Freitag, 26. Oktober 2012

Frisch.Fromm.Fresse halten? Eine kleine Polemik in eigener Sache ...

Sankt Hieronymus -
Deckenbild in St. Cosmas
und Damian, Jechtingen

Ich kann auf meinen Papieren jedwedes ungereimte Zeug niederschreiben ... Solange ich das nicht publiziere, sind die Beleidigungen keine Verbrechen,
 ja nicht einmal Beleidigungen, da die 
anderen davon ja nichts mitkriegen. 
(Sankt Hieronymus, Brief 57, 4)
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Der heilige Hieronymus war eine streitbare Natur, ein wenig der Radaubruder unter den Kirchenvätern, der Vulgata ihr Sido, um es einmal zugespitzt zu formulieren. Also irgendwie das, was katholische Blogger - mit Ausnahme des Prädikats "Kirchenvater" - von Zeit zu Zeit ähnlich oder anverwandt auch sind oder sein können. Hieronymus schaffte es dennoch zur Ehre der Altäre, was wir so trostreich finden mögen wie etwa ein Wort aus einem Roman von Stefan Andres: "Wir sind Gottes Utopia. Aber eines im Werden".

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Gelegentlich wird's auch schwierig- zum Beispiel, wenn traditionsfrohe Katholiken päpstlicher als der Papst aufsatteln. Kommt immer wieder vor. Ehe ich jetzt weiterschreibe ... ich will nicht wissen, confiteor! wie oft schon meine Zeitgenossen meinereiner als selbsterkiestes Superdogma mit aktivem Nöl-, Unk- und Stunkmodus wahrgenommen haben ...
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Wie dem auch sei, im Blick auf den eigenen Stall fühlt man sich hin und wieder entfernt an ein Szenario aus dem Alten Testament und an den Ahnherrn gottgefälligen Eifers erinnert, an jenen Pinechas, der ein götziges Rumsdibums unterband, indem er "in den Hurenwinckeln" ging, wie Luther übersetzte, "und durch stach sie beide den Jsraelischen man / und das Weib durch jren bauch" - von höherer Worttreue getragene Verdeutschungen lassen die Stellung des Pärchens zumeist besser erahnen, aber das nur am Rande, wen's interessiert: Num 25, 1-10).
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Daß wir frisch und fromm die Fresse nicht halten können, mag in diversen Fällen angezeigt sein; in manch anderen wäre es freilich besser. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine recht rüde Schelte nach einer Heiligen Messe in einer dieser "Slumkapellen", in denen die "alte Messe" die ersten dreißig Jahre der Liturgiereform überlebt hat. Ein älterer Herr schnauzte mich Halbwüchsigen in (wehrmachtsgestähltem?) Komisston an, wie ich es nur wagen könnte, zur Heiligen Kommunion zu treten, ohne mir zuvor eine Krawatte umgebunden zu haben und ob ich noch nie etwas vom "hochzeitlichen Gewand" gehört hätte, von dem unser Herr im Evangelium spräche? Da versteht man plötzlich, warum die ausgelutschte Parole "Frohbotschaft statt Drohbotschaft" im anderen Lager seinerzeit so beliebt war. Ob's zur Krawattenfrage eine Rubrik, gar eine Enzyklika gibt? Strangulatus cum gaudio ad thronum gratiæ ... oder so ähnlich? 
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Oder nehmen wir jene in Treue zum Glauben verbundene Schwestern und Brüder, die sich als außerordentlich rührige Sachwalter ihrer eigenen apostolischen Pönitentiarie sehen. Sie scheinen mit einer besonderen Gnadengabe ausgezeichnet, unter der weiland schon Goethes Mephisto stöhnte, als er sich von Gretchens Mutter derbst in den Hintern gekniffen sah: "Die Frau hat gar einen feinen Geruch, / Schnuffelt immer im Gebetbuch, / Und riecht's einem jeden Möbel an, / Ob das Ding heilig ist oder profan ..." Weh dem, der sich vor der Einladung zum Psalterbeten am monatlichen Fatimatag drückt oder die jüngste Gelegenheit zu einem Sühneabend in der Beiz versoffen oder bei der Wandlung nicht mindestens drei Kreuze geschlagen hat: "Es gibt ein Aug', das alles sieht, selbst was in dunkler Nacht geschieht" - aber nicht das Auge Gottes, sondern das Auge von Frau Horch oder Herrn Guck, unterwegs im Auftrag des Herrn zur Aufrechterhaltung der katholischen Ordnung (der Herr Guck sieht selbstverständlich auch, wer zur Kommunion eine Krawatte trägt und wer nicht und welches Mädel Hosen).
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Kommen wir noch kurz auf das Heilige Offizium zu sprechen. Gerade traditionsfreudige Katholiken stapfen zuweilen gerne in dessen Spuren herum. So muß ein Theologe in einem Buch oder ein Priester in seiner Predigt oder anderer Blogger auf seinem Blog noch nicht einmal etwas Falsches geschrieben, gesagt oder verzapft haben - zur Bestätigung von Glaubensabfall oder Modernismus oder Apostasie oder allem zusammen reicht es unbekümmert hin, daß er irgendeinen wichtigen Aspekt nicht auch erwähnt hat. Wer dem dräuenden Verdikt ein Schnippchen schlagen möchte, sollte beispielshalber - und spräche oder schriebe er auch nur wenige Zeilen zu einem dieser Themen - nie vergessen, im Falle des Protoevangeliums auf jeden Fall das Dogma der Unbefleckte Empfängnis als Dogma, im Falle der Guten Werke die Verdiensthaftigkeit derselben oder im Falle der Meßliturgie das Kreuzesopfer explizit zu thematisieren; ganz egal, ob er an anderer Stelle ausführlichst auf die genannten Aspekte eingegangen ist. Wer nämlich - um die andere Seite in den Blick zu nehmen - in seiner Freizeit sämtliche Kräfte bündelt, den Glauben effizient davor zu schützen, von mutmaßlichen Irrlehrern gekapert zu werden, hat nicht immer im gleichen Maß die Muse, sich mit irgendwelchen Wälzern und Schwarten der übelst Verdächtigen herumzuschlagen.
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Soweit diese kleine, ebenso zugespitzte wie andererseits ziemlich unzureichende Bestandsaufnahme. Wahrscheinlich steckt in jedem von uns katholischen Bloggern, die wir die Kirche lieben und uns an ihr freuen, etwas von den beschriebenen Typen. Manchmal ist das - angesichts der Zeiten - notwendig und gut, manchmal ist es des Guten zuviel, oder genauer: zu wenig an Glaube, an Hoffnung, an Liebe. 
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Gottes Utopia. Im Werden.

Kommentare:

eumloquatur hat gesagt…

Hui. Vielen Dank!

Freiburgbärin hat gesagt…

Zitat: „So muß ein … anderer Blogger auf seinem Blog noch nicht einmal etwas Falsches geschrieben, gesagt oder verzapft haben - zur Bestätigung von Glaubensabfall … reicht es unbekümmert hin, daß er irgendeinen wichtigen Aspekt nicht auch erwähnt hat.“

Wie wahr, wie wahr. Ich habe noch nichtmals Odo, den Laacher Zausel erwähnt, und schon kann ich mein Gebiss zwei Meter von mir entfernt aufklauben. :) :)

ps. Kauf Dir 'mal ein paar Schmeilis.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

:-)

Wolfram hat gesagt…

Eine kleine, schnelle Überprüfung hat ergeben: Luther hat den fraglichen Abschnitt äußerst wortgetreu übersetzt. Die revidierte Fassung aus dem neulietistischen Lager, oft als ElbRev abgekürzt, spricht zwar von "Unterleib", aber zumindest meines Wissens ist das nicht zwingend die Bedeutung des Begriffs.
Nun hat Luther freilich, wie auch die Elberfelder Brüder, aus dem Hebräischen übersetzt und nicht aus dem Lateinischen. :P

Dorothea hat gesagt…

Die von Dir beschriebenen Verhaltensweisen haben bei unseren beiden Töchtern zu einer ziemlichen Katastrophe geführt als sie aus Interesse mal in (zwei verschiedene ) Heilige Messen mit alter Liturgie mitkamen.

Sie kannten sich natürlich nicht aus wie jeder sich anfangs nicht auskennt, was bei der einen Tochter dazu führte, daß eine ältere Frau, die neben ihr saß die ganze Zeit mit ihr moserte so etwas habe sie ja noch nie erlebt, die andere Tochter wurde angemacht sie dürfe ihre zwei kleinen Kinder nicht so rumhampeln lassen, was wir wirklich nach Kräften versuchten zu verhindern. Die Frau in diesem zweiten Fall nutzte ausgerechnet den Augenblick als mein Mann und ich zur Eucharistie gingen um unserer Tochter das zu sagen. Die Predigt kam auch noch von einem Hardliner, die wir, da in schwedisch, nicht verstanden, unsere Tochter aber schon und die genau einen sehr empfindlichen Punkt bei ihr in offenbar voller Härte traf. Nachdem wir auf Ihr Drängen früher aus der Kirche gingen brach sie heftig in Tränen aus und sagte sie habe sich in ihrem ganzen Leben noch nicht so abgelehnt gefühlt.

Die Willkommenskultur sollte in traditionellen Kreisen schon mal überdacht werden. Der erste Vorfall war übrigens in St. Afra in Berlin, der zweite in Malmö. Tja...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Dorothea, solche Fälle finden sich leider immer wieder: Blockwarte in den Kirchenbänken und Kanzelrambos (es gibt ja durchaus unterschiedliche Arten, die Lehre der Kirche zu verkünden).

Dorothea hat gesagt…

Es ist solch ein Jammer. Unsere Kinder sind (wir sind ja Konvertiten) beide nicht getauft, waren aber durchaus aufgeschlossen weil sie wissen, daß ihre Eltern zwar manchmal ungewöhnliche Dinge tun daß es sich aber lohnt da noch mal hinzusehen. Sie haben danach deutlich dicht gemacht.

Immerhin gehen sie immer noch Weihnachten mit den Enkeln mit in die Kirche, wenn sie denn dann bei uns zu Hause sind. Unseren hiesigen Landpfarrer finden sie gut.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Dorothea, wenn bei Menschen, die, warum auch immer, zu Glauben und Kirche auf Distanz sind, Annäherungsversuche auf so grottenschlechte Erfahrung hinauslaufen, dann ist das erschütternd - und Ausweis, daß jene, die solches Ärgernis geben, nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht, und mögen sie auch noch so oft und fromm auf Knien herumrutschen.

Wo wir dann nicht mehr weiterwissen, können wir das alles immerhin noch dem Herrn anvertrauen: Euch und Euren Kindern und Enkeln Gottes Segen!

Geistbraus hat gesagt…

ja, und dann gibt es auch noch die Leute vom Initiativkreis gegen kreative Beugung traditioneller Wörter:

also:

ich schätze das Verbum "erkiesen" auch außerordentlich, junger Mann. Allerdings lautet das Partizipium Perfekt zu demselbigen "erkoren" und nicht "erkiest", was irgendwie dann aber leider ganz langweilig-normal klingt. Traurig, aber wahr! Um den ganzen durchschlagenden Erkiesen-Stilknaller zu bringen, muss man Perfekt- und Passivkonstruktionen mit dem Wort leider vermeiden.

Übrigens, Henze ist tot und Donaueschingen war dieses Jahr überdurchschnittlich gut!

Und jetzt liegt bei Euch schon Schnee?! Vor einer Woche bin ich an der Donauquelle noch im Unterhemd rumgelaufen...

Geistbraus hat gesagt…

@Dorothea, das überrascht mich in St. Afra - dort ist die Gemeinde ja eigentlich doch sehr bunt gemischt bezüglich Kleidungsstilen und Verhaltensweisen, da wurde auch schon langhaarig und mit Turnschuhen ministriert...

aber diese Meckerer gibts wohl überall...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Geistbraus, im Unterhemd würde ich jetzt nicht mehr an der Donauquelle herumlaufen wollen. Ach ja, die lieben Neutöner ... gabs wenigstens im Nebenprogramm der SWR-Chefetage eins vernünftig über die Rübe des dämlichen Fusionsbeschlusses wegen?

Übrigens hat mir das ZK für Aufbruch der deutschen Grammatik wagen mitgeteilt, daß ich das im Fall von "kiesen" ruhig so formulieren darf, solange ich mich vorerst nicht an den beigemischten Beugungen von "küren" vergreife. Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Danke aber für den Hinweis. ;-)

Geistbraus hat gesagt…

ja, eins über die Rübe, das triffts ganz gut.

Über diese Aktion habe ich mich allerdings geärgert, und das nicht nur, weil mir ihr Urheber seit langem als Erz-Unsympath bekannt ist...

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Nun ja, die Idee samt zerstörerischer Umsetzung scheint mir sehr grenzwertig; sollte wohl verstören, wobei sowas rasch im Popanz der Aktion untergehen kann, von weiteren Implikationen ganz zu schweigen.

Andererseits kann ich verstehen, wenn man es nach dieser hanebüchenen Entscheidung nicht bei Protestnoten belassen mag. Ich muß hier sicher keinen Lokalpatriotismus kultivieren, um sagen zu können, daß die Orchesterlandschaft in Deutschland ohne wirkliche Not nicht geringen Schaden nimmt. Ich frage mich nur manchmal, was dieser Sender mit der Kohle eigentlich sonst noch anstellt oder anzustellen plant - ins Programm scheint sie nämlich auch nicht übermäßig investiert zu werden; ich brauche weder abendlich wechselnde dröge Belaberung, Beschunkelung und Wiederholungen der schwäbisch-alemannischen Fasnacht der vergangenen 30 Jahre.