Samstag, 25. August 2012

Die Ikonen des Ostens und die Ikonen des Westens

Bereits vor einigen Tagen hatte Johannes hier auf Thermometer auf den Symbolgehalt des Ortes hingewiesen, denn sich die anarchogeilen kommunistischen Krawallfotzen von Pussy Riot für ihr sogenanntes "Punkgebet"ausgesucht hatten: Die unter Stalin 1931 gesprengte und ab 1995 wieder aufgebaute Christ-Erlöser-Kathedrale (Internetpräsenz)  in Moskau, eines der wichtigsten Gotteshäuser der russisch-orthodoxen Kirche. Ich denke, daß nebst der Absicht, die diesen Affentanz ausgerechnet an einem Ort geschehen ließ, welcher einst stalinistischer Hybris zum Opfer fiel, noch ein anderes Moment bedacht werden sollte, um die elende Geschmacklosigkeit dieser Aktion abschätzen zu können.
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Das Anklage und Verurteilung begründende Wort "Rowdytum" klingt in unseren Ohren ein wenig verschmockt. Vielleicht eher würde man die Verletzung dieses geheiligten Ortes als geistigen Vandalismus bezeichnen. Denn wie man nicht nur mit Waffen Gewalt üben kann, sondern auch mit Worten, so kann man nicht nur handfest, sozusagen materiell, einen Ort verwüsten, sondern zeitweilig auch mit obszönem Gebrüll und Mummenschanz - nicht zuletzt im Altarbezirk, unter den Augen der Ikonen.
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Zufällig ist mir dieser Tage ein kleines Buch in die Hände gefallen, Christa Schaffers Gott der Herr - er ist uns erschienen. Der Liturgiker Klaus Gamber steuerte darin ein Vorwort bei, welches dem westlichen Leser auch den Sinngehalt der orthodoxen Ikone nahe zu bringen sucht. Dies mag helfen, noch besser zu verstehen, was mit "Rowdytum" gemeint sein könnte - gewiß mehr als nur ein unbotmäßiger Akt, eine penetrante Ruhestörung oder die Erregung irgendeines "öffentlichen Ärgernisses". Gamber schreibt:
Die Orthodoxie sieht in der Ikone ein "erfülltes" Bild, durch das das Himmlische für den Menschen sichtbar, ja gleichsam gegenwärtig wird. (...) "Bild meint hier", wie J. Tyciak ... sagt, "also mehr als nur deutender Hinweis. Bild heißt gefüllte Gegenwart einer verborgenen Macht. Eine mystische Kommunikation verbindet die Ikonen mit der jenseitigen Welt. (...) Nur der erleuchtete, geheiligte, demütige Mensch schaut das göttliche Geheimnis. Im Bilde schaut ihn das Antlitz des Ewig-Verborgenen an. Wer immer seine gläubigen Blicke auf die Ikone richtet, der wird selber vom geheimnisvollen Dämmerschein des Göttlichen umweht, der wird zutiefst ein Bild, eine Ikone Gottes".
Etwas weiter unten wird mit Alexej Hacken einer, so Gamber, "der besten Kenner der Ikonen-Theologie" ange:führt
"Die Ikone ist somit niemals nur religiöse Darstellung, sondern immer ein vom geheimnisvollen Sein erfülltes Bild" (ebd.).
Diese "Ausstrahlung" der Ikonen schlägt auch in unseren Breiten Gläubige in ihren Bann, womöglich ja eine Spielart der "Faszination", die sich aus dem mysterium tremendum et fascinosum, aus der Erfahrung des Heiligen herleitet?
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Gamber, der dem gängigen abendländischen Heiligenbild einen nur pädagogischen oder dekorativen, keinesfalls aber den Charakter eines Kultbildes zuspricht, vergleicht die Bedeutung der Ikone in der Orthodoxie letztlich mit der Verehrung der heiligen Eucharistie in der katholischen Kirche:
Statt der Ikonen wurden im Abendland ab der Romanik das Kreuz, die plastische Darstellung des Gekreuzigten, sowie die Reliquien der Heiligen verehrt. Da es aber von Christus selbst keine Reliquien gibt, er aber unter der Gestalt des eucharistischen Brotes gegenwärtig ist, kam es wegen des Fehlens der Bilderverehrung bei uns mehr und mehr zu einer Verehrung der Eucharistie auch außerhalb der Messe (...), was die orthodoxe Kirche nicht kennt. Während hier der Christ den erhöhten Herrn im Bild verehrt, tut dies der abendländische Gläubige in der Verehrung der Eucharistie, die es aus eben diesem Grund, wie ein Bild, anschauen möchte. So kam es in der Messe zur Elevation (Erhebung) der heiligen Gestalten nach der Konsekration. Die Orthodoxie will dagegen das Mysterium bewahren und verhüllt daher stets die eucharistischen Gaben (S. 10). 
Vielleicht ist durch diesen Vergleich noch ein wenig mehr deutlich geworden, wie zutiefst skandalös der Pussy-Auftritt auf Menschen wirken muß, die in der reichen geistlichen Tradition der Orthodoxie stehen. Selbst wer nicht viel auf Religion hält, aber sich einen Rest an Respekt davor bewahrt hat, was andere Menschen in den Tiefen der Seele berührt, wird womöglich diese Einschätzung teilen.
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Aber die Medien und Meinungen des Westens haben sich längst andere Ikonen erkoren: Drei kreischende Frauen, die künstlerisch das zelebrieren, was sie politisch - mit vielerlei wohltönenden Begriffen verbrämt - heraufführend wollen: Das Diktat des Chaos, die Herrschaft des Häßlichen. Eine andere Welt, so lassen uns die Linken gerne wissen, sei möglich - muß man noch fragen, wie diese aussehen wird, sintemal der Blick auf Pussy Riot gerichtet wird?
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Christa Schaffer: Gott der Herr - Er ist uns erschienen. Das Weihnachtsbild der frühen Kirche und seine Ausgestaltung in Ost und West. Regensburg 1982.

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