Freitag, 14. September 2012

Das Kreuz als Spiegel

Kreuzerhöhung - Wandbild in St. Marien, Gengenbach
 
Jetzt schauen wir Gottes Antlitz wie in einem Spiegel (1 Kor 13,12).
Das Kreuz ist der wunderbarste Spiegel, den Gott ersinnen konnte. Nie hätte ein Mensch aus sich es zu erdenken vermocht, daß Gott sich so uns zeigen, sein innerstes Wesen uns in dieser Weise hätte offenbaren können. Da versagen alle menschlichen Maßstäbe und Vorbilder, da leuchtet allein Gottes schauervolles und beseligendes Mysterium. 
In diesem Spiegel sehen wir aber nicht nur Gott, sondern auch uns selbst. Denn der da als Sohn Gottes am Kreuz hängt, ist, was wir selbst sind, Mensch. Und nicht nur Mensch dem Wesen nach, sondern auch dem Geschick nach. Er schaute in den Spiegel des Menschen - des Ich, aber er blieb nicht dabei stehen, sondern sah den Menschen im Lichte des Vaters. Deshalb blieb er in der Versuchung rein von der Sünde; er kann uns aber andererseits ein Vorbild sein, ein reiner, blitzender Spiegel, nach dem wir uns auszurichten haben.
Nicht die Wissenschaft und nicht die Weisheit, nicht Sophia und Mysteriengnosis, wohl aber die Kreuzesagape schenkt uns in Christus den vollkommenen Spiegel des Vaters und damit das Unterpfand, daß wir schon jetzt im Glauben den Vater schauen und einst die ewige Agape von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen.
Odo Casel OSB - Vom Spiegel als Symbol  

Kommentare:

paulus hat gesagt…

Sehr schöner Beitrag zum Fest Kreuzerhöhung am 14. September.

Dieser Festtag verbindet alle Christen.

Wolfram hat gesagt…

Anders als Paulus (der Kommentator) andeutet, steht dieser Festtag nicht in lutherischen Kalendern, in reformierten erst recht nicht. Was nichts daran ändert, daß der Text von Odo Casel sehr, sehr gut ist. Nur müßte man ihn für die meisten Zeitgenossen vermutlich erst einmal üersetzen...