Samstag, 13. Oktober 2012

Soirée: Priesterlose Gottesdienste

Am Sonntag, sehr früh, versammelten sich die Leute in der Kirche. Alle standen oder knieten - rechts die Männer, links die Frauen -, und auf ein Zeichen von Thomas begann die alte, asthmatische, schnurrbärtige Karabassen mit lauter Stimme ein Paternoster. Aber ach, kein Priester kam aus der Sakristei ... Die Karabassen hatte den Altar gereinigt, sie hatte Kruzifix und Leuchter geputzt und auch die beiden riesigen schwarz-rosa Muscheln, die an Balg und Tier und Kiesel und Diamant erinnerten und als Schmuck den Blumenflor glücklicherer Gegenden ersetzten. Auch das Meßglöckchen stand bereit - auf der untersten Altarstufe rechts -, denn man war doch schließlich hier in einer christlichen Gemeinde und kannte sich aus. Wenn, ja wenn man nur einen Priester hätte!
Die pfeifende Stimme zählte jetzt die "Intentionen" auf: um Strandgut - um Regen - um einen Priester für die Insel - um viele Fische in Netz und Reuse. Dann löste eine Großtante von Thomas die Karabassen ab und sagte, ohne zu stocken, auswendig die lange Liste der "Gebetsmeinungen" her sowie ein Paternoster, ein Ave und ein De Profundis für die darin genannten Verstorbenen. Hierauf - nach einer Pause - stimmte die Karabassen ein bretonisches Kirchenlied an, und sofort fielen sämtliche Stimmen - näselnd die der Frauen, dröhnend die der Männer - mit ein. Sie hatten beträchtlich zu hoch eingesetzt, aber das schadete nicht: an den schwierigen Stellen gerieten die Frauen eben ins Kreischen oder gaben Kopftöne von sich, die sie für seraphisch hielten, während die Männer einfach eine Oktave hinuntergingen und die Melodie nur mitbrummten. So wurden vier oder fünf Lieder gesungen, worauf zum zweitenmal erwartungsvolle Stille eintrat.
Da schlug die Karabassen ein großes Kreuz und - als wären alle Privatandachten zur gleichen Sekunde beendet worden - es beeilte sich jeder, ihrem Beispiel zu folgen. Als sie sich umdrehte, sah sie diejenigen, die nahe dem Ausgang gestanden waren, bereits draußen, und in einem Zug leerte sich die Kirche.
In der Woche danach, die sehr neblig war, scheiterte eine große Barke an einer Klippe nahe von Sein. Strandgut trieb ans Ufer: Ruder, Stücke vom Schiffsrumpf, ein gut erhaltene kleines Rettungsboot, Fässer mit Trinkwasser, ein kleines Fäßchen mit Rotwein und drei Leichen ...
Henri Queffélec: Gott braucht die Menschen (dt. von Hermen von Kleeborn).

1 Kommentar:

Wolfram hat gesagt…

Dann hat das Gebet um Strandgut ja gefruchtet! Statt Regen gabs Nebel, aber das kennt man selbst im Sauerland. Fische und Priester - zumindest den Priester dürften sie wohl vergeblich erbeten haben. (Ich muß mir das Buch wirklich bestellen. Ob ich das auf meinen Fonds de Documentation laufen lassen kann?)

und mir geht grad auf, warum die Lotsen der Gironde-Mündung alle evangelisch waren, zu Ludwigens XIV. Zeiten (und auch nicht um ihres Glaubens willen verfolgt wurden, es gab keinen Ersatz für sie...): die Katholiken beteten um Strandgut... :P