Mittwoch, 21. November 2012

Dies ist das himmlische Zelt! ... Mariä Opferung

Mariä Opferung - Altarblatt am Seitenaltar der Kirche zu Sachseln
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Die Darstellung Mariens im Tempel - Mariä Opferung - zählt zu den besonders alten Marienfesten, zumindest in der Ostkirche. Zurückverfolgen läßt es sich bis in das Jahr 543; damals wurde unter Kaiser Justinian am 21. November in Jerusalem eine Marienkirche geweiht. Rund 200 Jahre später ist die Festfeier für Konstantinopel bezeugt. Verhältnismäßig spät fand sie Eingang im Abendland, nachdem sie Gregor XI. 1372 in den Kalender der Kurie aufnahm. Der Papst zeigte sich beeindruckt von den Schilderungen des Philipp von Maizières, der von der Pracht der Feier berichtete, die dem Fest im Orient eigen ist - der "Eintritt Mariens in den Tempel" ist eines der vier Hauptfeste der Orthodoxie zu Ehren der Gottesgebärerin.
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Das "Faktum" des Festes, die Geschichte, nach der Maria als dreijähriges Mädchen dem Herrn dargebracht und der Schar den Tempeljungfrauen zugezählt worden sei, ist fromme Erfindung des apokryphen Jakobus-Evangeliums. Weder gab es einen entsprechenden Brauch noch Tempeljungfrauen zu Jerusalem. Was aber soll uns dann dieses Fest?
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Maria selbst ist der dem Herrn geweihte Tempel, in welchem Gott Wohnung nehmen und Mensch werden mochte. Das Fundament ist die vom Makel der Erbsünde unberührte Empfängnis Mariens im Schoß ihrer Mutter Anna. Nun stellt uns die Liturgie Maria als kleines Mädchen - sozusagen an der Schwelle des Vernunftgebrauchs - vor Augen, als kleines Kind, das nun selbst beginnen wird, mit der Gnade, ja Gnadenfülle mitzuwirken und in eine ganz besondere Gottesbeziehung einzutreten, aktiv, mit Herz und Verstand quasi: In eine Gottesbeziehung, welche zuletzt in die große oblatio, in die große Hingabe - auch das "Mariä Opferung"! - bei der Verkündigung durch den Engel münden wird: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1, 38). 
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Maria ist Tempel und Opfer zugleich und weist mithin auf Christus, dem sie Mutter werden wird. Denn er wird im tiefsten, umfassendsten Sinn Priester, Altar und Opfergabe sein und damit auch dem "Opfer" Mariens dessen letzten, höchsten Sinn verleihen ... die orthodoxen Christen singen am heutigen Tag:
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Der reinste Tempel des Erlösers,
die ehrenvolle Brautstätte und Jungfrau,
die heilige Schatzkammer göttlicher Herrlichkeit
wird heute geleitet ins Haus des Herrn,
und mit ihr tritt ein die Gnade des göttlichen Geistes.
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Ihr singen die Engel entgegen:
Dies ist das himmlische Zelt!
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(Kontakion am Fest des Eintritts Mariens in den Tempel)

1 Kommentar:

Stefan hat gesagt…

Ich finde dieses Fest und die Bilder der Darstellungen Mariens in den Tempel sehr schön.

Ich denke nicht, dass es sich um eine Erfindung des Protoevangeliums handelt. Im Protoevangelium findet sich viel von dem wieder, was die Christen des 2. Jh geglaubt haben. Es werden keine neuen Geschichten aufgetischt. Was nicht heißt, dass alles stimmt, was darin steht (es ist halt kein Evangelium und nicht apostolisch), aber manches davon wurde durch den kirchlichen Volksglauben bestätigt.