Sonntag, 19. August 2012

Ein Kirchenbau im Dritten Reich: Christkönig in Titisee I

Zwei, drei kurze Anmerkungen vorab: Anfang des Monats hatte Stanislaus im Rahmen seiner Kirchentouren unter anderem eine - cum grano salis -  "Nazikirche" auf seinem Blog (Zutritt für Berechtigte: hier) thematisiert ... gemeint war damit nicht mehr und nicht weniger als ein Kirchenbau aus der Zeit des Dritten Reiches. Einen christlich-sakralen Stil, den man sich zum Beispiel analog zu den architektonischen Plänen eines Albert Speer denken wollte, hat es natürlich nicht gegeben. 

Blick über den Titisee
Wohl aber hat sich ein kirchliches Stilempfinden entwickelt, in das sowohl theologische und liturgische, aber auch politisch-ideologische Momente hinein spielten. Spätestens die Einführung des Christ-Königs-Festes 1925 rückte die Gestalt Christi - hier in der objektivierbaren Funktion des Herrschers - neu in das Zentrum des Glaubens und überwand, nur ein Beispiel, den stark subjektiven Zug, der sich etwa der Verehrung des Herzens Jesu im 19. Jahrhundert bemächtigt hatte: An Stelle des "süßesten Herzens" trat das "Herz des Königs aller Welt".  Diese christologische Ausrichtung bestimmte die nächsten Jahrzehnte in verschiedenen Variationen, von der Wiedergewinnung des Gedankens von der Kirche als mystischer Leib Christi bis letztlich hin zum "kosmischen Christus" eines Teilhard de Chardin SJ - um nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einem dogmatisch ziemlich anspruchslosen und sehr kuscheligen Gegenbild Platz zu machen: die Zeit einer säkularen Mensch-Jesus-Minne sozialorientierter Utopiegläubiger brach herein.
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Zurück zu den Altvorderen: Die "hohe" Christologie erhielt aus dem Widerstand gegen die nationalsozialistische Ideologie einen zusätzlichen Schub. Dem "tausendjährigen Reich" stellte man den Herrn der Geschichte gegenüber, der gottvergessenden Hybris der Führer den gottmenschlichen Christkönig, einer pervertierten Aufmarsch-Liturgie die sogenannte "Wegkirche" mit Christus im Fluchtpunkt - kurz: dem der Zeit erwachsenen Zerrbild das überzeitliche Urbild. Das bedeutet auch: Es gibt eine Verwandtschaft zwischen den Stilen, die in der Abhängigkeit des Einen vom Anderen bedingt ist, aber auch ein Wechselspiel beider evoziert hat. 
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Unter diese geistigen und geistlichen Prämissen kann man, denke ich, Bau und Gestalt der Christkönigskirche in Titisee gestellt sehen. Der Kirchenbau tat Not, seit der Tourismus den Mittelgebirgssee für sich entdeckt hatte und im Lauf des 20. Jahrhunderts aus einer unter dem Namen Viertäler zufälligen Ansammlung einzelner Schwarzwaldhöfe die Gemeinde Titisee entstanden war. 
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"Almosen geben armet nicht" - diese Worte stehen am Schluss eines Aufrufes des Pfarrkuraten Wendelin Gihr vom August 1935, in dem er seine Gemeinden zu Spenden für den Kirchenbau bat. Seit zehn Jahren wirkt Gihr in Titisee und nutzt dazu die Bärenhofkapelle als Notkirche, die bestenfalls 120 Personen fassen kann - zu wenig für Bewohner und Gäste des Ortes. Wenige Monate zuvor hatte der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber Titisee rückwirkend zum 1. Oktober 1934 zur Pfarrei erhoben. Am 26. Juli 1936 konnte der Grundstein gelegt werden; ein gutes Jahr später wurde das Gotteshaus benediziert.
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... demnächst: Das Innere der Kirche.

Kommentare:

Wolfram hat gesagt…

Die theologischen Gedanken finde ich sehr interessant. Wobei allerdings die Un-Christologie der Siebziger und folgenden Jahre nicht als Folge des Konzils verstanden werden sollte; "wir" ;) hatten kein Konzil und müssen uns trotzdem mit diesem Mist rumschlagen.

Den Ausdruck "Nazi-Kirche" finde ich allerdings (höchst vorsichtig ausgedrückt) extrem ungeschickt. Zumindest das äußere Ansehen der Kirche ist nicht wesentlich anders, als was im Wiederaufbau auch gebaut wurde.

Der Turm hat was Menschliches an sich, mit seinem netten Hut.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Gott behüte, daß ich die auf das Zweite Vatikanum folgende Christologie als Folge des Konzils denunzierte ... ;-)

Klar, das wäre zu kurz gesprungen. Ich springe ein wenig weiter, wenngleich wahrscheinlich nicht weit genug ... aber vielleicht ließe sich sagen, daß im katholischen Bereich der Geist des Konzils das Eindringen einer "liberalen" Christologie (eigentlich müßte man ja "Jesulogie" sagen) mit all ihren Folgen für Glaube und Unglauben stark begünstigt hat.

Wolfram hat gesagt…

Jesulogie, das trifft es. Geht aber schon aufs 19. Jahrhundert zurück, Schweitzer beispielsweise.
Und - möglich, daß die grundsätzliche Öffnung für außerrömische Ansichten und Lehren, die das Konzil bewirkt hat, auch den Ungeistern das Eindringen erleichtert. Umgekehrt hat das aber auch dafür gesorgt, daß manche Dinge mehr im Glauben und weniger magisch verstanden werden.

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Ja, ja, da kommts wieder ans Licht, alles von den Donatisten ähh Evangelen eingebrockt ... und was heißt hier "weniger magisch" verstehen? Die Anbetung der heiligen Reliquie des heiligen Backenknochens des heiligen Propheten Elias setzt unter dreimaligem Absingen der Merseburger Zaubersprüche in Anwesenheit eines seine Jungen mit seinem Blut nährenden Pelikans jedem Zahnschmerz sofort und automatisch und garantiert ein Ende, sofern man dabei ein Einhorn durch den Wald springen sieht. Wo ist das Problem?

Wolfram hat gesagt…

Ich verschlucke mich gerade an dem Backenknochen meines Frühstücksbrötchens und kann deshalb eigentlich nicht antworten, und wie Tillich (noch so'n Evangele) sagt, wenn man nicht reden kann, soll man schweigen.
Bei nächster Gelegenheit möchte ich aber dann doch wissen, wie diese Reliquie in den Besitz der Kirche gekommen ist; hat Elias den Huf des feurigen Pferds ins Gesicht gekriegt und dabei den halben Kiefer verloren, bevor er gen Himmel fuhr? Ich dachte, da wäre er intakt gewesen...

Übrigens, gemäß CA 8 (oder CA VIII, wenn du's lieber auf lateinisch liest) verdammen die Evangelischen die Donatisten. :D Wie es die Reformierten halten, hat sich mir nicht ins Gedächtnis gebrannt, aber was die Gallicana zur Taufe durch einen römischen PRiester sagt, klingt auch nicht donatistisch. :D

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Diese Confessio Augusdingsda, war das nicht dieser Schelmenroman aus der frühen Neuzeit, oder ... aber auch egal, Papier ist geduldig, und glaub bloß nie einem Donatisten und seinem Geschreibsel und überhaupt: Alles Donatisten! Und zur Reliquie des heiligen Propheten Elias: Die ist natürlich vom Himmel gefallen - ein weiteres unschlagbares Indicium für deren Authentizität!!!