Dienstag, 23. Oktober 2012

Glauben nach Gutdünken? Teil 2: Nochmals zur "anthropologischen Wende"

In der aktuellen Katechismusdebatte ist Ameleo von Frisch.Fromm.Frau gestern (hier) auch auf meinen Beitrag (hier) eingegangen. Ameleo schreibt:
Als Ursache für heutige Probleme mit dem Glauben der Kirche wurde in einem Post die „anthropologische Wende“, also der Blick vom Menschen her, diagnostiziert. Aber war es nicht Gott selbst, der vor 2000 Jahren diese „anthropologische Wende“ eingeleitet hat? Das Besondere an unserem Glauben ist doch, dass wir davon überzeugt sind, dass Gott selbst Mensch geworden ist und sich – salopp formuliert – die Sache der Menschen mal mit deren eigenen Augen angeschaut hat.
Der saloppen Formulierung muß ich scharf widersprechen. Das Besondere an unserem Glauben ist fürwahr, daß Gott Mensch geworden ist, aber nicht, dass er sich "die Sache der Menschen mal mit deren eigenen Augen" hätte anschauen wollen oder müssen. Gott ist auch nicht Mensch geworden, weil es notwendig gewesen wäre, sich - unter anderem - irgendwie in seine Geschöpfe tiefer einzufühlen oder sie besser zu verstehen. Ich erinnere an das Credo, welches den entscheidenden Grund in drei Worten formuliert: propter nostram salutem - "um unseres Heiles willen ist Er hinabgestiegen". 
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Der hl. Augustinus stellt dazu eine Frage: "Wollt ihr nicht, da das Leben zu euch herabgestiegen ist, aufsteigen zu ihm und leben?" (Conf. 4, 12). Der Mensch, also der Transzendenz fähig, soll aufsteigen! Allerdings hält die "anthropologisch gewendete" Pastoral und Verkündigung unserer Tage dazu wenig Hilfestellungen bereit, bedenkt man etwa den Reichtum der Gnadenmittel, die dazu auch zu Gebote stehen, aber als solche kaum thematisiert (im schlimmsten Fall hingegen belächelt) werden. Wenn der Mensch vor lauter Rücksicht auf bestimmte Lebenssituationen überdies in irregulären Lebensverhältnissen belassen oder bestärkt wird, dann wird den Betroffenen endgültig ein Bärendienst erwiesen.
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Daß Gott in der Menschwerdung - aus unserem Horizont heraus betrachtet - dem Menschen so nahe wie möglich gekommen ist, kann man sicher auch mit Ameleos Worten beschreiben, es sei "vor 2000 Jahren" eine "anthropologische Wende eingeleitet" worden. Aber wie gestaltet sich diese anthropologische Wende konkret aus?
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Die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die uns erschienen ist (vgl. Titus 3, 4), redet den Menschen keineswegs nach dem Mund. Christus enttäuscht letztlich die Erwartungen der meisten seiner Zeitgenossen, entspricht nicht der öffentlichen (oder auch veröffentlichten) Meinung im Volk Israel. Er schüttelt das Joch der römischen Besatzung nicht ab, um das Bundesvolk wieder in die Freiheit zu führen. Er errichtet kein messianisches Friedensreich. Sogar Johannes im Kerker läuft Gefahr, an ihm irre zu werden, obwohl der Täufer (oder vielleicht: gerade weil er?) vom Wirken Christi hörte (Mt 11, 2-10): "Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir einen anderen erwarten?".
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Christus erkennt, ein weiteres Beispiel, im reichen Jüngling (Lk 18, 18-27) einen Menschen, der zwar alle frommen Gebote hält, aber dessen Herz vom Besitz - von seinem Schatz - regiert wird und dem er klipp und klar rät: "Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen. Dann wirst du einen Schatz im Himmel haben". Christus fühlt sich - nach unserem Dafürhalten - in diesen Menschen nicht gerade übermäßig ein: "Bei jenen Worten wurde jener ganz traurig; denn er war sehr reich".
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Ein drittes Beispiel: Christus entlastet nicht einfach die Ehebrecherin (Joh 8, 1-11) oder verbietet die Steinigung, sondern spielt, so möchte man fast sagen, auf Risiko. Er beläßt die Situation in der Schwebe und die herangeschleppte Delinquentin damit in Todesangst, während die Menge das Gesetz in die Waagschale wirft: "Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Moses hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen! Was sagst du dazu?" Und Christus sagt erst einmal garnichts: "Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf den Boden. Da sie weiter mit Fragen in ihn drangen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!" Und er bückte sich wieder und schrieb auf den Boden. Ist das jetzt Einfühlung im Sinne einer "anthropologischen Wende"? Die klare Ansage am Ende des Berichts nicht zu vergessen: "Geh hin und sündige fortan nicht mehr!".
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Nein, die "anthropologische Wende" Gottes zum Menschen hat wenig mit der allzu menschlichen Bedröppelungspastoral unserer Tage zu tun: Der Mensch gewordene Gott ist ein Zeichen, dem widersprochen wird (Lk 2, 34), weil es den Widerspruch herausfordert: In jedem einzelnen von uns ebenso wie vor der Geschichte. Hier wie dort gilt: "Diese Rede ist hart! Wer kann sie hören?" (Joh 6, 60).

Kommentare:

Alexander hat gesagt…

Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.

Freiburgbärin hat gesagt…

Hier eine Info für Deine Serie, quasi als Schützenhilfe. Ist mir bei den Recherchen zu meiner Serie als nützlich und verwendbar in meinem Zettelkasten geflogen.

KKK
1124 Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen. Wenn die Kirche die Sakramente feiert, bekennt sie den von den Aposteln empfangenen Glauben. Deshalb gilt das alte Prinzip: „lex orandi, lex credendi" (oder, wie Prosper von Aquitanien im 5. Jahrhundert sagt: „legem credendi lex statuat supplicandi")[ Das Gesetz des Betens soll das Gesetz des Glaubens bestimmen": auct. ep. 8]. Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens; die Kirche glaubt so, wie sie betet. Die Liturgie ist ein grundlegendes Element der heiligen, lebendigen Überlieferung [Vgl. DV 8].