutungsvoll", "innerlich bewegt" oder so sein sollte. Was nun das bretonische Mütterlein betrifft: Die wiederkehrend dahingehuschten Kniebeugen können auch Ausdruck jener Haltung sein, die trotz der Nachlässigkeit um das Heilige weiß und so immer wieder zu dieser beim Putzen doch recht unpraktischen Übung anleitet.

Die Grenzlinie, wo aus dem Ausdruck des Glaubens - wie immer der auch beschaffen sein mag, das kommt ja noch dazu - ein leeres Ritual wird, mag da schnell überschritten scheinen und vielleicht auch sein ... vielleicht aber auch nicht, wer will es wissen wenn nicht Gott allein.

Das betrifft natürlich nicht nur bretonische Mütterlein, sondern auch jene, die zum Hochgebet stehen bleiben. Ich sehe dann womöglich das Hinterteil von Herrn X oder Frau Y und bin gegebenenfalls verdrossen. Gott aber sieht ins Herz, und dort entscheidet sich letztlich die Sache.



Wolfram hat gesagt…

Hm. Was den Hintern angeht, bin ich besser dran (außer bei Hochzeiten, sommers, wenn die Hochzeitsgäste teils sehr kurz berockt sind... mein junger Kollege ist da schon mal in arge sinnliche Bedrängnis geraten...), weil ich vorn stehe. Meist jedenfalls.
Anderenfalls mache ich die Augen zu. Die Juden haben vielleicht gar nicht so unrecht, wenn sie sagen, die Frauen sollen nicht vor den Männern stehen beim Beten, damit die Männer nicht abgelenkt werden.

Nun, der religiöse Akt ist m.E. nur dann einer, wenn er bewußt ausgeführt wird. Das berühmte "Ach Je"(-sus) ist schon lang keiner mehr, nicht mal der Ausruf, der mir von einer eingefleischten elsässischen Protestantin als allgemeiner Schreckensruf berichtet wurde: "Jésusmariejoseph!" (So hießen wohl die Mäuse, derentwegen Madame Frida mal wieder auf den Stuhl sprang...)

Für mich zählt das Knien an sich zu den Adiaphora - solange ich meine Knie nicht frage. :D Das allein macht keine innere Einstellung aus. Weder im einen noch im anderen Sinn.
Ein wenig wie das Kreuzschlagen: wers nicht tut, ist bestimmt kein klassisch-praktizierender Katholik. Wer's tut, ist aber auch nicht unbedingt einer.
Als ich das letzte Mal gekniet habe, war es zur Einsegnung der Amtseinführung; ich habe gekniet wie ein Vasall, einen Fuß vor... aber im Geiste eben vor meinem Herrgott und nicht vor Menschen, seien es Kirchenfürsten. Wenn ich an einer römischen Meßfeier teilnehme, halte ich mich eh am Rand, ich bin ja nur Gast. Und ob ich hinter meiner Säule nun "nur" stehe oder meine Knie quäle, sieht entsprechend kaum jemand. Jesus weiß es.