Mittwoch, 3. Oktober 2012

Soirée: Maritimes

Nun glitt das Boot in den Meerstrom von Sein. Die See ging bald hohl und bald hoch, die Wellen tanzten und sprangen und warfen sich gegen Sandbank und Riff. War die Strömung heilig oder verflucht? Auf weite Sicht hin zürnte das Meer, kochte und scholkte, hob sich, entzog sich, im monotonen Rhythmus der Trunkenheit. Was ging hier vor? Weshalb diese Wut? Weshalb dieser traurige Tanz? 
In der Ferne, dem Horizont dicht angeschmiegt, begann die Insel, nicht ob dem Meere zu ragen, nicht aus dem Meere zu steigen, nur sich erraten zu lassen. Wie ein Kind des Kontinents, wie ein Festlandjunges schwamm sie näher. Aus den Wassern errettet. Und nicht, wie der Pfarrer von Audierne behauptete, ein düsterer Ort! Wer spottete über den Glauben der Insel? Schlechte Christen, sie, die Gott jeden Tag bewahrt?
In weitem Bogen spie Thomas seinen Kautabak ins Wasser. Das Boot schlingerte dauernd in einer hohlen See, hie und da aber stampfte es auch, vornüberfallend wie ein knieweicher Greis, sich aufbäumend wie ein scheues Tier - höher - noch höher -, blieb einen Augenblick in der Schwebe - gab dann den schweren Meeresketten nach, die es niederzogen ins nächste Wellental.
Henri Queffélec: Gott braucht die Menschen (dt. von Hermen von Kleeborn).

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