Dienstag, 21. August 2012

Ein Kirchenbau im Dritten Reich: Christkönig in Titisee II

Im Jahr 1922 veröffentlichte der Großstadtseelsorger und nachmalige Kölner Caritas-Direktor Johannes van Acken seine Schrift Christozentrische Kirchenkunst. Ein Entwurf zum liturgischen Gesamtkunstwerk - in Zusammenarbeit mit dem Architekten Dominikus Böhm, der bald darauf zum wichtigsten Kirchenbaumeister der Moderne avancierte. Im Zentrum der Überlegungen stand eine Kirche, die den Altar zum Volk hin rückt und auf den Altar bezogen ist, was durch eine Circumstantes-Architektur erreicht werden sollte (gegen die der Mysterientheologe Odo Casel OSB prompt polemisierte). Als Alternative trat das Modell der Wegkirche hinzu, die dem traditionellen Kirchenbau mehr entgegen kam. Ein typisches Beispiel für erstere Bauform ist St. Engelbert in Köln-Riehl (1930-32), als (dörfliche) Anverwandlung des zweiten Konzepts lässt sich zum Beispiel die Christkönigskirche von Titisee (1935-37) begreifen (*). Leider konnte ich nirgendwo ausfindig machen, wer bei dieser Kirche als Architekt verantwortlich zeichnete.
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Der Hochaltar mit Tabernakel und dezidiert christologischem Programm zieht unweigerlich den Blick auf sich. Das Kirchenschiff selbst ist als gestaffelte Halle mit zwei niedrigeren Seitenzonen organisiert. In der nahen und beinahe zeitgleich entstandenen Pfarrkirche von Lenzkirch entfallen dann auch die Holzträger, welche in Titisee die sich von der Rück- bis zur Chorwand ziehenden Längsträger stützen. Typisch ist auch die Hervorhebung des Presbyteriums als Lichthalle im Vergleich zur Lichtgebung des Kirchenschiffs. Nicht nur der Hochaltar mit seiner liturgisch vorgegebenen Stufenanlage, sondern der gesamte Chorbereich ist deutlich (und über das sonst Übliche hinaus) erhöht.
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Vielleicht unterstreicht gerade ein Rückblick durch das Kirchenschiff, wie vergleichsweise stark die Blickführung in die Gegenrichtung wirkt. Nicht einmal die Orgel (Dold, 1937) mit ihrem schlichten, aber sehr geschmackvollen Freipfeifenprospekt (leider scheint ein Neubau geplant) vermag auch nur annähernd den Blick derart auf sich zu ziehen, oder besser gesagt: zu zwingen, wie dies beim Hochaltar der Fall ist. 
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Interessant sind die in der höheren Mittelzone angebrachten Aposteldarstellungen: eher karge, entzehre und zerfurchte Gestalten, in denen man einerseits die Züge harter Landarbeit und damit durchaus Reminiszenzen an den bäuerlichen Lebensraum erblicken, welche aber andererseits auch als Absage an das germanische Herrenmenschideal verstanden werden könnten. Manche der Figuren scheinen dem einen oder anderen jener Kunstideale zumindest entfernt anverwandt, die das Dritte Reich als "entartet" verdammte. 
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Klar und keineswegs sublim unterläuft das an der Gotik orientierte Retabel des Hochaltars die politische Ideologie seiner Entstehungszeit. Der Gedanke des Königtums Christi wird nicht nur anhand des Neuen Testaments, sondern auch durch alttestamentarische Szenen illustriert. Gehört das Opfer Melchisedechs noch zu den klassischen Topoi christlicher Ikonographie an Altären, so stellt die Salbung Sauls zum König und der zur Harfe singende König David (unter dem Personal im Hintergrund ist deutlich eine Person mit einem - mittelalterlicher Bildtradition entnommenen - "Judenhut" zu sehen) die jüdische Verwurzelung des christlichen Glaubens und die Kontinuität des Königtums Christi zum Königtum des Alten Bundes besonders heraus. Zwei Prophetengestalten runden dieses Bildprogramm ab.
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(*) In wieweit der Typus der "Wegkirche" bei Böhm auch damit zusammenhängt, daß er in der Zeit des Dritten Reiches sich sowohl bei kirchlichen Instanzen (das Erzbistum Köln erteilte ihm nach dem Bau von St. Engelbert bis 1945 keine weiteren Aufträge) als auch bei den weltlichen Machthabern um sein Auskommen sorgen musste, mag offen bleiben. Hubertus Adam spricht in einem Artikel der NZZ von "basilikalen Kirchenburgen", die Böhm in den 1930er-Jahren gebaut habe und die mehr Broterwerb als Herzensangelegenheit gewesen sein könnten.

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