Freitag, 19. Oktober 2012

Glauben nach Gutdünken? Teil 1

Viel ist vom Glauben die Rede und vom Katechismus in der Blogozese dieser Tage - Ameleo von Frisch.Fromm.Frau hat das Thema aufgebracht; zuletzt hat sich Sophophilo von Invenimus Messiam eingeschaltet und Position bezogen. Frischer Wind mischt auch mit.
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Meines Dafürhaltens liegt des Pudels Kern bei dieser Debatte in dem, was gelegentlich mit dem Wort einer "anthropologischen Wende" in der Theologie ummantelt wird: Glaube und Glaubensinhalte werden nicht mehr sub specie æternitatis betrachtet, sondern vom Menschen her und dessen vermeintlichen - oder behaupteten - Möglichkeiten gesehen. 
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Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Zumindest zum Teil ist sie eine Reaktion auf Pastoral und Verkündigung früherer Zeit, die - um es einmal zugespitzt darzustellen - nicht selten sich damit begnügte, den Lehr-, Moral- und Dogmenknüppel auszufahren, wo "Glaube" und "Leben" bei den Menschen Gefahr liefen, aus dem Gleichgewicht zu geraten; was freilich die schlechteste aller Lösungen darstellt, um ein Individuum wieder in die Lehre der Kirche zu integrieren. Warum war dieser rabiate Ansatz oft zum Scheitern verurteilt? Weil bereits zuvor die Lehre der Kirche nicht "über-zeugend" in das Individuum integriert worden war! 
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Oder anders gesagt: Allzu oft wurden "Katechismuswahrheiten" eingepaukt, ohne damit - und darüber hinaus - wirklich Glauben zu wecken, zu fördern, fruchtbar werden zu lassen. Mit wachsendem Lebensalter war dieser so vermittelte Glaube alsdann nicht stark genug ausgebildet, um Inhalte und Ansprüche der Glaubenslehre gerade auch da hinein nehmen zu können, wo sie innerhalb einer Lebenspraxis oder eines Lebensentwurfes zu einer Herausforderung wurden, wo vielleicht sogar Umkehr oder Neuorientierung Not getan hätten. Der Mensch entfremdete sich der Kirche und dem Glauben bei formaler Wahrung oder aber Aufgabe äußerer Formen.
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Später wollte man - auch als Konsequenz dieser Entwicklung - den Menschen "ernst nehmen", ihn "da abholen, wo er steht", ihn "nicht überfordern" oder gar "manipulieren", ihm nicht "zu nahe treten" und stets "Grenzen respektieren". Daß zwischenzeitlich überdies jenseits der Kirche das Indiviuum als ein Autonomes postuliert wurde und wird, hat diese Haltung zusätzlich befördert. Die damit verbundene Sicht auf den Menschen wird heute auch in der Kirche allzu oft kritiklos übernommen.
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Was ehedem zum Heile fest zu glauben war, wird zunehmend zur Verfügungsmasse des Einzelnen - zumindest wird das depositum fidei so behandelt. Selbst zentrale Glaubensaussagen gelten hierbei nicht per se als individuell "glaubwürdig". Maßstab der jeweiligen "Glaubwürdigkeit" ist alsdann auch nicht die Offenbarung und nicht die damit untrennbar verbundene Lehre der Kirche, nicht mithin das unverstellte Wort Gottes und die verheißene (Ein-) Führung des Geistes, sondern Maßstab ist das eigene "Für-wahr-halten", das eigene Empfinden und Erfahren, die aktuelle theologische Forschung (mit ihrer historisch-kritischen oder soziologischen Schlagseite) oder die eigene Einsicht, der eigene Intellekt, der eigene Wunsch, das eigene Weltbild, der eigene Lebensentwurf oder auch nur die eigene Bequemlichkeit. Es geht hier, aber das nur am Rande bemerkt, also nicht um den Glaubenszweifel, nicht um das Ringen im Glauben oder um Glaubenssätze, was - vor Gott getragen, vor Gott ausgestanden - auch Zeichen des Glaubens ist. Letzteres ist - wenngleich es Schnittmengen geben kann - etwas anderes als jener zuvor umrissene Glaube "nach eigenem gusto", jener stückwerkende "Glaube" des sich vor allem autonom glaubenden Individuums.
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Die Kirche wußte, warum sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts anverwandte Tendenzen unter dem Sammelbegriff "Modernismus" scharf verurteilte und - mit nicht immer glücklichen Mitteln - auszumerzen versuchte. Wenn sich nämlich jeder seinen Glauben nach Gutdünken zurecht legen kann, so führt dies zwangsläufig zum Zusammenbruch des "katholischen" Glaubens im Sinne einer umfassenden "Gemeinschaft" in Fülle und in jener Vielfalt, die dieser Fülle entspringt und zugleich aus dieser Fülle das Maß empfängt.
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(Fortsetzung folgt - als nächstes geht es voraussichtlich - quasi als Gegenmodell zur anthropologische Wende - um Gott als den Urheber des Glaubens, um den Glauben als göttliche Tugend und alsdann um den Menschen als denjenigen, der sich dem Glauben öffnen kann).

Kommentare:

Freiburgbärin hat gesagt…

Der Katechismumsschmäh geht ganz eindeutig auf die modernistische Revolution Vatikanum II zurück.
Bis 1970 waren Kirchengeschichte und Katechismus verpflichtend, vielleicht langweilig, aber gelernt habe ich trotzdem, was katholisch ist.
Dann begann der Selbstbastelglaube und der Untergang des katholischen Wissens.
Das ist bedauerlich, aber nicht unumkehrbar.
Ab Montag werde ich mich der modernistischen Revolution in meinem Blog widmen.

MC hat gesagt…

Ein interessanter Aspekt. Find ich gut. Freue mich schon auf den nächsten Teil.