Dienstag, 9. Oktober 2012

Schrift und Katechismus und Tradition und Trient am Schluß

Das Jahr des Glaubens ist noch nicht eröffnet, längst aber der Reigen der Kritik. Das Konzept sei oder scheine zu wenig auf die Heilige Schrift und zu stark auf den Katechismus ausgerichtet, wird etwa - auch innerhalb der Blogozese - moniert. Das erinnert fast ein wenig an das Zweite Vatikanische Konzil und dessen Auseinandersetzung über das Verhältnis von Schrift und Tradition. Das "Wirken des Geistes auf dem Konzil" will zum Beispiel Karl Rahner SJ unter anderem in der Vermeidung von Texten erkannt haben, die ihm "selber theologisch unrichtig und ökumenisch schädlich erschienen wären, wie etwa eine Erklärung über das genauere Verhältnis von Schrift und Tradition, die der Tradition eine größere Bedeutung als der Schrift gegeben hätte" (Vom Wirken des Geistes auf dem Konzil. Beobachtungen eines Teilnehmers in: Wer wird das Antlitz der Erde erneuern? Spuren des Geistes in unserer Zeit. Freiburg 1983. S. 86). Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß die Heiligen Schriften - auch und gerade jene des Neuen Testaments - Wort Gottes sind, das uns durch Tradition überantwortet ist. Der protestantische Exeget Oscar Cullmann rechnete es den Katholiken geradezu hoch an, daß sie - im Gegensatz zu Theologen der Reformation - "niemals ganz vergessen haben, daß die Tradition dem Evangelium vorausgeht".
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Wir feiern in Kürze ein Jahr des Glaubens - kein "Jahr der Heiligen Schrift", kein "Jahr der Offenbarung", kein "Jahr der Bibel" oder dergleichen Anverwandtes, so fruchtbringend und nicht minder lohnend und heilsam solche Jahresfeiern gewiß wären. Ist es nun abseitig, wenn bei einem Jahr des Glaubens der Katechismus als Richtschnur in den Vordergrund gerückt wird? Zumal dieses Jahr nicht allein vom Jubiläum des letzten Konzils geprägt ist, sondern ebenso an die Promulgation des Katechismus der Katholischen Kirche vor 20 Jahren gemahnt? Die aus diesem Anlass damals veröffentlichte Apostolische Konstitution formuliert die Zielsetzung dieses Werkes klar und deutlich. Es bestehe 
in der Darlegung des Glaubens der Kirche und der katholischen Lehre, wie sie von der Heiligen Schrift, der apostolischen Überlieferung und vom Lehramt der Kirche bezeugt oder erleuchtet wird (Fidei depositum 4).
Der Katechismus der Katholischen Kirche ist bei alledem keineswegs eine lehramtlich "spröde" oder meinethalben "dürre" Zusammenfassung der Tradition in Glaubensformeln - er ist ein Buch, das - wie kaum ein anderer Katechismus - aus den Worten der Heiligen Schrift schöpft und gerade von der Heiligen Schrift her den Kosmos der katholischen Lehre dem Glauben erschließt. Der Katechismus der Katholischen Kirche zählt hierbei, dies nur am Rand bemerkt, der Tradition ebenso zu wie zum Beispiel der Neutestamentliche Kanon.
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Was ist ein Katechismus eigentlich? Ein Lehrbuch, fürwahr - aber nicht irgendein Lehrbuch, sondern eine Zusammenfassung der traditio in mehr oder minder komprimierter Form. Anzumerken, daß die Heilige Schrift im Rahmen der traditio einen hohen Stellenwert einnimmt und die traditio ohne das Wort Gottes ebensowenig denkbar ist wie das Wort Gottes ohne die traditio vorstellbar, hieße Eulen nach Athen tragen. Ohne hier unzulässig verallgemeinern zu wollen - aber wer mit dem Katechismus ein Problem hat, hat meiner Erfahrung gemäß auch eines mit der Lehre und der Überlieferung der Kirche. Nicht im Sinne der Zweifels und des Ringens um Glaubenssätze, was auch mir nicht fremd ist, sondern im Sinne einer Trotzhaltung. Aber wie gesagt: Das will ich jetzt nicht verallgemeinert wissen; es ist ein subjektiver Eindruck meinerseits.
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Ich hege überdies keine Befürchtungen, die Heilige Schrift - das in alle Unzulänglichkeit der Menschen hinein gesprochene Wort des lebendigen Gottes - könnte im Jahr des Glaubens auf den Katzenplatz verwiesen werden. Gerade mit Benedikt XVI. dürfen wir einen Papst erleben, dessen Spiritualität tief im Wort Gottes verankert ist; wer offenen Herzens die Katechesen oder etwa auch die Jesus-Bücher des Heiligen Vaters liest, wird dies kaum bestreiten wollen.
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Es sei zuletzt auf das Konzilsjubiläum vorgegriffen. Lassen wir "das Konzil" sprechen! Was wiegt schwerer - Schrift oder Tradition? Oder: Ist das eine geringer zu veranschlagen als das andere? 
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Das "Wirken des Geistes" - um auf Rahners Diktum zurückzukommen - bekräftigte in der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum (2, 8-9), daß die traditio "von den Aposteln stammt" und sich "in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes weiter" entwickelt, nicht zuletzt "aufgrund der Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt die sicherer Gnadengabe der Wahrheit empfangen haben". Dann heißt es:
Die Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebenspendende Gegenwart dieser Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen. Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt, in ihr werden die Heiligen Schriften selbst tiefer verstanden und unaufhörlich wirksam gemacht (...).
Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu. 
Denn die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde. Die Heilige Überlieferung aber gibt das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung treu bewahren, erklären und ausbreiten. So ergibt sich, daß die Kirche ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. 
Nach diesen drei Passagen aus dem Konzilstext mag es interessant sein, die oben zitierte Passage aus Fidei depositum zur Rückbindung des Katechismus der Katholischen Kirche an die Heilige Schrift, an die apostolische Überlieferung und an das Lehramt der Kirche nochmals zu lesen und hernach die Stellung und den Wert dieses Buches zu ermessen, welches es im Rahmen der Verkündigung - der Weitergabe, der traditio des Glaubens - hat. Oder haben könnte. Zurück aber zu Dei Verbum.
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Im Anschluß an das Konzil von Trient (Dekret über die Annahme der heiligen Bücher und der Überlieferung aus der 4. Sitzung, 8. April 1546) bekräftigen die Konzilsväter am 18. November 1965 zum Thema Schrift und Tradition - und das könnte man angesichts der aktuellen Diskussion auch auf das Verhältnis Schrift und Katechismus cum grano salis aggiornamentieren:
Daher sollen beide mit gleicher Liebe und Achtung angenommen und verehrt werden (Dei Verbum 2, 9).

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